Vom 19. bis 22. März 2026 öffnete die Leipziger Buchmesse unter dem Motto »WO GESCHICHTEN UNS VERBINDEN.« ihre Türen. Mit rund 2.000 Aussteller:innen aus 54 Ländern setzte die Messe auch in diesem Jahr wieder ein starkes Zeichen für die Bedeutung des Buches. Die Leipziger Buchmesse 2026 und das Lesefestival Leipzig liest wurden erstmals von mehr als 300.000 Menschen besucht. Das Team des LZG war für Sie vor Ort!
In den folgenden Berichten können Sie einen Einblick von den Eindrücken und Erfahrungen des Teams gewinnen. Gleich am ersten Tag erwartete uns ein umfangreiches und attraktives Programm mit vielen spannenden Veranstaltungen, darunter die alljährliche Verleihung des Leipziger Buchpreises.
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© Leipziger Buchmesse / Jens Schlüter
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Was für ein besonderer Ort die Leipziger Buchmesse doch ist! Für mich war es ein wunderbares Erlebnis, im Rahmen meines Praktikums dieses Jahr zum ersten Mal dabei zu sein. Hier begegnen einem so viele Menschen, die sich für Literatur, Kultur und Bildung begeistern – und das spürt man. Der Austausch mit den Beteiligten ist sowohl in den Messehallen als auch bei den Diskussionen und Lesungen auf den kleinen Bühnen sowie bei den Gesprächen und Interviews auf den großen Literaturbühnen inspirierend und regt dazu an, sich selbst einzubringen.
Und genau das war auch das Motto der diesjährigen Buchmesse: »Wo Geschichten uns verbinden.« Literatur soll nicht nur Nähe schaffen, sondern auch zur Auseinandersetzung anregen. Dieser rote Faden zog sich spürbar durch die letzten Tage, durch Erfahrungen und Begegnungen auf der Messe. Dabei spielte auch die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse eine Rolle. Insgesamt wurden 485 Werke aus 170 Verlagen eingereicht. Die 15 Titel der Shortlist haben dabei eine zentrale Gemeinsamkeit: Sie erschüttern die eigene Selbstverständlichkeit beim Lesen. Sie fordern dazu auf, diese zu hinterfragen und neue Perspektiven einzunehmen. Indem in den Büchern alternative Wege aufgezeigt werden, wird die Zufälligkeit des eigenen Lebens erfahrbar.
Nominiert wurden Werke aus den Kategorien Übersetzung, Sachbuch/Essayistik und Belletristik. Oft berichten sie von individuellen Einzelschicksalen und blicken dabei auf politische und soziale Entwicklungen in Deutschland sowie, insbesondere im Sachbuch, auf die internationale Geschichte zurück.
Nach der Begrüßung und Einleitung durch die Buchmessedirektorin Astrid Böhmisch moderierte die Juryvorsitzende Dr. Katrin Schumacher die Preisverleihung. Im Folgenden werden die Gewinner-Titel vorgestellt.
Den Anfang machte die Kategorie Übersetzung. Hier gewann Manfred Gemeiner für seine Übertragung aus dem Spanischen des Romans Unten Leben des peruanischen Autors Gustavo Faverón Patriau. Der Roman folgt dem südamerikanischen Filmemacher George Bennet, der für mehrere Morde zur Verantwortung gezogen wird und daraufhin in ein labyrinthisches Geflecht aus unterirdischen Räumen flüchtet. Hier verdichten sich Gewalt, politische Intrigen und Geheimnisse, die zugleich Licht auf die düsteren Machtstrukturen der lateinamerikanischen Geschichte werfen. Die Jury würdigte insbesondere, wie präzise Gemeiner den eigenwilligen Ton des Originals trifft. Die nüchterne Sprache des peruanischen Autors ähnelt einer journalistischen Berichterstattung und enthält dennoch hochphilosophische Debatten. Diesen furchtlosen Sprachstil gibt auch die deutsche Übersetzung wieder, in der es Gmeiner gelingt, »diese labyrinthische Erzählung mit spielerischer Eleganz zu übertragen«.
Sachbuch/Essayistik: In der Kategorie Sachbuch/Essayistik gewann Marie-Janine Calic mit Balkan Odysee. Das Buch stellt die Flucht vor dem NS-Regime durch Südosteuropa aus verschiedenen Perspektiven dar. Während die Flucht in angrenzende Nachbarländer Deutschlands sowie in Übersee-Länder wie Lateinamerika oder die USA bekannt ist, blieb die Flucht auf den Balkan bislang eher unbeachtet. Calic schrieb das Buch aus der Motivation heraus, dem Publikum die unbekannten, aber auch hoffnungsvollen Seiten des Balkans als Zufluchtsort aufzuzeigen. Im Zentrum stehen Einzelschicksale und menschliche Grunderfahrungen, die Schicksale vermeintlich »einfacher« Menschen. Gleichzeitig wird deutlich, mit welch akribischer Recherche sich Calic die politisch-historischen Zusammenhänge der bislang wenig beachteten Exilforschung in der Balkanregion erschließt.
Belletristik: In der Kategorie Belletristik wurde Katerina Poladjan für ihren Roman Goldstrand ausgezeichnet. Die beiläufig biografische Erzählung des Regisseurs und Protagonisten Eli entführt die Leserschaft in die Welt des alten Europas. Eli hat alle seine Karriereerfolge bereits gefeiert und rekonstruiert nun aus der Distanz seiner Dottoressa in Rom seine Familiengeschichte. Sie führt durch ein ganzes Jahrhundert und quer über den europäischen Kontinent – von Odessa über Konstantinopel und Warna in Bulgarien bis nach Rom. So entsteht eine Biografie aus Selbstbefragung und Erfindung. Ausschlaggebend für die Jury war vor allem Poladjans Sprache, die zugleich leicht und abgründig ist. Dies wird insbesondere in Poladjans Beziehung zur Hauptfigur deutlich, die sie mit Zuneigung, aber auch mit sanftem Spott betrachtet. Poladjan schafft eine poetische Erzählung, in der sie heiter-melancholische Bilder kreiert.
Zum Abschluss der Veranstaltung wird die anhaltende Notwendigkeit von Literatur und die Dringlichkeit, sie am Leben zu erhalten, besonders deutlich. Literatur nimmt sich Zeit. Gerade das macht sie wertvoll und bildet einen wichtigen Gegenpol zur zunehmenden Kurzlebigkeit unserer Gegenwart. Daraus ergibt sich der klare Appell, die magischen Orte der Literatur – darunter Messen wie diese, Buchhandlungen, literarische Initiativen und Vereine – am Leben zu halten. Denn Literatur soll nicht nur gelesen, sondern auch gelebt werden.
Nina Scherer, Praktikantin
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© Isabella Tahmouresi
© Isabella Tahmouresi
© Isabella Tahmouresi |
Für mich war die diesjährige Leipziger Buchmesse eine Premiere – und sie hat mich sofort begeistert. Zwar war ich bereits mehrfach auf der Frankfurter Buchmesse, doch der Vergleich zeigt schnell: Leipzig fühlt sich anders an. Offener, zugänglicher, vielleicht auch intensiver. Besonders die Glashalle mit ihrer lichtdurchfluteten Architektur hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Vielleicht lag meine Begeisterung aber auch daran, dass ich dieses Mal bewusst einen anderen Fokus gesetzt habe: weniger shoppen, mehr zuhören. Ich habe mir Zeit genommen, um Lesungen und Gespräche zu besuchen, und bin mit dem Gefühl nach Hause gegangen, wirklich etwas mitgenommen zu haben.
Auffällig war, dass sich der Großteil der von mir besuchten Veranstaltungen um feministische Themen drehte. Das war nicht geplant, sondern ergab sich aus meinem Interesse sowie der Aktualität des Themas. Denn Feminismus ist keine Modeerscheinung, sondern eine dringende gesellschaftliche Notwendigkeit. Steigende Gewalt gegen Frauen, insbesondere Femizide, digitaler Hass, ein wachsender antifeministischer Backlash, Retraditionalisierungstendenzen wie der Tradwife -Trend, ökonomische Ungleichheiten oder Debatten um reproduktive Rechte – all diese Themen prägen nicht nur gesellschaftliche Diskurse, sondern waren auch auf der Buchmesse allgegenwärtig. Hinzu kommen Fälle, die die öffentliche Debatte aktuell besonders prägen, etwa die Diskussionen rund um die Epstein Files oder der Fall Gisèle Pelicot in Frankreich, der die systemische Dimension sexualisierter Gewalt erneut sichtbar gemacht hat. Auch ein deutscher Fall sorgte direkt zu Beginn der Messe für Gesprächsstoff: Die Vorwürfe digitaler Gewalt im Zusammenhang mit Collien Fernandes und Christian Ulmen lösten breite Reaktionen aus. Die Wut und Solidarität mit Collien Fernandes, die daraufhin von vielen Frauen geäußert wurden, waren auch auf der Messe deutlich spürbar. Autorinnen griffen das Thema auf, ohne dass ihre eigenen Inhalte in den Hintergrund traten – im Gegenteil: Es zeigte sich, wie eng ihre literarischen Auseinandersetzungen mit realen Erfahrungen von Gewalt und struktureller Ungleichheit verknüpft sind.
Gleich zu Beginn setzte Veronika Kracher mit ihrem Buch Bitch Hunt einen wichtigen Impuls. Der Fokus lag dabei auf der Frage: »Warum wir es lieben, Frauen zu hassen?« Darin thematisiert sie den gesellschaftlichen Täterschutz und die Beobachtung, dass betroffene Frauen oft mehr Hass erfahren als die Männer, die Gewalt ausüben. Kracher macht deutlich: Misogynie ist ein strukturelles Problem. Slutshaming und digitaler Hass sind dabei nicht nur Ausdruck patriarchaler Denkmuster, sondern auch Teil eines Systems, das ökonomisch davon profitiert. Ein Gedanke, der sich durch mehrere Veranstaltungen zog, war die Bedeutung eines kollektiven Feminismus. So betonten sowohl Kracher als auch Nicole List, dass patriarchale Strukturen nicht im Alleingang aufgebrochen werden können. Feminismus ist eine gemeinschaftliche Aufgabe, in der Männer eine aktive Rolle übernehmen müssen. Es reicht nicht aus, wenn Frauen für Gleichberechtigung kämpfen. Vielmehr müssen diejenigen, die innerhalb des Systems über die meiste Macht verfügen, Verantwortung übernehmen.
Auf der großen Literaturbühne in der Glashalle sprach Nicole List gemeinsam mit Andrea Böhm über ein Thema, das viele Frauen verbindet. Angst. »Endlich erheben wir unsere Stimmen«, sagte Nicole List und brachte damit nicht nur den Ton ihres Buches Angst vor Männern auf den Punkt, sondern auch die Stimmung vieler Gespräche auf der Messe. In ihrem Buch beschreibt sie diese Angst nicht als individuelles Gefühl, sondern als strukturell bedingt und als permanente Begleiterin im Alltag. Es geht um das Leben in einem Körper, der ständig mitdenken, mitfühlen und sich schützen muss, um Vorsicht, Erschöpfung, Wut und das Schweigen darüber. Andrea Böhm ergänzt diese Perspektive in Fighting Like a Woman um den Aspekt der Gegenwehr. Beide Autorinnen machen deutlich: Angst kann auch ein Rohstoff für Wut sein. Gleichzeitig wird betont, dass Frauen zwar zunehmend ihre eigene Position reflektieren und Verantwortung übernehmen, es jedoch nicht ihre Aufgabe ist, Männern Feminismus zu erklären. Vielmehr braucht es ein Umdenken von Männlichkeit selbst. Männer müssen zuhören, reflektieren und aktiv Teil der Veränderung werden. Während auf den Bühnen über strukturelle Gewalt und Ungleichheit diskutiert wird, dominieren in den Bestsellerlisten oft ganz andere Geschichten. Auf der Messe besonders präsent war das Genre Dark Romance – einem Hype, dem man kaum entkommen konnte. Prof. Dr. Sven Stollfuß von der Universität Leipzig analysierte in einem Interview die problematischen Seiten dieses Genres: die mögliche Internalisierung sexistischer Muster, die Ästhetisierung von Gewalt und Fragen des Jugendschutzes. Gleichzeitig verwies er auf das sogenannte Paradox of Pleasure: Inhalte, die gesellschaftlich problematisch sind, können dennoch als lustvoll empfunden werden. Entscheidend sei daher der Umgang mit Zustimmung und Handlungsmacht. Wenn Figuren Handlungsmacht besitzen und einvernehmliche Dynamiken klar erkennbar sind, kann Dark Romance durchaus Räume eröffnen, in denen Machtverhältnisse reflektiert und sogar unterlaufen werden. Dennoch bleibt das Genre ambivalent und steht vor der Herausforderung, sich stärker selbst zu hinterfragen, um nicht zur Projektionsfläche für bestehende Misogynie zu werden.
Dass es auch alternative Entwicklungen gibt, zeigte eine Podiumsdiskussion zum Thema Feminismus als Zukunftsvision. Mit dabei waren unter anderem Theresa Donner, Oliwia Hälterlein, Sarah Käsmayr und Susanne Krones. Besonders spannend war die Perspektive aus dem Buchhandel: Theresa Donner berichtete, dass gehypte Genres wie Dark Romance in ihrer Buchhandlung kaum nachgefragt werden. Ihre kuratierte Auswahl werde von der Kundschaft bewusst angenommen – ein möglicher Hinweis darauf, dass Qualität und Haltung weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Zugleich wurde die Bedeutung unabhängiger Buchhandlungen und Verlage betont. Gerade sie schaffen Räume für vielfältige Stimmen und ermöglichen Literatur jenseits des Mainstreams – ein entscheidender Faktor für eine lebendige, diverse Literaturlandschaft.
Ein zentrales Thema, das sich durch viele Gespräche zog, war die Rolle von Männern im Feminismus. Wenn Gleichberechtigung erreicht werden soll, dann braucht es Männer, die nicht nur passiv zustimmen, sondern aktiv zuhören, reflektieren und handeln. Die Leipziger Buchmesse hat eindrucksvoll gezeigt, welche Kraft in Literatur steckt: Sie gibt Stimmen eine Plattform, schafft Räume für Austausch und trägt dazu bei, gesellschaftliche Debatten voranzutreiben. Gerade in Zeiten, in denen demokratische Werte unter Druck geraten, ist das wichtiger denn je. Ich hoffe sehr, im nächsten Jahr wieder dabei zu sein und noch mehr dieser dringend notwendigen Stimmen zu hören.
Isabella Tahmouresi, Praktikantin |