Leipzig liest extra 2021 

Tag 1: 27.05.2021

Statt Leipziger Buchmesse: »Leipzig liest extra«  eine Veranstaltung der Leipziger Buchmesse

Die Leipziger Buchmesse fiel in diesem Jahr pandemiebedingt aus, doch die Veranstaltung »Leipzig liest extra« vom 27. bis 30.5 2021 fand statt. In mehr als 300 Veranstaltungen boten 80 Orte im Leipziger Stadtgebiet Autor*innen aus dem In- und Ausland unter Pandemiebedingungen eine haptische oder digitale Bühne für ihre Werke und Gedanken sowie den Austausch mit dem Lesepublikum. Die Autor*innen waren überwiegend live vor Ort und gingen von Leipzig aus für Zuhörer*innen kostenfrei per Stream ins Netz. Auch wir vom LZG waren digital mit dabei und sind Autor*innen begegnet, sind in spannende Diskussionen mit Literat*innen eingetaucht und haben uns für Sie nach Novitäten umgeschaut... Unsere Eindrücke und Erfahrungen finden Sie in den folgenden Berichten.

Viel Vergnügen beim Lesen!

 

 




Eindrücke von "Leipzig liest extra" – von Tabea Knispel

 

Das Programm des ersten Tages

 

Sophie Passmann (links) im Gespräch mit Moderator Jo Schück

 

 

 

 

Eindrücke von »Leipzig liest extra« – von Tabea Knispel

 

Wie bereits im letzten Jahr lädt auch dieses Mal das nicht sehr gemütliche Wetter zum ausführlichen Genießen eines rundum gelungen Kulturprogramms ein – digital und bequem von zu Hause. Ein bisschen traurig ist es natürlich schon, dass das Aufsaugen verschiedenster Eindrücke noch immer ausschließlich an den eigenen Laptop genknüpft ist, jedoch heitert das abwechslungsreiche Programm des von der Leipziger Buchmesse veranstalteten Lesefests »Leipzig liest extra« die getrübte Stimmung auf.

 

 

 

Ganz gemütlich startete mein Buchmessetag um 15 Uhr mit meinem persönlichen Highlight auf dem »Blauen Sofa« – Sophie Passmann. Live aus der Kongresshalle am Zoo Leipzig diskutierte die Bestsellerautorin gemeinsam mit Moderator Jo Schück vor allem über den Umgang mit ironischen Bemerkungen, die Wahrnehmung der eigenen Lebenswelt, die feministische Bewegung der jüngeren Generation und natürlich ihren neuen Roman Komplett Gänsehaut. Die durch Radio, Fernsehen und nicht zuletzt durch ihr vieldiskutiertes Bestsellerbuch Alte weiße Männer bekannt gewordene Satirikerin gilt als »Stimme ihrer Generation – obwohl sie gerade das vermutlich am wenigsten sein will« (SWR). Eben diese Stimme erzählt in ihrem Roman über das Leben im »linksliberalen-Neukölln-Klischee-Milieu«, »wo natürlich der Plattenspieler zu Hause steht, wo natürlich gewisse Bücher gelesen werden müssen, wo Adorno zitiert wird und so weiter« – und das mit Verachtung, gegenüber anderen und natürlich sich selbst. Passmann, die sich selbst im weitesten Sinne als Teil des »Hipster-Klischees« sieht, spricht insbesondere über die Wahrnehmung der eignen Lebenswelt und betont, dass wir oftmals so tun, als wäre das, was wir denken und fühlen, auf die Wahrnehmung aller zu übertragen und bricht in diesem Zuge mit der selbstgerechten Auffassung, wie »wir« bestimmte Themen mit einer Ernsthaftigkeit besprechen, die sich oftmals lediglich auf einen verwendeten Hashtag bezieht, bei dem so getan wird, »als würde es um die Zukunft der Bundesrepublik gehen«. Auffällig ist, dass die Erschließung der Lebenswelt innerhalb des Romans vielfach durch Ironie erfolgt. Auf die Aussage des Moderators, dass sich die Protagonistin und deren Freund*innen oftmals aus Schutzgründen mit Ironie behelfen würden und der anschließenden Frage, warum das so sei, bemerkt die Autorin, dass man die Welt durch Ironie auf Abstand halten könne. Ironiker – denen man das im Roman beschriebene Milieu zuordnen kann – würden die Welt zu ernst nehmen, da die Welt manchmal auch beängstigend sei, so die Autorin. Neben dem »Existenziellkram«, wie etwa Klima, Gesundheitssysteme und der Angst davor, den Job zu verlieren, käme dann auch noch der »Popkulturkram«, der beinhalte, dass man die richtige Musik hören, die richtigen Klamotten tragen und eine möglichst coole Frisur haben müsse. Infolge käme die Angst auf, dass man gar nichts mehr richtig machen könne und schließlich greife in dieser Situation vor allem Ironie, in der man sich retten könne. Abschließend betont Passmann, dass man sich wieder weg von Ironie und hin zu verletzlicher Ehrlichkeit bewegen sollte. Ebenso verweist die Autorin darauf, dass wir unseren Fokus nicht mehr auf andere und das ständige Vergleichen miteinander legen sollten, sondern vielmehr schätzen sollten, was jede*r von uns ganz persönlich erschaffen könne.

 

 

Shida Bazyar (links) auf dem »Blauen Sofa«

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach dieser interessanten Diskussionsrunde und einer kleinen Kaffeepause freute ich mich auch schon auf meinen zweiten Programmpunkt an diesem Tag, ebenfalls auf dem »Blauen Sofa«: Shida Bazyar, die ihren neuen Roman  Drei Kameradinnen vorstellt, mit dem sie Ende Juni auch zu Gast beim LZG sein wird.

Gleich zu Beginn führte die Moderatorin Christine Watty in die Grundthematiken des Romans ein: Deutschland, seine rassistischen Strukturen und die Freundschaft dreier »Kameradinnen«, die zusammenhalten, egal was kommt. Besonders an der Erzählweise des Romans ist vor allem die Gegebenheit, dass die Geschichte nicht durch eine »weiße Linse« erzählt wird, wie wir es sonst gewohnt sind. Grundsätzlich sei es nämlich so, dass alles, was nicht weiß sei, benannt werden müsse, so die Autorin. Aus dieser nicht »weißen Linse« erzählt Kasih, die die verschiedenen Meinungen ihrer beiden Freundinnen gut nachvollziehen kann und zunächst primär beobachtend agiert. Schließlich teilt sie nur gegen eine Seite in Bezug auf den Roman aus – gegen das Publikum. Saya, die aufgrund rassistischer Erfahrungen wütend auf die Missstände verweist, steht damit in Kontrast zu ihrer Freundin Hani, die erst spät nach Deutschland kam, grundsätzlich eher als »weiß« gelesen wird und diesen Situationen beschwichtigend gegenübertritt. Auf die Frage der Moderation, wie drei solch verschiedene  Charaktere diese elementaren Unterschiede überwinden könnten, verweist die Autorin auf die essenziellen Gemeinsamkeiten, die sich in gemeinsamen Erlebnissen, einer fremden Heimat und der Tatsache, dass sie sich verstehen und uneingeschränkt vertrauen, wiederspiegeln.

 

Beeindruckt von tollen Gesprächen und interessanten Diskussionen lässt mich mein Buchmessetag zufrieden zurück und voller Vorfreude auf die nächsten Tage blicken. Das digitale Erleben kultureller Angebote ist in diesem Jahr lange nicht so fremd wie im vorherigen Jahr und kann als routinierte Komfortzone deklariert werden. Trotz vieler Vorteile, wie etwa der Bequemlichkeit und der kostenlosen Zugangsmöglichkeiten für alle Interessierten, hoffe ich beim nächsten Mal auf persönliche Begegnungen, Trubel und viele neue Eindrücke.

Gemütlich und digital: Buchmessenfeeling 2021  

"Leipzig liest extra", und ich lese mit - Mein digitaler Buchmessetag - von Isabelle Otto

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sophie Passmann stellt ihren aktuellen Roman Komplett Gänsehaut vor.

 

 

 

 

 

»Leipzig liest extra«, und ich lese mit – Mein digitaler Buchmessetag – von Isabelle Otto

 

Das ist er also, mein erster Tag auf der digitalen Leipziger Buchmesse. Die Enttäuschung darüber, dass ich in meinem Praktikum die Möglichkeit, mit dorthin zu fahren, quasi vor der Nase hatte und Corona sie mir dann weggeschnappt hat, wiegt zu Anfang des Messetages noch schwer. Aktuell Studierende werden mit Sicherheit wissen, was ich meine, wenn ich sage, die Tage vergehen aktuell in einem Nebel aus Online-Veranstaltungen – gefühlt von morgens bis abends. Zuerst einmal sind die Veranstaltungen von der Buchmesse, die ich mir im Vorfeld ausgesucht hatte, also ein weiterer Punkt auf der erschöpfenden Liste an Dingen, die ich am Laptop zu erledigen habe. Der Enthusiasmus, den meine Vorgängerinnen noch für die digitale Frankfurter Buchmesse 2020 an den Tag legten, geht mir für den Moment eher noch ab. Ich verbuche das unter allgemeiner Corona-Müdigkeit, ein Phänomen, das sicher nicht nur ich kenne.

 

Umso mehr freue ich mich aber, meinen Tag direkt mit meinem persönlichen Highlight beginnen zu können: Sophie Passmann um 15 Uhr auf dem »Blauen Sofa« von Deutschlandfunk anlässlich der Vorstellung ihres aktuellen Romans Komplett Gänsehaut. Mit Moderator Jo Schück redet sie heute über unterschiedliche Themenkomplexe, die dennoch alle irgendwie ineinander verwoben zu sein scheinen. Passmann betont, keine »Vertreterin ihrer Generation« zu sein, wie oft in den Medien beschworen. Kollektive Generationenerlebnisse hält sie für nicht existent und die Selbstdarstellung im Bildungsbürgertum (zu dem sie, wie sie offen und gleichzeitig charmant thematisiert, auch Deutschlandfunk zählt) ist für sie »wahnsinnig langweilig«. Vom Moderator auf die Ironie, das definitiv vorherrschende Stilmittel in ihrem aktuellen Buch, angesprochen, bezeichnet Passmann diese als einen Weg, die Welt auf Abstand zu halten. Die Welt sei einfach sehr beängstigend, und Ironiker nähmen die Welt zu ernst und hielten sie deswegen auf humoristischem Zwangsabstand. Dieser künstliche Abstand sei mit Sicherheit einfach, aber nicht elegant. Daher plädiert Passmann für »mehr unironische Freundlichkeit und Fröhlichkeit«. Mein Zitat des Nachmittags fällt übrigens im Kontext des Themas Selbstoptimierung. Dadurch, dass es mittlerweile in allen Lebensbereichen die Möglichkeit gäbe, sich selber zu verbessern, dächten die Leute auch nur noch über ebenjene Selbstoptimierung nach und gingen daher einer Menge Spaß verlustig. Passmann meint dazu trocken: »Man sollte zwischendurch auch mal Döner essen und Katy Perry hören«.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach einer längeren Pause setze ich mich um 19 Uhr wieder vor den Laptop, um einem alten Bekannten zuzuhören: Tijan Sila, der im Gespräch mit Annegret Richter seinen Roman Krach vorstellt und aus diesem zwei Kapitel liest. Schon die LZG-Lesung mit ihm hat mir vor Kurzem großen Spaß gemacht; ich durfte während meines Praktikums seinen Programmtext verfassen und fühle mich ihm deswegen direkt ein wenig verbunden (und ja, vielleicht ist das ein wenig übertrieben – aber er ist einfach, und das kann man nicht anders sagen, cool!). In den zwei Kapiteln, die er liest, wird die Dichotomie im Leben des Protagonisten wunderbar deutlich: Kind bosnischer Einwanderer, aber auch Mitglied einer Punkband. Sila beschreibt das wunderbar lustig und plastisch. Er sagt zur Ansiedelung seiner Geschichte im Jahr 1998, dass er zum einen einfach aus eigener Erfahrung weiß, wie das »damals« so war und zum anderen dieses Lebensgefühl vor dem Zeitalter des Internets interessant fand und einfangen wollte. Ihm sei außerdem wichtig zu betonen, dass er mit seiner Art, über die bosnische Elterngeneration zu schreiben, diese nicht inkriminieren wollte – mehr wollte er anerkennen, dass diese gerade als Einwanderer in Deutschland ihr Bestes gegeben haben, ihre Kinder auf ein Leben vorzubereiten, das sie ja selber eigentlich gar nicht kennen. Für mich, die typische deutsche »Kartoffel«, sind solche Themen oft ein Augenöffner, denn ich habe mit Migration einfach keine Berührungspunkte in meiner Lebenswelt. Umso heilsamer ist es, wenn jemand wie Tijan Sila einem derart sensible Themen auch noch so lustig näherbringen kann.

Spotlights auf die Lyrik-Empfehlungen. Mit dabei: Marion Poschmann, die am 30.5.21 zu Gast beim LZG ist.

Der letzte Punkt auf meiner Liste ist ein lyrischer. Die Lyrik-Empfehlungen 2021 sind um 20:20 Uhr zu Gast bei der Lyrikbuchhandlung unter dem Titel »Übrig blieb ein moosgrüner Apfel«. Wie auf meinem Bild zu sehen, habe ich es mir mittlerweile mit Laptop im Bett gemütlich gemacht. Bereit steht kein moosgrüner, aber dennoch ein Apfel als Snack (Vorteil digitale Buchmesse: Niemanden stört es, wenn ich nebenbei esse).

Neben anderen »Literaturmenschen«, die an diesem Abend etwas vorstellen, ist Marion Poschmann anwesend – wie Tijan Sila im aktuellen LZG-Programm vertreten –, die sich der Werkausgabe vom verstorbenen Poeten Thomas Kling widmet. Poschmann hebt diese Ausgabe noch einmal gesondert hervor, da sie alle von Klings vielen Facetten gebündelt und chronologisch wiedergibt. Gemeinsam mit Moderator Tim Holland wird auf Klings Werk, seine »Sprachinstallationen«, dezidiert eingegangen. Ich muss an dieser Stelle sagen, dass ich die Veranstaltung als recht zäh empfand. Ich bin selber kein großer Lyrikfan und hatte eigentlich mehr mit einer Lesung gerechnet als mit einer Art geteiltem Vortrag über verschiedene Lyriker*innen. Freund*innen (und vor allem Kenner*innen) dieser Gattung sind jedoch mit Sicherheit durchaus auf ihre Kosten gekommen.

 

Jetzt verabschiede ich mich in den Feierabend. Ich halte fest: Es war wesentlich unterhaltsamer als gedacht. Die Eintönigkeit des ständigen Vor-dem-Bildschirm-Sitzens konnte für mich persönlich größtenteils durch unterhaltsame, witzige und geistreiche Inhalte aufgewogen werden. Beim Gedanken daran, wie es gewesen wäre, wenn ich Passmann und Sila live hätte erleben können, werde ich trotz allem etwas wehmütig… Aber die nächste Buchmesse kommt bestimmt. Und dann ja vielleicht sogar in »echt«.


Tag 2: 28.05.2021

Zweiter Tag von »Leipzig liest extra«, dem Lesefest der Leipziger Buchmesse 2021 

Auch am zweiten Tag gab es für uns ein umfangreiches digitales Programm und vielseitige Veranstaltungen zu entdecken. Hier nun ein paar weitere Eindrücke...




Mein Tag bei "Leipzig liest extra" - von Aenne Frankenberger

 

 

 

 

Mein Tag bei »Leipzig liest extra« – von Aenne Frankenberger

 

Wenn ich an Buchmessen denke, dann meistens an den ersten Messebesuch meines Lebens in Frankfurt. Neben den zahlreichen Ständen und bunten Pappaufstellern erinnere ich mich vor allem an viel Gedrängel, vermutlich, weil das mit acht Jahren und geschätzten 1,30m Körpergröße eine recht intensive Erfahrung war. Menschenmassen und Körperkontakt mit Fremden - das sind nach über einem Jahr Pandemie eher Konzepte, als reale Möglichkeiten. Deshalb findet mein erster Besuch bei der Leipziger Buchmesse nicht etwa vor Ort, sondern an meinem Schreibtisch in Gießen statt. 

 

 

Florence Brokowski-Shekete liest aus ihrer Autobiographie 

Mein Buchmessetag beginnt um 12 Uhr mit einer Lesung, bei der Florence Brokowski-Shekete ihre Autobiographie Mist, die versteht mich ja! Aus dem Leben einer Schwarzen Deutschen vorstellt. In dieser behandelt Brokowski-Shekete Themen wie Alltagsrassismus, Integration und Identitätsfindung. Die Tochter nigerianischer Eltern wuchs größtenteils bei einer Ziehmutter in Buxtehude auf. Noch heute bezeichnet sie die Stadt als ihre Heimat und fiel dort dennoch, als einzige Schwarze, immer auf. Die Autorin erzählt davon, wie ihr Menschen in die Haare fassten, von Stereotypisierung und der Vielfältigkeit von Diskriminierungserfahrungen. Unsanft werde ich vom DHL-Boten unterbrochen, bin aber rechtzeitig zurück, um Brokowski-Sheketes Appell an das Publikum zu hören, antidiskriminierendes Verhalten jeden Tag zu leben. Dieser hallt auch bei mir nach.

 

Anabelle Stehl holt New Adult nach Deutschland...

Um 14 Uhr geht es weiter mit dem zweiten Programmpunkt meines Buchmessetages. Ich sehe mir eine Lesung mit LYX-Autorin Anabelle Stehl zu ihrem New Adult-Roman Fadeaway an. Entfernt von einer einfachen Liebesgeschichte fließen über den Podcast der Protagonistin auch feministische Themen in das Buch ein. Das interessiert mich besonders, weil ich mich noch zu Beginn des Jahres für meine Abschlussarbeit mit dem Thema Feminismus und Belletristik auseinandergesetzt habe. Ich bin begeistert von den vorgelesenen Ausschnitten, welche sexistische Curricula an der Uni und den Bechdel-Test thematisieren. Besonders Stehls Rücksicht auf intersektionale feministische Perspektiven gefällt mir, denn die Autorin bat Personen, die solche Perspektiven liefern können, Leser*innenbriefe für den fiktionalen Podcast ihrer Protagonistin zu schreiben.

Die glücklichen Gewinnerinnen des Preises der Leipziger Buchmesse: Herzlichen Glückwunsch!

Nach einer Stunde Pause steht mit der Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse der Höhepunkt von »Leipzig liest extra!« an. Oliver Zille, der Direktor der Leipziger Buchmesse, führt durch die Preisverleihung. Bevor die Nominierten der jeweiligen Kategorie vorgestellt werden, berichten die Gewinner*innen des vergangenen Jahres in kurzen Filmen über die Bedeutung des Preises. Sie erzählen von mehr Sichtbarkeit und Anerkennung für ihre Arbeit sowie von der Ermutigung infolge ihrer Auszeichnungen. Zunächst ist die Kategorie »Übersetzung« an der Reihe. Martin Buhl-Wagner, Geschäftsführer der Leipziger Messe, betritt als erster Ehrengast die Bühne und thematisiert kurz die Bemühungen, den Säulen der Buchmesse Sichtbarkeit, Raum für Diskurs und Begeisterung für junge Menschen auch digital gerecht zu werden. Schließlich öffnet er den Umschlag und verkündet Timea Tankó als Preisträgerin. Sie übersetzte Apropos Casanova. Das Brevier des Heiligen Orpheus von Miklós Szentkuthy aus dem Ungarischen. Die Jury lobt, dass Tankó die Argumentation des Originalwerks ohne Abstriche ins Deutsche übertrug. Es folgt die Kategorie »Sachbuch/Essayistik«, für die Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung den Umschlag öffnen darf. Ausgezeichnet wird Heike Behrend mit Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung. Die Jury beschreibt das Werk als »ein erhellendes Buch in diesen sich verdunkelnden Zeiten«. Zu guter Letzt kommt Ehrengast Barbara Klepsch, sächsische Staatsministerin für Kultur und Tourismus, auf die Bühne und die Spannung steigt ein letztes Mal für die Verleihung des Preises in der Kategorie »Belletristik«. Hier entschied sich die Jury für Iris Hanika mit Echos Kammern und begründet dies mit dem experimentellen und riskanten Schreibstil der Autorin. Die Freude ist bei allen Preisträgerinnen so groß, dass man sich als Zuschauerin durchaus mitfreut. 


Ein alter LZG-Bekannter: Tijan Sila (rechts) im Gespräch mit Doris Akrap

 

 

Ein kleiner Eindruck vom »KrimiClub im Landgericht«

Die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse wird auch bei der Veranstaltung thematisiert, die ich direkt im Anschluss besuche. Gut eine Woche, nachdem er bei uns im Literarischen Zentrum seinen neuen Roman »Krach« vorstellte, ist Tijan Sila ist zu Gast bei einem taz-talk. Redakteurin Doris Akrap spricht die Kritik der fehlenden Diversität an, welche gegenüber der Jury und den Nominierten des Preises der Leipziger Buchmesse erhoben wurde. Silas Roman bietet insofern einen Kontrast dazu, als der Autor mit seinem Werk Lust auf ein multikulturelles Miteinander machen wollte. Ich erlebe ihn ebenso sympathisch wie bei unserer Lesung und freue mich, dass Akrap mit Einspielern von Silas Punkband für die richtige Stimmung sorgt.

 

Nach einem schnellen Abendessen beginnt schon der »KrimiClub«, live übertragen aus dem Leipziger Landgericht. Als bekennender True Crime-Fan konnte ich mir diese Veranstaltung natürlich nicht entgehen lassen, bin begeistert vom Setting im Schwursaal und der Begrüßung durch eine ansässige Richterin. So kommt es, bevor die Romane der anwesenden Literat*innen vorstellt werden, zu einem interessanten Gespräch zwischen ihnen und der Juristin. Hier wird unter anderem Gewalt als schief gelaufene Kommunikation identifiziert sowie über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Kriminalität gemutmaßt. Aus der Autor*innenrunde bleibt mir vor allem Christa von Bernuth im Gedächtnis. Basierend auf wahren Begebenheiten handelt ihr Roman Tief in der Erde von der Entführung eines Mädchens, welches in einer vergrabenen Kiste versteckt wird und in dieser schließlich erstickt. Die Autorin erzählt davon, dass die starke Anbindung an die Realität das Schreiben zwar schwieriger, jedoch auch lohnender macht. Ihre Aussage, dass viel Recherche einen Roman gesellschaftlich relevanter macht, leuchtet ein.

 

Als ich meine heute entstandene Leseliste zur Seite schiebe und meinen Laptop zuklappe, finde ich, dass die Leipziger Buchmesse den von Buhl-Wagner genannten Säulen so gut wie möglich gerecht wurde. Es war zwar ein bisschen einsam vor meinem Laptop, immerhin gab es aber kein Gedrängel. Am Ende des Tages scheinen die Nachteile des digitalen Formats nicht mehr so gravierend, denn ich bin müde und froh, dass mein Heimweg sich auf die fünf Schritte von meinem Schreibtisch zu meinem Bett beschränkt.

 


Eine vielfache Betrachtung von "Leipzig liest extra" - von Beatrice Kaiser

 

 

 

 

Eine vielfache Betrachtung von »Leipzig liest extra« - von Beatrice Kaiser

 

Anstatt inmitten drängelnder Menschenmassen aufgeregt in meiner Handtasche nach meiner Eintrittskarte zu suchen, öffnete ich meinen Laptop und blickte wehmütig auf den Bildschirm. Und obwohl ich diesen Prozess die letzten Monate öfter wiederholte als es mir lieb war, hatte ich mich nicht an die damit einhergehende Stille gewöhnt. Mir fehlte das summende Geräusch der Gespräche, der Sound der Mikrofone und das leise Knistern der Buchseiten, die umgeblättert werden. Dennoch freute ich mich auf den digitalen Austausch, denn dieser ist wichtiger geworden als je zuvor.

 

Martina Rellin mit Du könntest ein Buch schreiben? Machen! Oder? bei Leipziger Büchermenschen stellen sich vor.

 

 

 

Meinen Buchmessetag begann ich bewusst mit einem Workshop, denn ich wollte nicht nur zuhören, sondern mitmachen! Die perfekte Bühne dafür bot der Workshop Du könntest ein Buch schreiben? Machen! Oder? mit Martina Rellin, Bestsellerautorin und Journalistin bei Leipziger Buchmenschen stellen sich vor. Bereits mit einem ihrer ersten Sätze begeisterte mich Martina Rellin: »Corona ist, wenn man trotzdem macht«. Dieses Motto zog sich durch die gesamte Veranstaltung und versprühte ein Hauch Leichtigkeit, die so viele in diesen Tagen suchen. Die Zuhörer*innen wurden durch verschiedene Fragen wie »Was ist überhaupt ein Buch für dich?« an das Schreiben herangeführt. Nach jeder Frage folgte eine kleine Pause und man hatte an den heimischen Bildschirmen genug Zeit, um darüber zu reflektieren. Mein Fazit: Schreiben beginnt, wenn die Zweifel aufhören! Nur Mut!

Boris Koch im Soziokulturellen Zentrum
»Die VILLA« 

Um mir die neu gewonnene Leichtigkeit noch für einen kleinen Moment zu wahren, entschied ich mich, an einer Kinder- und Jugendliteraturlesung teilzunehmen. Das Camp der Unbegabten von Boris Koch, veranstaltet durch den Thienemann-Esslinger Verlag. »Wie soll man ein Held sein – ohne Superkräfte?«, lautete das Motto der Veranstaltung und teaserte den Inhalt des Buches an. Passend dazu übernahmen die Superhelden Iron Man und Deadpool die Moderation. Es geht um den 14-jährige Bjarne, der durchschnittlich ist – durch und durch. Als bei seinem besten Freund Luca eine magische Begabung festgestellt wird, er selbst aber immer noch ohne Talent ist, driften die Lebenswelten der beiden auseinander. Luca ist nur noch von »Superhelden« umgeben, Bjarne fühlt sich als Freund abgemeldet. Also nimmt Bjarne widerwillig an einem Camp für Unbegabte teil. Schlechte Entscheidung! Ein Mädchen bringt ihn völlig durcheinander und dann werden mehrere Schüler*innen entführt. Kann Bjarne ein Held sein, auch ohne Begabung? Ebenso spielen die Eltern eine unheimlich wichtige Rolle, denn sie üben besonderen Druck auf die Kinder aus, die noch keine Begabung haben. Auf den zweiten Blick erkannte ich die Tiefgründigkeit des Inhalts und zog folgendes Fazit aus der Veranstaltung: Sei du selbst, denn deine Fähigkeiten definieren dich nicht! Eine großartige Veranstaltung für die kleinen Lesefreund*innen. 

Tierische Unterstützung bei Mithu Sanyal mit Identitti

Nach einer kurzen Pause ging es etwas ernster weiter mit dem Podcast FREIHEIT DELUXE: Mithu Sanyal: Identitti. Moderiert wurde die vom Hörverlag und Carl Hanser Verlag veranstaltete Lesung von Jagoda Maricin auf der Bühne des ARD-Forums in der Alten Handelsbörse. In Mithu Sanyals Identitti geht es um die Professorin für Postcolonial Studies in Düsseldorf. Sie war eben noch die Übergöttin aller Debatten über Identität und beschrieb sich als Person of Colour. Aber was für ein Skandal: Prof. Dr. Saraswati ist WEISS! Und damit beginnt eine Jagd nach »echter« Zugehörigkeit. Während das Netz Saraswati hetzt und Demos ihre Entlassung fordern, stellt ihre Studentin Nivedita ihr intimste Fragen. So wie in ihrem Buch nimmt sie auch live auf der Bühne das Thema Identität mit Humor. Ihr Schreiben ist beeinflusst durch britische Comedy und das sagt eins ganz klar aus: Man muss auch mal über sich selbst lachen können! Freiheit bedeutet für Mithu Sanyal die Möglichkeit, aktiv Gesellschaft mitgestalten zu können und nicht frei VON etwas zu sein. Ein schönes Motto, wie ich finde. Ebenso dient ihr Roman dazu, Spaß an – wie sie sagt – »race« zu vermitteln und zu zeigen, dass Rassismus ein Problem ist, das uns alle betrifft. Was Identität angeht, hat sie eine klare Meinung, nämlich dass diese hybrid sein kann und wir uns nicht permanent ausschließlich über diese identifizieren müssen. Mein Fazit der Veranstaltung im Wortlaut von Mithu Sanyal: Deutsch +1 sein ist sexy, denn keiner muss Deutsch -1 sein.  

Der Preis der Leipziger Buchmesse 2021 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Tijan Sila zu Gast beim »taz talk meets leipzig liest extra«

 

 

Ein Highlight während meines virtuellen Besuchs von »Leipzig liest extra« war die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse in den Kategorien Übersetzung, Sachbuch/Essayistik und Belletristik. Der wunderschöne Saal untermalte das Feeling einer Preisverleihung. Wie auch bei uns im LZG vor jeder Live-Veranstaltung herrschte auch hier eine andere Art von Spannung. Steht die Verbindung zu Autor*innen und Zuschauer*innen? Sind die Moderator*innen gut zu hören? Die Preisverleihung wurde souverän moderiert und das Online-Format tat der Spannung hinter den Bildschirmen nichts ab. Die drei Kategorien wurden jeweils durch drei kleine Clips der Preisträger*innen aus dem Jahre 2020 angeteasert. In der Kategorie Übersetzung gewann Timea Tankó. Sie übersetzte aus dem Ungarischen: Apropos Casanova. Das Brevier des Heiligen Orpheus von Miklós Szentkuthy. In der Kategorie Sachbuch/Essayistik gewann Heike Behrend mit Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung. In der Kategorie Belletristik gewann Iris Hanika mit Echos Kammern. Ich möchte auch auf diesem Weg noch einmal alle Gewinner*innen beglückwünschen!

 

Auf meine letzte Veranstaltung hatte ich mich besonders gefreut! Mit diesem Autor hatte ich die noch letzte Woche live im LZG wunderbare Gespräche geführt und nun war er zu Gast beim »taz talk meets leipzig liest extra«. Tijan Sila las aus seinem neusten Roman Krach und wurde von Moderatorin Doris Akrap durch den Abend begleitet. Wieder einmal bestätigte sich mein erster Eindruck des Autors: einfach sympathisch! In Krach geht es um Punks in den neunziger Jahren: Ein 18-Jähriger bosnischer Herkunft tourt durch die Pfalz. Ich möchte bewusst nicht zu viel vom Inhalt wiedergeben, denn die Veranstaltung mit Tijan Sila ist noch online einzusehen. Ich würde die Leser*innen meines Beitrags gerne dazu einladen, sich selbst ein Bild vom Autor zu machen, denn es lohnt sich. Ebenso lohnt sich der Kauf seines Buches. Mein Fazit: Lesenswert!

 

Die anfängliche Wehmut, mit der ich in die digitale Buchmesse startete, verflog immer mehr von Veranstaltung zu Veranstaltung. Ich möchte behaupten, dass das gesamte Team des LZG mit einem weinenden und lachenden Auge die Sonderausgabe der Leipziger Buchmesse 2021 verfolgte. Auch wir sind stark durch die Pandemie betroffen und haben durch viel Arbeit und Anpassungsfähigkeit bewiesen, dass das Online-Format funktionieren kann. Dies haben auch die Veranstalter*innen und Mitwirkenden der Leipziger Buchmesse 2021 bewiesen. Es ist zwar möglich, aber dennoch wünsche ich mir 2022 wieder durch drängelnde Menschenmassen nach neuester Literatur suchen zu können.

 

 

 

 

 


Tag 3: 29.05.2021

Dritter Tag von »Leipzig liest extra«, dem Lesefest der Leipziger Buchmesse 2021

Am Samstag vertieften wir uns noch einmal für einen letzten Tag in jede Menge digitale Lesungen und andere spannende Veranstaltungen und geben Ihnen hier nun einen Eindruck davon in Form eines Erfahrungsberichts. Wir freuen uns auf nächstes Jahr – dann hoffentlich wieder live in Leipzig.




Kurze Autor*innen-Gespräche mit großen Botschaften – von Annalina Benner

 

 

 

 

 

 

 

Kurze Autor*innen-Gespräche mit großen Botschaften – von Annalina Benner

 

Um an der Buchmesse teilzunehmen, ist 2021 keine Fahrt nach Leipzig notwendig, können die meisten Veranstaltungen in diesem Jahr dank des Lesefests »Leipzig liest extra« doch bequem vom heimischen Schreibtisch, der Couch oder sogar vom Bett aus wahrgenommen werden. Trotz der räumlichen Distanz zwischen Publikum und Organisator*innen gelang es den Autor*innen Jovana Reisinger, Stefan Schwarz, und Zoë Beck am Samstag, 29.05.2021, relevante soziale und politische Themen anzusprechen, die zum Weiterdenken anregen. 

Jovana Reisinger über ihren neuen Roman Spitzenreiterinnen

Von 14 -14:30 Uhr war Jovana Reisinger unter der Moderation von Romy Straßenburg im ARD-Forum in der Alten Handelsbörse zu sehen, wo sie nicht nur Passagen aus ihrem neuen Roman, Spitzenreiterinnen vorlas, sondern auch offen über das Leben als Frau, über weibliche Stereotypen und gelebten Feminismus sprach. All diese Themen wurden im Programm unter dem Titel »Arte-Talk: Die perfekte Frau?« angekündigt. Diese Vorstellung vom weiblichen Ideal wird in Reisingers Roman durch die Namen der Protagonistinnen betont. Denn statt sich klassischer Frauennamen aus der Belletristik zu bedienen, greift Jovana Reisinger für ihren Roman auf die Namen bekannter deutscher Frauen-Zeitschriften zurück. Das Ergebnis? Ein Ensemble-Roman, in dem Lisa, Laura, Barbara, Verena, Petra, Tina und Jolie zu Wort kommen. Obwohl die Autorin im Interview angibt, ihre Romanfiguren nicht mit den Charakteristika der jeweiligen Zeitschrift ausgestattet zu haben, möchte sie durch die bewusste Nutzung bekannter Markennamen doch auf die Geschlechterstereotypen, die Relevanz von Sozialen Medien und Meinungsmachern sowie den Einfluss derartiger Zeitschriften zur Identitätsfindung hinweisen. Hierzu nutzt Reisinger eine Vielzahl an weiblichen Figuren und Charakterkonstellationen und stellt hierbei stereotype »Stutenbissigkeit« in den Kontrast mit Freundinnen, die als starke Verbündete auftreten. Durch ihren Roman sowie ihre Arbeit als Regisseurin und Künstlerin, etwa in ihrem Talk Show- Projekt »Men in Trouble«, bemüht sich die Autorin darum, Stereotypen zu erkennen und bewusst auf diese hinzuweisen, um verinnerlichten Sexismus aufzudecken und den Diskurs der Gender-Debatte, des »Female Empowerments« und der toxischen Maskulinität anzuregen.

 

 

Eine halbe Stunde nach Jovana Reisinger nimmt Stefan Schwarz um 15 Uhr in der Alten Handelsbörse Platz und spricht mit Markus Brock über seinen Roman Da stimmt was nicht. Während Schwarz in seinem Roman den fiktiven Synchronsprecher Tom Funke zum Kollateralschaden eines Skandals des Hollywood-Stars macht, welchem er seine Stimme verleiht, zieht er seine Inspiration doch aus den medialen Entwicklungen der letzten Jahre. Im Gespräch mit Moderator Markus Brock erinnert Schwarz an die Biografie Philip Roths, welche aufgrund des Skandals um Autor Blake Bailey aus dem Druck genommen wurde. Hiermit verweist er nur auf eines von vielen Beispielen, in denen die Leben von vermeintlich unabhängigen Geschäftspartner*innen so miteinander verwoben werden, dass eine Co-Abhängigkeit entsteht. Solange der fiktive Hollywood Star in Stefan Schwarz‘ Roman die Karriereleiter erklimmt, zieht er auch seinen Synchronsprecher mit. Sorgt ein Skandal für den Einschnitt im Leben des Schauspielers, so wird sein Synchronsprecher unweigerlich ebenfalls zum Opfer der sogenannten »Cancel Culture«. Doch neben der Thematisierung des unverschuldeten Skandals, für welchen der Autor zum Teil auch auf seine eigenen Erfahrungen aus der Ausbildungszeit in der Stasi zu Zeiten der DDR zurückgreifen kann, geht Schwarz auch auf die Sinnkrise ein, welche Männer befällt, sobald die Kinder ausgezogen sind, eine stabile Karriere erbaut wurde und die Schulden abbezahlt sind. Seine Vorrednerin, Jovana Reisinger, würde Stefan Schwarz womöglich auf den Zusammenhang dieser Sinnkrise mit der toxischen Maskulinität verbinden, welche Männer ab 45 dazu verleitet, »in einer Übersprunghandlung einfach eine neue Familie zu gründen«.

 

 

Zum Abschluss des Buchmesse-Tages geht es um 18 Uhr von der Alten Handelsbörse auf das »Blaue Sofa«, um mehr über Zoë Becks Umgang mit der Depression zu erfahren. Mit dem dritten Gespräch folgt also zugleich das dritte anspruchsvolle Thema. In ihrem Gespräch teilt die Autorin hierbei nicht nur Einblicke in ihren privaten Umgang mit der Erkrankung, sondern plädiert zugleich für eine Destigmatisierung des Krankheitsbildes. Hierbei verweist Beck auch auf die vielen prominenten Beispiele, welche in den letzten Jahren den Kampf gegen die Erkrankung verloren haben: Chris Cornell, Chester Bennington (Linkin Park) oder Keith Flint (The Prodigy). Neben der Verarbeitung der eigenen Erfahrungen waren es nach eigenen Angaben aber nicht die Todesmeldungen, welche die Autorin zum Schreiben ihres aktuellen Buches angeregt haben, sondern vielmehr die unzähligen verständnislosen Beiträge in den Kommentarzeilen unter den Todesmeldungen. In Depression. 100 Seiten widmet sich Zoë Beck daher nicht bloß dem Leben mit der Depression, sondern geht zudem auf mögliche Auslöser, Facetten und Folgen der Krankheit ein, welche allein in Deutschland mehr als 5 Millionen Menschen betrifft. Im Abschluss des Gespräches bei »Leipzig liest extra« drückt Beck ihre Hoffnung aus, dass die öffentliche Debatte zur Depression durch bekannte Protagonist*innen wie Kurt Krömer und Nora Tschirner langfristig angeregt und für die Krankheit sensibilisiert wird.

 

So endet der Tag auf der Buchmesse vom heimischen Schreibtisch mit ein wenig Wehmut, viel Begeisterung und noch mehr Themen zum Nachgrübeln. Denn obwohl ich die Leipziger Buchmesse 2021 nur zu gerne vor Ort erlebt hätte, bietet das digitale Format doch einige Vorteile: Die Beiträge von Reisinger und Schwarz wurden nicht nur per Livestream angeboten, sondern konnten zugleich per Radio verfolgt, und somit mit einem breiteren Publikum geteilt werden. Und, wer die Chance verpasst hat den Livestream in Echtzeit zu verfolgen, oder erst durch diesen Blogbeitrag darauf aufmerksam wird, kann die untenstehenden Links verwenden, um eigene Eindrücke zu sammeln:

 

Jovana Reisinger im Gespräch mit Romy Straßenburg, und Stefan

Schwarz im Gespräch mit Markus Brock: Link.

Zoë Beck: Depression.100 Seiten: Link.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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