Leipziger Buchmesse 2019 

Tag 1: 21.03.2019

Erster Tag der Leipziger Buchmesse 2019 – eine vielfache Betrachtung

Das LZG besuchte auch in diesem Jahr wieder die Leipziger Buchmesse. In den folgenden Berichten können Sie einen Einblick in die Eindrücke und Erfahrungen des Teams bekommen. Viel Vergnügen beim Stöbern! 




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Mein Buchmessetag – von Inga Movsisyan

Pünktlich um acht Uhr morgens traf sich das LZG Team, um die knapp dreieinhalbstündige Fahrt nach Leipzig anzutreten. Mit den hauptsächlich mit Essen vollgepackten Autos ging es bei 12 Grad los und wir erreichten gegen Mittag gutgelaunt unser Hostel. Nachdem wir uns eingerichtet hatten, ging es mit viel Freude über das schöne Wetter (man möge sich an das Schneechaos vom vergangenen Jahr erinnern) los auf das Messegelände – ich war sehr gespannt auf die Buchmesse, da es mein erster Besuch dort war und ich hoffte, mich schnell einigermaßen zurechtzufinden. Leider vergebens. Die unfassbare Menschenmenge und die Hitze in den Hallen trugen nicht unbedingt zu meiner Orientierung bei. Verwirrte Blicke auf Schilder mit Richtungsanzeigen und verzweifelte Telefonate über das Ausmachen eines Treffpunktes erwiesen sich als die Hauptaufgaben des Tages. 

Kriemhild Buhl liest aus Papa Lalalaya

Durch die Glastunnel bahnte ich mir aber dann doch erfolgreich meinen Weg in Halle 3 zu einer Lesung von Kriemhild Buhl, die die Biografie ihres Vaters, dem Extrembergsteiger Hermann Buhl, präsentierte. Sie las Textpassagen, von denen man lernen konnte, wie sie den Verlust ihres Vaters verkraftete, wie Buhl als Mann, Sportler und Familienvater war und wie sehr er sie und ihr Leben geprägt hat. Darüber hinaus wurden die Zuhörer mit der Mutterfigur konfrontiert, die es als Ehefrau eines – wie die Autorin selber sagte – »nicht einfachen Mannes« eben auch nicht einfach hatte. 

Christiane Haas (rechts) beim lovelybooks Vortrag »Booklights-7 Verlage im Rampenlicht«

Weiter ging es zur Halle 5, es war ja schließlich »kein langer Weg, ich schaff das bestimmt ganz schnell«. Nun ja, das tat ich nicht. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, aber ich schaffte es wider Erwarten auch hier noch rechtzeitig zu einem Vortrag von lovelybooks, bei dem sieben Verlage vorgestellt wurden. Autoren lasen aus ihren Werken, seien es Comics, Kinderbücher oder Romane, und repräsentierten ihren jeweiligen Verlag. Besonders im Kopf geblieben ist mir der avant Verlag mit Christiane Haas, die den Comic Natürlich bist du glücklich, wenn du keine Erwartungen hast geschrieben und illustriert hat.        

 

Tanja Maljartschuk während ihres Vortrags zu Blauwal der Erinnerung

Sehr glücklich über die Tatsache, dass für heute kein Hallenwechsel mehr für mich auf dem Plan stand, ging es kurz vor Ende der lovelybooks-Veranstaltung auch schon zum nächsten Vortrag, auf den ich mich sehr gefreut hatte: die ukrainischen Autorin Tanja Maljartschuk stellte ihren Roman Blauwal der Erinnerung vor. Die Autorin war sehr sympathisch und sprach mit großer Euphorie über die deutsche Ausgabe ihres Werkes. Darin geht es um die sowjetische Geschichte, die sowohl aus einer Vergangenheits- als auch einer Gegenwartsperspektive geschildert wird. Die Vereinigung beider Zeiten gelingt durch die Verknüpfung zweier Figuren: dem unabhängigkeitsbestrebten Wjatscheslaw Lypynskyj und der Ich-Erzählerin der Geschichte, einer Schriftstellerin. Maljartschuk sprach über die ukrainische Sprache, über das Vergessen der Geschehnisse des 20. Jahrhunderts und über ihre Emigration. Die Lesung war das persönliche Highlight meines ersten Tages auf der Leipziger Buchmesse. Die Tatsache, dass immer mehr osteuropäische AutorInnen in den Vordergrund des literarischen Marktes gelangen, finde ich äußerst interessant.     

Nach viel Input und einigem Hin- und Herlaufen neigte sich der erste Messetag dem Ende entgegen. Ich war müde, aber zufrieden und freute mich auf das Abendessen. Im Hostel wurde sich noch etwas ausgeruht, bevor es zum Essen ging. Ich freute mich auf Freitag und war gespannt, ob ich meinen Veranstaltungsplan, den ich erstellt hatte, einhalten werden kann. 

   

 

Mein Buchmessetag – von Annabelle Schwager

Mehr als 600 Seiten umfasst das Programm der Leipziger Buchmesse! Es hat Tage gedauert, diejenigen Lesungen und Vorträge herauszusuchen, die ich mir auf der Messe anschauen wollte. Die Auswahl war einfach unglaublich schwer. Am Donnerstagmorgen geht es dann endlich los: Früh morgens sitzen wir im Auto und machen uns auf den Weg nach Leipzig. Ich bin gespannt, ob ich es schaffe, alle Veranstaltungen zu besuchen, die ich auf meine »Unbedingt-anschauen-Liste« gesetzt habe. 

Als wir auf dem Messeparkplatz ankommen, ist der schon fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Trotz der vielen BesucherInnen müssen wir kaum anstehen und bekommen unsere Presseakkreditierung erfreulich schnell. Jetzt kann es richtig losgehen! Ich gehe als erstes in die Glashalle. Von hier aus verschaffe ich mir einen Überblick. Die Halle ist unglaublich voll und riesengroß, ich bin erst mal überwältigt und weiß gar nicht, wohin mit mir. Zum Glück habe ich mir ja aber einen Plan geschrieben. Und ohne den wäre ich wirklich aufgeschmissen. Das Angebot ist unglaublich. Unmöglich, sich ohne Vorauswahl zu entscheiden, wohin der Weg führen soll.

Tereza Semotamová auf der ARTE-Bühne im Gespräch über ihren Roman Im Schrank

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aber mein persönlicher Veranstaltungsplan sagt mir, dass ich erst mal zur ARTE-Bühne gehen soll, um mir Tereza Semotamová anzuschauen. Wie viele andere AutorInnen vertritt sie das diesjährige Gastland der Buchmesse Tschechien. Im Gespräch stellt sie ihren Debütroman Im Schrank vor. Darin erzählt sie von einer jungen Tschechin, die nach mehreren fehlgeschlagenen Eingliederungsversuchen in Deutschland beschließt, in einen Kleiderschrank zu ziehen. Die Autorin berichtet von ihrer eigenen Faszination von Schränken. Wie wundervoll sich doch z.B. durch eine Schrankwand das Innen vom Außen und von der Welt trennen lasse. Mit viel Witz erzählt sie von den Schwierigkeiten, sich vorzustellen, wie man in einem solchen Schrank leben könnte. Für ihr Buch musste sie Lösungen für die einfachsten Dinge finden: Wie geht man zum Beispiel in einem Schrank aufs Klo oder woher bekommt man Strom? Für mich ist diese Lesung ein gelungener und amüsanter Einstieg in den Buchmessetrubel. Ich mache mich auf den Weg zur nächsten Veranstaltung. Weil ich mich noch nicht sonderlich gut auskenne, unterschätze ich die Entfernungen zwischen den Hallen und bin für die nächste Veranstaltung auf meinem Plan schon zu spät dran. Ich beschließe, die Zeit vor dem nächsten Termin zu nutzen, um mich einfach umzuschauen und die Atmosphäre auf mich wirken zu lassen. Ich schlendere durch Halle 5, hier haben viele kleinere Verlage ihre Stände. Ich kann mich kaum satt sehen an den vielen Neuerscheinungen und fange schon mal an, eine Wunschliste mit den besten Titeln zusammenzustellen. In derselben Halle besuche ich dann auch das Gespräch mit der Spitzenköchin, Biobäuerin und Imkerin Sarah Wiener. An dem einen oder anderen Sarah-Wiener-Rezept habe ich mich ja tatsächlich selbst schon mal versucht. Jetzt freue ich mich, die Frau live zu erleben. Im taz-Studio stellt sie ihre neueste Veröffentlichung vor. In diesem Fall handelt es sich jedoch nicht um ein Kochbuch. In Bienenleben. Vom Glück, Teil der Natur zu sein beschäftigt sie sich mit dem brandaktuellen Thema, das mir an zahlreichen Ecken auf der Messe entgegen schwirrt: Bienen. Ihre eigene Biografie verknüpft Wiener mit ihrem Bienenwissen. Eindrucksvoll erklärt sie, auf welch vielfältige Weise das Leben der Bienen mit dem gesamten Ökosystem und dem Leben der Menschen verflochten ist. Besonders spannend finde ich ihre Idee, aus dem Zusammenleben der Bienen positive Ansätze für das gesellschaftliche Miteinander der Menschen zu ziehen. 

Anke Stelling wird der Preis der Leipziger Buchmesse verliehen

Inzwischen hat sich mein innerer Kompass eingenordet und ich finde den Weg zur Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse relativ schnell. Leider bin ich nicht besonders groß und kann nur wenig von der Bühne sehen, denn die Veranstaltung ist einer der Höhepunkt der Messe und ist wirklich sehr gut besucht. Die Jury stellt zunächst die Nominierten vor und so bekomme ich eine kompakte Zusammenfassung der preisverdächtigen Neuerscheinungen. Ich nehme mir vor, in den folgenden Tagen Veranstaltungen mit einigen der Nominierten zu besuchen. In der Kategorie Belletristik geht der Preis an Anke Stelling für ihren Roman Schäfchen im Trockenen.

Darin erzählt sie die Geschichte von Resi, die sich als Schriftstellerin gerade so über Wasser halten kann. Seit geraumer Zeit fühlt sie sich als ‚Aufsteigerkind‘ in ihrem Freundeskreis aus Gutsituierten nicht mehr wohl. Als sie ihre Freunde zum Gegenstand ihres schriftstellerischen Schaffens macht, bekommt Resi zu spüren, dass sie zu weit gegangen ist. Die langjährigen Beziehungen sind nachhaltig erschüttert und Resi samt Familie fliegt aus ihrer Wohnung, die sie von einem der Freunde gemietet hatte. Die anderen hingegen ziehen gemeinsam in ein neuerbautes Architektenhaus. Gesellschaftliche Unterschiede, die zuvor keine Bedeutung innerhalb der Clique hatten, werden zu unüberbrückbaren Grenzen. Für Resi Anlass, ihre eigenen Kinder gnadenlos über diese Grenzen aufzuklären. Das Aufdecken sozialer Zusammenhänge in unserer Gesellschaft wurde von der Jury besonders gelobt. 

Während des Tages sind alle körperlichen Bedürfnisse in den Hintergrund gerückt, denn auf der Messe bleibt vor lauter Schaulust kaum Zeit zum Essen und man ist so abgelenkt, dass man ohnehin nicht bemerkt, dass man überhaupt Hunger hat. Der kommt erst auf dem Rückweg in der Straßenbahn. Endlich sitzen, endlich Ruhe. Ganz schön kräftezehrend, so ein Tag auf der Leipziger Buchmesse. Aber nach einer Pizza kehren die Kräfte doch überraschend schnell zurück. Und so kann ich am ersten Messetag auch noch den Wallstein Verlagsabend im Leipziger Zentrum besuchen. Im schönen Ambiente des Café Telegraph ließen wir den Abend mit einem Glas Wein und Einblicken in die spannenden Neuerscheinungen des Verlags, Chronos erntetGelenke des Lichts und Schermanns Augen, gemütlich ausklingen.


Tag 2: 22.03.2019

Zweiter Tag der Leipziger Buchmesse 2019 – eine vielfache Betrachtung

Auch am zweiten Tag gab es für uns ein umfangreiches Programm, einige Lesungen und andere vielseitige Veranstaltungen auf dem Messegelände zu entdecken.




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Hinter der Wand verbirgt sich die Bühne unabhängiger Verlage in Halle 5

Poetry Slammer Andy Strauß auf der Leseinsel der jungen Verlage

Mein Buchmessetag – von Annabelle Schwager

Heute gehe ich die Sache etwas entspannter an als gestern. Ich habe zwar immer noch das Gefühl, tausende fantastische Dinge zu verpassen, aber das gehört wohl einfach zur Messe dazu. Der Beginn meines Tages steht ganz im Zeichen des Indiebookdays, der am 30. März stattfindet. An diesem Tag sollen kleine, unabhängige Verlage in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt werden. Deshalb schaue ich mich in Halle 5 um, in der sich die kleinen Verlage sammeln und auch eine eigene Bühne haben, um Inspirationen für den Indiebookday zu sammeln. Ich lasse mich hier ein bisschen treiben und höre in verschiedene Gespräche und Lesungen hinein. Dabei freut es mich besonders, dass ich zufällig eine Lesung mit dem Poetry Slammer Andy Strauß auf der Leseinsel der Jungen Verlage entdecke. Dabei liest er kaum, sondern unterhält das Publikum eher mit sprunghaften, dadaistischen Anekdoten. 

 

Bela B Felsenheimer und Jo Schück auf dem Blauen Sofa

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mein erstes großes Highlight dieses zweiten Tages findet in der Glashalle auf dem Blauen Sofa statt. Bela B Felsenheimer ist im Gespräch mit Moderator Jo Schück. Heute ist er aber nicht in seiner Rolle als Ärzte-Mitglied unterwegs, sondern als Autor des Romans Scharnow. Er verrät, dass diese Rolle für ihn selbst noch ganz ungewohnt und neu ist. Als er plötzlich die Krawatte löst und sein Hemd aufknöpft, um dem Publikum stolz sein Spiegel-Bestseller-T-Shirt zu präsentieren, bricht unter seinen Fans Jubel aus und es herrscht fast ein bisschen Konzertstimmung. In seinem Roman erzählt Bela B die Geschichte des fiktiven Dorfes Scharnow, das irgendwo in Brandenburg liegt und scheinbar furchtbar öde ist. Doch es ist von so vielen skurrilen Figuren bevölkert, deren Leben auf verrückteste Weise miteinander verknüpft sind, dass gar keine Langeweile aufkommen kann. Klingt vielversprechend!

Die nächste Veranstaltung, die auf dem Blauen Sofa stattfindet, ist ein Gespräch mit dem Chefredakteur von der Freitag, Jakob Augstein, und dem stellvertretenden Chefredakteur der Bild, Nikolaus Blome. Wie schon in ihrem Buch Oben und unten. Abstieg, Armut, Ausländer – Was Deutschland spaltet führen sie auch auf der Bühne ein Streitgespräch. Ich bin sofort so in deren Bann gezogen, dass ich spontan beschließe, erst einmal sitzen zu bleiben. Die Diskussion ist schnell und hitzig, denn die beiden sind sich noch nicht einmal darüber einig, was das »Oben« und »Unten« im Titel ihres Buches eigentlich bedeuten soll. Einigkeit herrscht nur darüber, dass sich einiges ändern muss, um einen weiteren Rechtsruck innerhalb der Gesellschaft zu vermeiden. Doch was genau verändert werden soll, darüber wird auf der Bühne und in ihrem Buch kontrovers diskutiert. Dabei reflektieren die beiden Autoren besonders ihre Rolle als Medienmacher und die Rolle der Medien insgesamt. Durchaus kritisch bewerten sie die starke Emotionalisierung von Sachverhalten durch die Medien, die eine Spaltung der Gesellschaft verschärfe. 

Danach zieht es mich in Halle 2, die ich bis jetzt noch nicht besucht habe. In dieser Halle stellen vor allem Kinder- und Jugendbuchverlage aus. Hier gibt es kleine Leseecken, in denen man sich ausruhen kann. Hervorragend! Ich lege kurz meine schmerzenden Füße hoch. Dann geht es aber schnell weiter, denn in meiner Lieblingshalle 5 warten weitere spannende Veranstaltungen auf mich. So erklärt etwa Christine Heybel im Gespräch auf der Leseinsel der Jungen Verlage, wie Kant uns dabei helfen kann, das Klima zu retten. In ihrem Buch Kant und Klima. Gestalten wir die Zukunft mithilfe von Immanuel Kant liefert sie amüsante Ansätze wie wir das kant’sche Denken nutzen können, um unsere eingefahrenen umweltschädlichen Verhaltensweisen zu ändern. 

Feridun Zaimoglu spricht über seinen Roman Die Geschichte der Frau

Den krönenden Abschluss meines Messetages bildet der Auftritt von Feridun Zaimoglu im Forum autoren@leipzig. Mit seinem Buch Die Geschichte der Frau war er für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Aus Sicht einiger ausgewählter realer und fiktiver Frauenfiguren, wie etwa der aus der griechischen Mythologie stammenden Antigone oder der radikal-feministischen Schriftstellerin Valerie Solanas, schreibt er die Geschichte der Welt aus einem ganz neuen Blickwinkel. Im Gespräch betont er, dass er sich der Ironie durchaus bewusst ist, wenn er, schon wieder ein Mann also, versucht, eine weiblichere Sicht auf die Welt zu schaffen. Doch man nimmt dem Autor voll und ganz ab, dass er mit all seinem Herzblut versucht hat, seinen männlichen Blick abzulegen und sich ganz in den ausgewählten Frauenperspektiven zu verlieren. Der Roman kommt auf jeden Fall auf meine Wunschliste!

Versäumt habe ich heute leider Lesung und Gespräch mit Sophie Passmann, aber das kann ich morgen zum Glück noch nachholen. Im Leipziger Zentrum wartet als Tagesabschluss dann im gemütlichen Café Das Kapital noch ein besonderer Abend auf uns. Dort findet das sogenannte speed-read-date der Elisabeth Ruge Agentur statt. Dort lesen acht Autoren für jeweils sieben Minuten aus ihrem neuesten Roman. Es ist spannend, in so kurzer Zeit Einblicke in thematisch wie sprachlich so unterschiedliche Werke zu bekommen. Ein ausgesprochen reizvolles Konzept. Unter den AutorInnen sind zum Beispiel Ferda Ataman und Jan Skudlarek, deren Beiträge eher in die Kategorie Sachbuch/Essayistik fallen, aber auch Helene Bukowski mit ihrem dystopischen Roman Milchzähne

Spät nachts zurück im Hostel falle ich völlig erledigt ins Bett. So viele Eindrücke, so viele Inspirationen und so viel Leselust! Der Tag kommt mir vor, als wären es mindestens zwei gewesen. Aber dafür zwei sehr, sehr gute!

   

 

 

Nuria Glausauer beim arte Wake Up Slam

Mein Buchmessetag – Inga Movsisyan

Früh morgens brachen wir gemeinsam zum Messegelände auf. Ich hatte mir für diesen Tag viel vorgenommen, doch weil ich gestern schon eines Besseren belehrt wurde, strich ich vorab schon einige Vorträge und ließ nur meine Favoriten stehen, zu denen auch der Wake Up Slam am arte-Stand zählte. Die Slammer sprachen über die „Melodien in jedermanns Leben“, über tote Fische und leere Kühlschränke. So ernst das Thema so manches Mal war, die Slammer schafften es – auch um halb elf – das Publikum mit viel Humor zum Lachen zu bringen.

Journalistin Zekri im Interview

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weiter ging es zu einem Vortrag der Süddeutschen Zeitung, auf den ich sehr gespannt war. Die Außenkorrespondentin und Journalistin Sonja Zekri erzählte über die Orte, an denen sie war, was sie dort gelernt und berichtet hatte, und stellte klar, dass jeder Journalist mal eine Schreibblockade hat. In dem Interview sprach die sympathische Journalistin sehr offen und ehrlich über ihren Beruf. In Russland und in Kairo sei sie schon gewesen, nach Afghanistan würde sie auch mal gerne reisen. Ich finde es mutig und diesen Mut auch beneidenswert. In dem Interview klang der Beruf eines Journalisten wie ein Traum: reisen, beobachten, berichten. Das Ganze erschien mir aber ein wenig beschönigt dargestellt, gerade weil ich mir der Tatsache bewusst war, dass Frau Zekri eine gewisse Position innehat und dadurch einige Freiheiten genießt. So hat sie sich zum Beispiel selbst von Moskau nach Kairo versetzt. Das Interview war dennoch sehr erfrischend und verlief sehr locker. Ich war froh, es rechtzeitig dorthin geschafft zu haben.                                                                                                     

Ich entdeckte beim Herumlaufen ein Buch namens Die Armenierin, welches vom deutschen Schriftsteller Wegner und seiner Liebe zu einer armenischen Frau in Zeiten des Völkermordes im Osmanischen Reich handeltNachdem ich den Klappentext gelesen hatte, hörte ich zufällig, dass der Autor Thomas Hartwig gerade am Stand war. Ich sprach ihn an und er erzählte mir von seinen Reisen nach Israel und wie er auf die Idee kam, dieses Buch zu schreiben. Das Gespräch war sehr angenehm und interessant. Leider musste Hartwig sofort weiter; er hatte gerade noch Zeit, ein Foto mit mir zu machen und mein Exemplar von Die Armenierin zu signieren.

Die Menschenmenge wurde nicht weniger, ganz im Gegenteil. Ich suchte nach einem Sitzplatz, um kurz Luft holen zu können vor der nächsten Lesung, aber es gab weit und breit keinen Platz, der nicht schon besetzt war mit anderen erschöpften Besuchern. Also ging ich weiter, man könnte ja zufällig noch etwas Cooles entdecken. Nach zehn Minuten fiel mir auf, dass ich im Kreis gelaufen war und dass ich am besten jetzt schon mal den Hallenwechsel antreten sollte, wenn ich pünktlich zur nächsten Veranstaltung kommen wollte. In den Übergangstunneln fühlte ich mich ziemlich verloren: alle waren mindestens einen Kopf größer als ich und manche waren dazu noch bunt bemalt und kostümiert.

Tomer Gardi liest aus Sonst kriegen sie Ihr Geld wieder auf der Die Unabhängigen-Bühne

Irgendwann erreichte ich endlich Halle 5 und auch ein Sitzplatz war in Sicht. Es konnte also gleich weitergehen. Die Lesung von Tomer Gardi aus Sonst kriegen sie Ihr Geld zurück heiterte mich gleich auf: Die Sprache und der eigensinnige Inhalt waren an sich schon sehr komisch; vorgetragen von Gardi umso mehr. 

Auch der zweite Messetag neigte sich dem Ende zu und abends dachte ich, dass es ja gar nicht so schwer sei, sich zurechtzufinden, jetzt, wo ich endlich einen Überblick über das Ganze hatte. Schade nur, dass mir der Gedanke heute erst kam und morgen schon der letzte Tag sein würde. Am Abend hörten wir aber noch im Café Kapital ein speed-read-date, bei dem acht AutorInnen aus ihren Werken lasen. Besonders gut hat mir Jan Skudlarek gefallen, der einen Ausschnitt aus Wahrheit und Verschwörung vorlas und sich darin mit der „gefühlten Wahrheit“ auseinandersetzte, die vielen als die echte und tatsächliche Wahrheit vorkommt. Mit viel Witz, aber ebenso viel Sachlichkeit, thematisiert er ein aktuelles und sensibles Thema. Anschließend war ich umso glücklicher über die Ankunft im Hostel.

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mein Buchmessetag – Sebastian Ernst

Als ich an diesem zweiten Messetag in Leipzig aufwachte, schwirrten die Erinnerungen an die vergangenen Lesungen und zahlreichen Eindrücke vom ersten Messetag noch immer in meinem Kopf herum. Genauso wie die Tiere in dem Sachbuch Wanderungen (Fischer Sauerländer) von Mike Unwin, war ich gestern auf Wanderschaft gewesen. Doch entgegen dem, was die Jurymitglieder des Deutschen Kinder- und Jugendliteraturpreises am Donnerstag gesagt hatten, war mein erster Messetag nicht von biologischer Kodierung, sondern von Ziel- und Orientierungslosigkeit geprägt gewesen. Das sollte heute ganz anders werden.

Bernadette Conrad im Gespräch

 

 

 

 

 

 

Mein großes Interesse an aktuellen Erscheinungen der Sparte Kinder- und Jugendliteratur trieb mich, ganz im Gegensatz zu gestern, zuerst nicht zu einer Lesung aus einem Kriminalroman oder zu einem Fachvortrag, sondern ich schaute mir ein Gespräch mit Bernadette Conrad an, die ihr Buch Groß und Stark werden. Kinder unterwegs im Leben (btb Verlag) vorstellte. Der Journalistin war es gelungen, die Bestsellerautorin Cornelia Funke gezielt zu Themen wie der Erziehung ihrer eigenen Kinder, aber auch zu ihren Ansichten über die Darstellung von Kindheiten in der Literatur zu interviewen, die Conrad mit ihren persönlichen Eindrücken als Mutter ergänzte. Für mich persönlich war es ein tolles Gespräch, das persönliche Eindrücke mit fiktiven Elementen auf der Ebene der Literatur vermischte.

Meine persönliche Wanderung über das Messegelände trieb mich an diesem Tag noch weiter von Halle 2 (Kinder- und Jugendliteratur) zu einer Veranstaltung in der Glashalle, in der alle großen Rundfunk- und Fernsehanstalten ihren Platz hatten. 

Der Rockstar Bela B Felsenheimer im Gespräch über seinen Roman Scharnow

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die persönlichen Interessen meiner 'Sturm- und Drangzeit' in der Pubertät vermischten sich hier mit meinen aktuellen Aufgaben für das Literarische Zentrum und lassen sich zu einer einfachen Äußerung zusammenfassen, der wohl mein sechzehnjähriges Ich genauso zustimmen würde, wie mein heutiges: »Ich will Bela B von den Ärzten sehen!«. Auf diese Idee war aber auch eine Menge anderer Leute gekommen, die sich durch immer voller werdende Gängen bewegten, um den Stand des Blauen Sofas der ARD zu erreichen. Interessant an meiner zielstrebigen Reise zu einem (ehemaligen) Jugendidol, war vor allem, das was mit jedem Hallenwechsel verbunden war: Eine Irrfahrt durch Menschenmassen, aber auch durch die Geruchslandschaft der Literatur, die der SWR-Sendung Druckfrisch wohl ihren Namen gegeben hat. Es roch nach Tinte und Papier, etwas, dass das E-Book leider nicht leisten kann. Dazu mischten sich die Messegerüche nach Kaffee und allerlei Essbaren, die sich verstärkten, sobald man eine Halle verlassen hatte. Was im Falle von Bela B Felsenheimers Auftritt noch hinzukam, waren nicht nur die erhitzten Gemüter bei seinem Erscheinen auf der (Interview-)Bühne, um seinen Roman Scharnow (Heyne-Verlag) zu promoten, sondern auch ein tatsächlicher Anstieg der Temperatur, dem man nur hier, in der während der gesamten Messe von Besucheransturm überfluteten Glashalle, ausgesetzt war. Für alle, die sich bei der neuerlichen Autorentätigkeit von Bela fragen: »Ist das noch Punkrock?«, sei angemerkt, dass mich seine Präsentation beeindruckt hat. In seinem Buch, dessen Charaktere zu zahlreich sind, um sie hier zu benennen, geht es um den Punkrock auf dem Land in einer fiktiven Ortschaft. Schließlich offenbarte er seine Rockstar-Attitüde auch, als er durch das Lockern seiner Krawatte und das Öffnen seines Hemdes ein T-Shirt freilegte, dass den zahlreichen Zuschauern zu verstehen gab, dass Belas Buch es (überraschender Weise) zum Spiegel-Bestseller gebracht hatte.

Um mich mit der Verlagsarbeit vertraut zu machen, traf ich mich am Nachmittag noch mit der LZG-Geschäftsführerin Anna-Lena, die ich zu einem Gespräch am Messestand des C.H. Beck-Verlags begleitete. Die Veranstaltungsvertreterin Frau Buresch versorgte uns dabei nicht nur mit allerlei Informationen zu den Neuerscheinungen des C.H. Beck-Verlags im Herbst, sondern wir tauschten uns auch über die Leipziger Buchmesse aus, die nicht nur für Besucher wie uns, sondern auch für die ausstellenden Verlage immer wieder ein Spektakel ist. 

Kevin Brooks präsentiert seinen dystopischen Jugendroman

 

Wesentlich düsterer ging es bei der Lesung zu, die ich mir im Anschluss, kurz vor Ende meines zweiten Messetages, anschaute. Nach kulinarischer Stärkung war ich mal wieder in Halle 2 gelandet und bei einem Autor stehengeblieben, dessen Namen ich kannte, aber von dem ich noch nichts gelesen hatte: Der Brite Kevin Brooks präsentierte gerade seinen neuen Jugendroman Deathland Dogs (dtv). Der Roman, dessen postapokalyptisches Setting, das der Autor in einer Welt angesiedelt hat, in dem (menschliche) Sprache und Schrift langsam zu verschwinden drohen, schien mir dabei auch etwas zu sein, das ich als junger Erwachsener lesen würde. Besonders spannend finde ich, dass sich der Verlust der Sprache auch im Schriftbild des Romans niederschlägt, denn Brooks hat konsequent auf Satzzeichen und andere Merkmale verzichtet, wie seine Übersetzerin verriet.

Jaroslav Rudiš mit seinem neuen Roman Winterbergs letzte Reise

Bevor ich mit dem Team vom Literarischen Zentrum das Messegelände verließ, schaute ich mir am Stand der FAZ noch eine Lesung von Jaroslav Rudiš aus Winterbergs letzte Reise an. Im Stillen fragte ich mich, ob ich – wie der Protagonist – als alter Mann der Erinnerung an andere Zeiten wegen, einem veralteten Reiseführer folgend auf Abenteuertour gehen würde. »Nur, wenn meine Beine das auch mitmachen«, dachte ich, als ich mich daraufhin erschöpft zum Pressezentrum und schließlich zur Tram in unsere Unterkunft bewegte.
   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mein Buchmessetag – Sophia Trogemann

Der zweite Tag auf der Leipziger Buchmesse bricht für mich an und ich betrete mit freudiger Erwartung Halle 5, in der ich mich nun schon etwas auskenne. Nach einer etwas kurzen Nacht beginnt mein Freitag erst einmal etwas ruhiger. Ich streife durch die Halle und stoße zufällig auf den Auftritt der Slam-Poetin Sandra Da Vina. Ihre Art des Vortragens zieht mich sofort in ihren Bann und da ich sowieso ein Fan moderner Lyrik bin, suche ich mir gleich ein gemütliches Plätzchen, um ihren Worten zu lauschen. Mich überzeugt die NRW-Meisterin sofort mit ihrer lockeren und sympathischen Art. Mit mehreren Texten gibt sie einen Einblick in ihr Werk und spricht mich sofort an, als sie von der Harry Potter- und Bravo Girl-Generation spricht. Ein schöner Auftakt, der mich zum Lachen bringt und einen guten Start in den Tag garantiert. 

Weiter geht es für mich mit dem Verlagsgespräch am Stand von KiWi und Galliani. Schon am Vortag war ich ein paar Mal um den Stand herum geschlichen, der mir sofort durch eine riesige Werbetafel aufgefallen war, auf der Feridun Zaimoglu mit seinem neuen Roman Die Geschichte der Frau abgebildet war. Ein komisches Gefühl, dann plötzlich während des Verlagsgesprächs in unmittelbarer Nähe des locker plaudernden Schriftstellers zu sitzen, der momentan in aller Munde ist. 

Karen Duve im Gespräch über Fräulein Nettes kurzer Sommer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach dem Termin mache ich mich auf den Weg zu Karen Duve. Meine Mission: Die Schriftstellerin schon live erleben, bevor sie zu uns nach Gießen kommt und auf Social Media ordentlich Werbung für die anstehende Veranstaltung im Juni machen. Der Ansturm im Literarischen Salon NRW ist groß und alle möchten mehr über Karen Duves neues Werk Fräulein Nettes kurzer Sommererfahren. Die Geschichte handelt von der jungen Annette von Droste-Hülshoff, die als ‚Schwarzes Schaf‘ nie richtig zu ihrer Familie gehört und ständig mit ihrer direkten Art aneckt. Ihre Familie ist unangenehm davon berührt, dass sie das Schreiben weiter vertiefen möchte, doch ‚Nettchen‘ lässt sich nicht beirren und knüpft Kontakte zu den Künstler-Freunden ihres Onkels. Besonders mit einem von ihnen, Heinrich Straube, versteht Fräulein Nette sich mehr als gut. Auch er fühlt sich zu dem jungen Mädchen hingezogen und unternimmt Annäherungsversuche im Treibhaus des Landsitzes der Familie. Das Chaos ist perfekt, als Annette schließlich eine Affäre mit zwei Männern gleichzeitig beginnt. Im Gespräch erzählt Karen Duve, wie sie ihre Recherchearbeiten zum Roman erlebt hat und was sie besonders faszinierend an der Persönlichkeit von Annette von Droste-Hülshoff findet. Über zwei Jahre hat sie intensiv an dem Roman gearbeitet und schon drei Jahre zuvor begonnen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. So ist sie auch zur Burg Hülshoff gefahren, um sich der Protagonistin ihres Romans nahe fühlen zu können. Immer wieder betont Duve, wie wichtig ihr historische Genauigkeit ist. Das Gespräch mit Karen Duve bietet einen Einblick in das beeindruckende Leben der jungen Annette von Droste-Hülshoff und macht große Lust auf die anstehende Lesung in Gießen.

Gespräch mit Sophie Passmann auf der taz studio-Bühne

 

 

 

 

Nach diesem historischen Thema folgt nun ein radikaler Wechsel hin zum Feminismus. Ich freue mich schon seit Tagen darauf, Sophie Passmann, die ich aus einigen Podcasts und dem Neo Magazin Royale mit Jan Böhmermann kenne, auf der Buchmesse zu sehen. Schon von weitem erahne ich die Menschenmassen, die sich am taz-Studio versammeln. Kurz überlege ich, lieber wieder umzukehren, bleibe dann aber doch bei meinem ursprünglichen Plan und setze mich durch. Ich kann nur sagen, dass es sich gelohnt hat, sich den galanten Schlagabtausch zwischen der jungen Autorin und dem Moderator anzuhören. Souverän geht Sophie Passmann mit den Anspielungen auf kritische Rezensionen zu ihrem Werk um und zieht das Publikum auf ihre Seite. In Alte weiße Männer schildert sie ihre Treffen mit ‚mächtigen‘ Männern, bei denen sie ihnen essentielle Fragen gestellt hat, um zu erfahren, was hinter dem Klischeebild steckt, dass ‚der alte weiße Mann‘ an allem Schuld sei. Hierzu befragte sie verschiedene berühmte Persönlichkeiten wie Kevin Kühnert, Marcel Reif, Peter Tauber, aber auch ihren eigenen Vater.

Feridun Zaimoglu berichtet über sein neuestes Buch Die Geschichte der Frau

Mein Tag endet mit Feridun Zaimoglu, dem ich nun auch endlich auf der Bühne dabei zusehen kann, wie er seinen Roman dem breiten Publikum vorstellt. In Die Geschichte der Frau stellt er sich berühmten weiblichen Persönlichkeiten aus verschiedenen Zeiten: Frauen vom Zeitalter der Heroen bis in die Gegenwart kommen zu Wort. Sich als Mann der Herausforderung zu stellen, ein feministisches Manifest zu schreiben, finde ich besonders beeindruckend. Der sympathische Autor erzählt, wie es überhaupt so weit gekommen ist und was seine Textproduktion ausmacht. Eines wird mir schnell klar: Ich möchte das Buch unbedingt lesen und auch mitreden können. Auch wenn Zaimoglu uns warnt, dass es sich um keine leichte Kost und um nichts handele, das man einfach so herunterlesen könne. Im Anschluss an die Lesung ergreife ich meine Chance und schnappe mir ein Exemplar vom Büchertisch. Natürlich lasse ich es mir direkt noch von Zaimoglu signieren und kann es kaum erwarten mit der Lektüre zu beginnen. Das muss aber wohl leider noch etwas warten, denn erst folgt noch Tag 3 der Messe.

Tag 3: 23.03.2019

Dritter Tag der Leipziger Buchmesse 2019 – eine vielfache Betrachtung

Am Samstag vertieften wir uns noch einmal für einen letzten Tag in jede Menge Bücher, Lesungen und andere spannende Veranstaltungen. Wir freuen uns auf nächstes Jahr – dann hoffentlich mit genauso viel Sonnenschein und jeder Menge spannender Literatur!




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Mein Buchmessetag – von Sophia Trogemann

So langsam merke ich schon, dass zwei lange Messetage ihre Spuren bei mir hinterlassen. Den Vormittag bis zur Abfahrt möchte ich aber trotzdem noch nutzen, man ist schließlich nur einmal auf der Messe und hat immer im Hinterkopf, etwas Spektakuläres zu verpassen. Der heutige Tag sollte mit einer Informationsveranstaltung zum Volontariat in der Buchbranche beginnen, die ich mir zuvor herausgesucht hatte. Als ich an der angegebenen Bühne ankam, musste ich das große »Entfällt«-Schild auf dem Veranstaltungsplakat ernüchtert zur Kenntnis nehmen. Schade, dann können mir wohl heute leider doch keine Fragen beantwortet werden, die zum Berufseinstieg in meinem Kopf herumschwirren. Andererseits kann ich die neu gewonnene Zeit natürlich auch gut nutzen, um mir noch eine Lesung anzuhören. 

Der Debütant Jan Bratenstein auf der Leseinsel der Jungen Verlage

Also warum nicht noch einmal zu meiner Lieblingsbühne gehen und schauen, was dort so anliegt? 10:30 Uhr: Ein Debütroman über einen Pianisten. Ich spiele selbst auch Klavier – wenn das mal kein schöner Zufall ist! Ohne langes Vorwort beginnt der Musiker Jan Bratenstein aus seinem Debüt Der Mann ohne Piano zu lesen. In der absurd komischen Geschichte braucht der Protagonist unbedingt ein Piano. Ihn hindert nichts daran, sein geliebtes Instrument zu spielen, auch wenn er einige Hürden überwinden muss. Nicht nur das fehlende Geld wird zum Problem, sondern auch merkwürdige spirituelle Erscheinungen wollen ihn von seiner Obsession abbringen. Ich habe die Lesung als erfrischende Abwechslung empfunden und kann nur empfehlen, auch jungen DebütautorInnen eine Chance zu geben und ihnen einmal in Ruhe zuzuhören – es lohnt sich!

Der »Superstar« Sebastian Fitzek stellt sein neuestes Buch vor

Von einem »Frischling« in der Buchbranche geht es dann als nächstes zu einem »alten Hasen« im Geschäft. Die Menschenmassen und Ansammlungen nervöser Frauen lassen einen Popstar wie Robbie Williams vermuten, doch sie alle warten auf Sebastian Fitzek. Heute stellt er nicht in gewohnter Manier einen Thriller vor, sondern spricht über sein neues Werk Fische, die auf Bäume klettern. Darin stellt der Bestsellerautor sich existentiellen Fragen des Lebens und gibt viel von sich selbst preis. Primär ist das Buch an seine drei Kinder gerichtet, denen er Lebensweisheiten mit auf den Weg geben möchte. Im Unterschied zu seinen Thrillern, an denen Fitzek in der Regel ungefähr ein Jahr arbeite, habe die Arbeit an Fische, die auf Bäume klettern fünf Jahre in Anspruch genommen. »Komischer Name«, dachte ich sofort, als ich den Titel zum ersten Mal hörte. Im Gespräch erklärt der Autor, dass sich der Titel auf ein berühmtes Zitat Einsteins beziehe: »Jeder ist ein Genie! Aber wenn du einen Fisch danach beurteilst, ob er auf einen Baum klettern kann, wird er sein ganzes Leben glauben, dass er dumm ist.« Schon wieder etwas gelernt! 

Ein ganz normaler Samstag auf der Leipziger Buchmesse

Bis zum Ende kann ich mir das Gespräch aber leider nicht anhören, es ist einfach viel zu voll und ich habe noch einen Termin bei Oetinger, für den ich mich erst noch von Halle 5 bis in Halle 2 kämpfen muss – keine leichte Aufgabe an einem Samstagmittag auf der Leipziger Buchmesse.

Nach dem Termin beschließe ich, dass ich innerhalb der letzten drei Tage genug Eindrücke gewonnen habe, die ich verarbeiten muss und begebe mich in das Pressezentrum, um mich noch kurz für die anstehende Rückfahrt nach Gießen zu stärken. Wow, das war also die Leipziger Buchmesse: aufregend, vielseitig, informativ, spannend, anstrengend und eindeutig das Erlebnis des Jahres für mich als Literatur-Fan.

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mein Buchmessetag – von Sebastian Ernst

Heute habe ich das Klingeln meines Weckers nicht gebraucht, denn ich war schon früher aufgestanden. Da sich die Messe am Samstag wohl schneller mit Besuchern füllen würde als an den Tagen zuvor, waren einige Praktikanten und ich zeitig zur Tram aufgebrochen, um dem geschäftigen Treiben am Hauptbahnhof zu entgehen. Leider ging dieser Plan nicht auf, doch war ich beeindruckt davon, wie viele Fahrgäste so eine Tram aufnehmen kann. Bis auf den letzten Zentimeter besetzt, nahm sie ihre holprigen Fahrt Richtung Messegelände auf. 

Heute wollte ich mir unbedingt eine Lesung am Stand der taz anschauen und schritt zielstrebig aus dem Pressezentrum heraus in Richtung der Halle 5. Als ich an den Eingängen zur Manga- und Comichalle vorbeiging, wunderte ich mich noch, dass ihre Türen noch nicht geöffnet waren. Unweit von mir entfernt, sah ich ein Kind, das seine Mutter gerade freudig davon in Kenntnis setzte, schon das gelbe Monster Pikachu aus der Pokémon-Serie gesehen zu haben, als ein Gong ertönte. Die Hallentüren wurden geöffnet und ich schnell von dem Besucherstrom erfasst, der eben noch den Mittelgang freigehalten hatte, jetzt aber mit lautem Getöse zur Comic-Messe strömte. 

Marion Brasch auf der taz studio-Bühne mit ihrem Roman Lieber woanders

Irgendwie bahnte ich mir aber querfeldein einen Weg und kam schließlich in Halle 5 an. Hier begrüßte die Moderatorin am taz-Stand gerade die Autorin Marion Brasch, die in der DDR als Journalistin für den Jugendfunk gearbeitet hatte. Dass sie aus einer bekannten Autoren- und Schauspielerfamilie des ehemaligen ostdeutschen Staates stammte, wusste ich, doch mehr war mir nicht über sie und ihr Werk bekannt. Ich war beeindruckt von ihrer Art, auf die Fragen der Redakteurin einzugehen, die sich um das Familiengeschehen der Autorin drehten. Ihr neuer Roman Lieber woanders (Fischer Verlag) klang zwar spannend, blieb für mich aber eher kryptisch. Zwei Personen, die sich schon einmal begegnet sind und sich dann immer wieder im Verlauf eines Tages sehen. Das klang für mich fast nach einem Thriller, einzig die Komponente der Schuld, die beide mit sich tragen, passte nicht recht in dieses Bild. Aber vielleicht macht gerade diese rätselhafte Inhaltsangabe das Buch für mich lesenswert? Die Zukunft wird es zeigen.

Das Duo Dubtext sorgt für eine gelungene Kombination aus Literatur und Musik

Immer noch von den Gedanken an dieses Buch getrieben ging ich in Halle 5 von Stand zu Stand und ließ mich ein wenig von den Besucherströmen mitreißen. Als ich in der Ferne jazzige Gitarrenmusik hörte, war mein musikalisches Interesse geweckt und ich schlug die Richtung ein, aus der ich meinte, die Rhythmen vernommen zu haben. Das Duo Dubtext, bestehend aus Ulli Wittstock und Götz Günther, vermischte in seinem Auftritt kluge lyrische Texte mit Jazzimprovisationen – für mich eine interessante und willkommene Abwechslung zu den Lesungen, die ich mir bisher angehört hatte.

André Hermann sorgt für beste Stimmung mit seinem Buch Platzwechsel

Als humorvoll und ausgelassen lässt sich das beschreiben, was ich am Messestand für Junge Verlage erlebt habe. Autor André Hermann stellte dort seinen Roman Platzwechsel (Voland und Quist) vor. Was nach einer Fußballerzählung klingen könnte, offenbarte sich mir als eine auf sächsisch vorgetragene Geschichte um eine ganz normale Familie, deren gemeinsames Familienessen Herrmann so gekonnt in Szene setzte, dass es trotz des ernsten Oberthemas der Demenz des Großvaters für uns als Zuhörende vor Lachen kein Halten gab.

 

 

Den Abschluss meiner Erfahrungen auf der Leipziger Buchmesse bildete aber etwas, was mich sehr nachdenklich stimmte. Das PEN-Zentrum hatte in Halle 3 mehrere Autoren dazu eingeladen, stellvertretend Texte von in Saudi-Arabien oder China inhaftierten Autoren zu lesen, denen aufgrund ihres Schreibens hohe Haftstrafen drohten. Fast unwirklich kam mir dabei das wilde Treiben auf der Messe vor.

Das fröhliche Wandeln der Literaturinteressierten stand für mich im Kontrast zu dem, was den Autoren in Haft genommen worden war – eine Stimme. Die Veranstaltung des PEN-Zentrums wollte ihnen diese zurückgeben. Abermals aber drohten die Appelle vor der umliegenden Geräuschkulisse unterzugehen, und letztlich nur ein ausgewähltes Publikum zu erreichen. 

Nach diesen ernsten Worten bleibt für mich jedenfalls festzuhalten, dass die Messe eine stressige aber auch eine gewinnbringende Erfahrung war, die mich neugierig auf weitere Buchmessen macht. Sie verdeutlichte mir die Vielseitigkeit literarischer Arbeit und gab den Menschen hinter dem Buch ein Gesicht. Das ist etwas, worüber ich nicht nur auf der Heimfahrt aus Leipzig nachdachte, sondern das auch meinen Berufsweg bestimmen könnte. Dafür bin ich dem Team des Literarischen Zentrums Gießen sehr dankbar.



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