Frankfurter Buchmesse 2026 

Verleihung des Deutschen Buchpreises

von Nane Klein (Praktikantin) 

© Linda Deutsch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am Montag, den 5. Oktober 2026, wurde Shida Bazyar für ihren Roman Die Lücken mit dem Deutschen Buchpreis 2026 ausgezeichnet.

Der renommierte Preis, der jedes Jahr den besten deutschsprachigen Roman ehrt, ist mit 25.000€ dotiert.

 

Shida Bazyar, geb. 1988 in Hermeskeil, legt mit Die Lücken bereits ihren dritten Roman vor. Nach ihrem Studium des Literarischen Schreibens war sie viele Jahre in der Jugendbildungsarbeit tätig. Ihre Romane wurden mehrfach übersetzt und ausgezeichnet, unter anderem mit dem Ulla-Hahn-Autorenpreis, dem Uwe-Johnson-Förderpreis sowie mit dem Ernst-Toller-Preis.

 

In ihrem Roman Die Lücken werden fast 100 Jahre deutscher Geschichte anhand unterschiedlicher Figuren beleuchtet. Dabei stehen die Verfolgung jüdischer Menschen während des Nationalsozialismus sowie der heutige Umgang mit Menschen mit Migrationsgeschichte im Mittelpunkt. Bazyar erzählt die Geschichte einer Gemeinde, die ihre Vergangenheit aktiv verschweigt und zugleich zum Zufluchtsort für diejenigen wird, die hier Geborgenheit suchen. Dabei stellt sie die Frage, was es bedeutet, sich in Deutschland heimisch zu fühlen.

 

Die diesjährige Jury, vertreten durch Sebastian Guggolz, würdigt die eindringliche Auseinandersetzung mit Erinnerung, gesellschaftlicher Verantwortung und Gleichgültigkeit und in der offiziellen Begründung heißt es: »Die Autorin wählt überzeugende literarische Strategien. Der Blick einer toten Erzählerin und die kaleidoskopische Struktur des Textes ermöglichen es, zwischen den Zeiten zu springen sowie Nähe und Distanz zu erzeigen. Auch die enge Verbindung von fiktiven und dokumentarischen Elementen, von erfundenen und historischen Figuren, die selbst eine Stimme bekommen, erzeugen den starken Nachhall des Textes. Ein Roman gegen Gleichgültigkeit.«

 

Ihre Dankesrede verbindet die Schriftstellerin mit einem eindringlichen Appell gegen Antisemitismus, Rassismus und gesellschaftlicher Gleichgültigkeit: »Es fällt mir nicht so leicht, richtig Freude zu empfinden. [..] All meine Freude über die Wertschätzung, die ich bekomme, soll den Personen gehören, um die es in diesem Roman geht. [..] Ich möchte darauf hinweisen, dass antisemitische Straftaten auf ihrem Höchststand sind und die rassistischen auch. [..] Ich möchte eindringlich dazu auffordern, dagegen zu halten.«

 

Weitere Informationen zu Preisverleihung und Preisträger finden Sie auf der Homepage des Buchpreises.


Die übersehene Kunst des Übersetzens – sichtbar auf der Frankfurter Buchmesse

von Kim Zips (Praktikant)

Tonga Yali auf der Discovery Stage

 

 

 

Jana Krötzsch und Susa Wolfrum im Gespräch

 

 

 

Veronika Islinger, Julia Wolf, Francesca Manfredi und Dolmetscherin

Die Frankfurter Buchmesse ist bekanntermaßen ein gut besuchtes, zuweilen chaotisch überfülltes Event. Das gilt auch schon für die ersten Tage, an denen nur die Fachbesucher*innen erscheinen. Bereits vor Betreten der Messe, wenn man am Eingangsbereich nach seinem Ticket kramt, ist man von Menschen umgeben. Eine Orientierungshilfe bietet hierbei ein Lautsprecher, der ansagt, in welche Richtung man gehen muss; abwechselnd auf Englisch und Deutsch. Die mehrsprachige Ansage gibt bereits einen ersten Hinweis darauf, wie international die Messe ist. Dies erkennt man auch durch die große Anzahl an Ausstellern aus verschiedensten Ländern und mehrsprachigen Veranstaltungen. Literatur gibt es immerhin überall. Doch wenn wir an das Lesen von Büchern aus aller Welt denken, gerät eine Berufsklasse gerne in den Hintergrund, nämlich die der Übersetzer*innen.

 

Das Programm der diesjährigen Buchmesse gab jedoch genügend Anlass dazu, daran etwas zu ändern: So kündigte eine Veranstaltung auf der Off-Bühne der Schweiz an, ein »Spotlight« auf Übersetzungen zu richten. Die Diskutierenden waren sich dabei einig, dass alle von guten Übersetzungen profitieren. Dennoch nimmt man die gute Übersetzung oft für selbstverständlich, vergisst beim Lesen glatt, dass man gar nicht den originalen Text vor sich hat. In diesem Zuge rief die Moderatorin Sula Textor Veranstalter*innen dazu auf, öfter den Mut zu haben, Übersetzer*innen eine Bühne zu bieten, damit sie von ihrer Arbeit sprechen. Die Erfahrung zeige, dass solche Veranstaltungen durchaus auf Interesse stoßen. Dass die Arbeit an einer Übersetzung durchaus interessant ist und viel mehr als nur das stumpfe Auswechseln von Vokabeln, demonstrierte auch Seid Serdarević, Cheflektor eines kroatischen Verlags, mit der Beobachtung: Gibt man dieselbe Seite zehn Übersetzer*innen, bekommt man zehn grundsätzlich verschiedene Übersetzungen. Dies verdeutlicht, dass das Übersetzen durchaus eine kreative Tätigkeit ist; insbesondere um Literatur zu übersetzen, brauchen Übersetzer*innen auch literarisches Talent und haben jeweils ihren ganz eigenen Stil.

 

Kurz darauf hörte ich die taiwanesische Übersetzerin und Lyrikerin Tong Yali sprechen. Während das Thema der schlechten ökonomischen Bedingungen auf der Schweizer Off-Bühne nur angerissen wurde, stand es bei diesem Vortrag im Zentrum. Denn anders als in Europa kommt in den meisten asiatischen Ländern das Problem hinzu, dass Übersetzer*innen nicht das Urheberrecht an ihren Übersetzungen haben. Tong Yali berichtete, dass sie ihre Übersetzungen deutscher Literatur nur anfertigen konnte, weil sie dafür Stipendien und Förderungen aus Deutschland erhielt.

 

Etwas humorvollere Einblicke in die Tätigkeit des Übersetzens gab Ulrich Blumenbach, Träger des Johann-Heinrich-Voß-Preises für Übersetzung 2026, auf einer Lesung. Um den ausufernden Roman Unendlicher Spaß von David Foster Wallace zu übersetzen, musste er sich nicht nur in die Sprache, sondern auch in die Themengebiete einarbeiten, wie etwa die Falknerei. Problematisch gestaltete sich die Übersetzung auch an einer Stelle des Buches, an der eine Figur mit einem nahezu unverständlichen irischen Akzent auftritt. Blumenbach entschied sich schließlich dazu, die Figur Schweizerdeutsch sprechen zu lassen. Dabei ging er sogar so weit, Verweise auf die irische Nationalität abzuändern, um aus der Figur einen Schweizer zu machen, womit an dieser Stelle deutlich wird, dass jede Übersetzung auch eine eigenständige Leistung darstellt. Für die Übersetzung des Textes hat Blumenbach insgesamt über 5 Jahre gebraucht. Zwischendurch übersetze er auch einige kleinere Texte, musste aber zugeben, dass er oft nur dank des Gehalts seiner Partnerin über die Runden kommen konnte. Solche ökonomischen Rahmenbedingungen sind später nicht mehr sichtbar sind.

 

Am nächsten Tag ging es für mich dann auf einer Veranstaltung des Ehrengasts Tschechien. In seinem Pavillon präsentierte das Gastland eine große Auswahl an Büchern, die ins Deutsche übersetzt wurden. Die Übersetzer*innen Susa Wolfrum und Jana Krötzsch wollten jedoch gerade über diejenigen Texte der tschechischen Literatur sprechen, die (noch) nicht übersetzt worden sind. Als Gründe für mangelnde Übersetzungen nannte die beiden etwa, dass viele Verlage nicht vertraut mit der tschechischen Sprache sind und die Kosten von Übersetzungen scheuen. Auch hier sind es neben Vorurteilen gegenüber tschechischen Büchern vorrangig ökonomische Bedingungen, die das Entstehen von Übersetzungen erschweren.

 

Doch neben all den finanziellen Umständen, die das Übersetzen begleiten, ging es auch um das Übersetzen als  künstlerische Tätigkeit. Es unterhielten sich Julia Wolf und Francesca Manfredi, die beide sowohl eigene Erzählungen schreiben als auch Literatur aus dem Englischen in ihre jeweilige Erstsprache übersetzen. Die beiden Autorinnen teilten die Erfahrung, dass das Übersetzen von anderen Texten wiederrum zum eigenen Schreiben inspiriert. Außerdem äußerten sie sich zu der Erfahrung, die eigenen Texte übersetzen zu lassen. Francesca Manfredi erinnerte sich an ihre französische Übersetzerin, die sie nur anrief, um scheinbar nebensächliche Details am Text zu klären. Dadurch musste sie einen ganz neuen Blick auf ihre Erzählung werfen.

 

Die Moderatorin wies am Ende darauf hin, dass auch dieses Gespräch seinen Beitrag dazu geleistet hat, Übersetzer*innen mehr Sichtbarkeit zu bieten, und dass es noch viele weitere Veranstaltungen zum Thema Übersetzung auf der Buchmesse gibt. Dies kann ich nur unterstreichen. Lediglich einen Bruchteil der möglichen Veranstaltungen konnte ich im Zuge meines Messeaufenthalts aufsuchen, doch hat diese kleine Auswahl bereits genügt, um die Bedeutung von Übersetzer*innen und ihrer Arbeit besser wertschätzen zu können. Wenn ich fortan fremdsprachige Bücher lese, werde ich hoffentlich nicht mehr über die Qualität der Übersetzung hinwegsehen; zumal ich jetzt stets vermuten muss, dass sie womöglich nicht einmal für eine gerechte Bezahlung angefertigt wurde. Und für diese Erkenntnis danke ich der Frankfurter Buchmesse. Denn wie arm wären unsere Lesebiographien ohne gute Übersetzungen!


Zwischen fliegenden Büchern und kleinen Wäldern – Kinderliteratur auf der Frankfurter Buchmesse

von Charlott-Katrin Pelger (Praktikantin)

Praktikantin Charlott trifft auf der Suche nach spannender Kinderliteratur so manche Besucher*innen

 

 

Schwebende Bücher am Stand von Coppenrath

 

Auch der Grüffelo darf auf der Buchmesse nicht fehlen

 

Zum ersten Mal durfte ich gemeinsam mit dem Team des Literarischen Zentrums Gießen (LZG) die Frankfurter Buchmesse besuchen. Besonders gespannt war ich darauf, in die Welt der Kinderliteratur einzutauchen und nach neuen Bilderbüchern, spannenden Geschichten und inspirierenden Illustrationen Ausschau zu halten. Schnell wurde klar: Hier gibt es jede Menge zu entdecken!

 

Am Donnerstag hatte ich Glück: Die Messehallen waren noch vergleichsweise leer, sodass ich mir in Ruhe einen ersten Überblick über das weitläufige Gelände und die zahlreichen Verlagsstände verschaffen konnte. Am Messefreitag sah das schon ganz anders aus: Zwischen den vielen Besucher*innen wurde es zunehmend voller – umso glücklicher war ich, dass ich mich am Vortag bereits ein wenig orientieren konnte.

 

Neben der großen Vielfalt an Büchern waren es vor allem die liebevoll gestalteten Messestände, die mich beeindruckt haben. Überall gab es etwas zu entdecken, zu bestaunen und auszuprobieren. Die Verlage hatten sich einiges einfallen lassen, um ihre Bücher und Geschichten auf besondere Weise zum Leben zu erwecken.

 

So schwebten am Stand des Coppenrath Verlags Bücher scheinbar durch die Luft, während beim Beltz & Gelberg Verlag ein kleiner Wald dazu einlud, auf Entdeckungsreise zu gehen und dem Grüffelo zu begegnen. Auch lebensgroße Figuren aus bekannten Büchern und Serien waren auf dem Messegelände zu finden. Die vielen interaktiven Elemente machten die Literatur auf ganz unterschiedliche Weise erlebbar. Es fühlte sich an, als könnte man direkt in die Geschichten eintauchen und für einen Moment selbst Teil ihrer Welten werden.

 

Bei meinem Rundgang begegnete ich einer riesigen Auswahl an Kinderbüchern: von fantasievollen Bilderbüchern über liebevoll illustrierte Geschichten bis hin zu ganz neuen Ideen, die neugierig auf mehr machten. Auch zahlreiche Illustrator*innen waren auf der Messe vertreten. Dabei wurde deutlich, wie vielfältig Kinderliteratur ist und wie viel hinter einem fertigen Buch steckt. Neben der Geschichte selbst spielen schließlich auch die Bilder, die Gestaltung und die Art, wie Kinder an Bücher herangeführt werden, eine wichtige Rolle.

 

Ein ganz besonderes Highlight meiner Messetage war für mich der Besuch beim NordSüd Verlag. Dort durften wir an einem Gespräch teilnehmen, bei dem uns kommende Kinderbuchneuerscheinungen vorgestellt wurden. Wir wurden herzlich empfangen und durch die neuen Titel geführt. Ich konnte die unterschiedlichen Geschichten und Illustrationen in Ruhe entdecken und bestaunen. Gleichzeitig erfuhren wir mehr darüber, was die einzelnen Bücher auszeichnet und welchen Mehrwert sie für Kinder bieten können.

 

Für mich war es sehr spannend, die Bücher nicht nur aus der Perspektive einer Leserin kennenzulernen, sondern auch einen Einblick in die Überlegungen zu bekommen, die hinter ihrer Auswahl und Vermittlung stehen. Denn für das LZG stellte sich natürlich auch die Frage: Welche Geschichten könnten für unser kommendes Programm und insbesondere für das nächste Gießener Bilderbuchfestival interessant sein? So wurde aus dem Entdecken und Staunen zugleich ein Austausch über mögliche zukünftige Veranstaltungen und darüber, wie wir Kinder langfristige Freude am Lesen vermitteln können.

Die Tage auf der Frankfurter Buchmesse waren für mich unglaublich interessant und lehrreich. Ich habe nicht nur eine beeindruckende Vielfalt an Kinderbüchern kennengelernt, sondern auch einen ganz neuen Blick auf die Welt hinter den Büchern gewonnen. Von den ersten Ideen über die Illustrationen bis hin zur Präsentation und Vermittlung wurde mir deutlich, wie viele unterschiedliche Aspekte zusammenkommen, damit Geschichten ihren Weg zu jungen Leser*innen finden.

 

Vor allem nehme ich mit, wie vielseitig und lebendig Kinderliteratur sein kann und wie viel Freude es macht, Geschichten gemeinsam zu entdecken. Ich bin sehr dankbar, die Buchmesse gemeinsam mit dem LZG-Team erlebt zu haben, und gespannt, welche der vielen inspirierenden Eindrücke sich vielleicht auch im zukünftigen Programm des LZG wiederfinden werden.


»Aber die Literatur bleibt« – Widerstand bei der tschechischen Autorin Radka Denemarková

von Paula Kalisch (Praktikantin)

Der diesjährige Ehrengast Tschechien präsentiert sich im Gastland-Pavillion

 

 

 

»Ein Land an der Küste« –Binnenland Tschechien findet literarisch zum Ozean

 

 

 

Schriftstellerin Radka Denemarková am Stand des Hessischen Literaturrats im Gespräch mit Moderatorin Madelyn Rittner

 

 

 

 

 

 

Jedes Jahr empfängt die Frankfurter Buchmesse einen internationalen Ehrengast. Diesem wird es ermöglicht, seine kulturelle und literarische Einzigartigkeit in einem umfassenden Rahmen aus Lesungen und Gesprächen, der architektonischen Darstellung des Gastland-Pavillons sowie der landestypischen Küche darzustellen. Unter dem Motto »Ein Land an der Küste« präsentierte dieses Jahr Tschechien ein vielfältiges Meer an Literatur und Kultur. Inspiriert wurde dieses Motto von Shakespeares Wintermärchen, in dem er Böhmen eine Küste zuschreibt: Es zeigt Tschechien als ein Land, das mit dem »globalen Ozean der Geschichten« verknüpft ist. Ein Binnenland, das in der Literatur doch eine Küste findet, an der Sprachen, Geschichten und neue Ideen eine Anlegestelle finden. Tschechiens Programm auf der Messe legte den Fokus auf starke Stimmen bezüglich relevanter Themen, auf Vielfalt in den Künsten sowie auf den Austausch verschiedener Gruppen.

 

Auch die Konstruktion des Pavillons folgte dem leitenden Motiv der Küste: Zwischen aufblasbaren Elementen verschiedenster Größen, die die Vielfalt der Vorstellungskraft symbolisierten, fanden sich Bojen und ein »literarischer Leuchtturm« wieder, dessen Schlaglicht auf wechselnde Ausschnitte tschechischer Literatur fiel. Auf eine weitere Fläche wurden Illustrationen projiziert. Zwischen einer facettenreichen Auswahl an Literatur hielten auf zwei Bühnen die 75 tschechischen Autor*innen im Laufe der Messetage zu den unterschiedlichsten Themen Lesungen, Gespräche und Diskussionen.

 

Eine dieser Autor*innen hat meine Erfahrung der Buchmesse besonders geprägt. Mit ihrer Eröffnungsrede setzte Radka Denemarková ein klares Zeichen und erntete gleich zu Beginn der Buchmesse Standing Ovations. Die Rede des tschechischen Kulturministers Oto Klempíř – der nicht nur Mitglied der rechtsextremen »Motoristen«-Partei ist, sondern zudem von kritischen Stimmen als »Anti-Kulturminister« bezeichnet wird – ließ sie nämlich nicht einfach so stehen. Bevor sie sich ihrer Rede widmete, stellte Denemarková voraus: »Die Staatsminister, die die Kultur vernichten, kommen und gehen – aber die Literatur bleibt.«

 

Die tschechische Schriftstellerin, Journalistin und Übersetzerin leistete in dieser Rede, aber auch in Gesprächen der folgenden Tage Widerstand gegen allgemeine Machtstrukturen und den Rechtsruck in der Politik. Immer wieder betonte die Autorin, dass Literatur und Politik für sie untrennbar sind. Diese Erkenntnis spiegelte sich in jeder Veranstaltung, die ich besuchte: Denemarkovás Schreiben ist politisch.

 

In ihrem 2026 erschienenen Roman Schokoladenblut (ins Deutsche übersetzt von Eva Profousová) geht sie der Frage nach, woher Zerstörung, Leid und Ungerechtigkeit in dieser Welt kommen. Dazu reist sie literarisch ins 19. Jahrhundert zurück, wo sie die Entwicklungen von Industrialisierung und Globalisierung als Ursprung identifiziert. Als leitendes Motiv für ihre Erzählung nutzt sie das des Zuges, denn keine andere Erfindung habe die Entwicklung zu der damaligen Zeit so verändert wie die Eisenbahn.

 

Obwohl die Handlung des Romans im 19. Jahrhundert angesiedelt ist, machte die Schriftstellerin noch einmal deutlich: Es geht um uns, es geht um unsere Gegenwart. Die Menschheit sei zwar damals in einen Zug – den Zug der Industrialisierung, der Globalisierung, des Nationalismus und der Oligarchen – eingestiegen, jedoch nie wieder abgesprungen. Wir alle säßen nach wie vor in dem Zug, der Zerstörung und Leid bedeutet.

 

Für ihre Protagonist*innen wählt Denemarková historische Figuren und bettet diese in einen fiktionalen Kontext ein. Dazu inspirierte sie die »Göttliche Komödie«, denn schon Dante Alighieri nutzte historische Figuren, um seine persönlichen Krisen zum Ausdruck zu bringen. Schokoladenblut erzählt u.a. von der tschechischen Schriftstellerin Božena Němcová, der die Loslösung aus der Unterdrückung des Patriarchats nie ganz gelang, sowie von ihrer französischen Zeitgenossin George Sand, die wiederum das Privileg besaß, sich den Konventionen entziehen zu können. Denemarková wählte diese im Kern so verschiedenen Figuren, um zu zeigen, wie viel Einfluss Sozialisierung auf das Individuum hat. Die Autorin spannt große historische Bögen, schenkt jedoch gleichzeitig jeder ihrer Figuren eine eigene Leuchtkraft.

 

Die Figur der Božena Němcová liegt Denemarková dabei besonders am Herzen: Mehrmals sprach sie vom Schicksal der tschechischen Schriftstellerin, an die Konventionen der Nationalisten gebunden zu sein. So zwang ihr Ehemann sie nicht nur dazu, ausschließlich auf Tschechisch zu schreiben, sondern drängte sie zudem, ihren gebürtigen Namen Barbara zu Božena umzuändern. Zudem sei ihr Schreiben so modern gewesen, dass die tschechischen Nationalisten ihr die literarische Bühne verwehrten.

 

Eine bedeutende Rolle spielt für Denemarková die Frage: »Darf eine Frau genauso frei leben wie ein Mann?« So sind ihr Werk und ihr Sprechen geprägt von feministischen Ansätzen. Mit Schokoladenblut möchte sie der Welt endlich eine wahrheitsgemäßere Version der Božena Němcová bieten.

 

Interessanterweise ist mir die Metaphorik des Zuges nicht nur bei Denemarková begegnet: In einem Gespräch zwischen ihr und der taiwanesischen Schriftstellerin Yang Shuang-zi wurde das Motiv zum Diskussionsthema, denn auch Shuang-zi macht in ihrem mit dem International Booker Prize ausgezeichneten Roman Das Taiwan-Tagebuch (ins Deutsche übersetzt von Karin Betz) durch die Konstruktion einer historischen Erzählung auf aktuelle Missstände aufmerksam. Mit ihrer Erzählung über eine japanische Schriftstellerin in der Kolonialzeit Japans will Shuang-zi einen Raum für Kommunikation schaffen und verdeutlichen, dass Menschen in Taiwan noch immer »im selben Zug sitzen«.

 

Dieses Motiv ist mir darüber hinaus noch einmal in einem ganz anderen Gespräch mit Maryam Kishawarz, einer afghanischen Schriftstellerin, begegnet. In diesem Gespräch berichtete Kishawarz von der aktuellen Lage afghanischer Frauen unter dem Regime der Taliban. Sie sprach von Unterdrückung, Gewalt und davon, dass ihr das Schreiben eine Hilfe sei. Dabei erzählte auch sie von einem Zug, der eine Reise in die Ungewissheit bedeutet – eine Reise in eine hoffentlich bessere Zukunft.

 

Die Frankfurter Buchmesse zeigte mir deutlich, dass – nicht nur in Tschechien, sondern überall auf der Welt – Autorinnen in ihrem Schreiben Missstände aufzeigen, deren Wurzeln teilweise weit in der Vergangenheit liegen. Sie fordern eine Aufarbeitung dieser Vergangenheit. Sie fordern Veränderung, leisten Widerstand gegen diejenigen jene in Machtpositionen – und sie tun dies mit Literatur. Denn Literatur kenne die Antwort, so Denemarková, genau deswegen sei sie für die Mächtigen dieser Welt gefährlich.



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