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Matthea Harvey | Du kennst das auch 

Englisch-Deutsch. Aus dem amerikanischen Englisch von Uljana Wolf
Gedichte
kookbooks 2010
181 Seiten
19.90 Euro
ISBN 978-3937445427

von Daniel Randau | Download

Matthea Harvey – muß man die kennen? Ja. Sollte man zumindest. Unermüdlich produktiv, als Redakteurin und Herausgeberin diverser Magazine, Dozentin am illustren Sarah Lawrence College und vorbildlich versiert im Umgang mit allen Erscheinungsformen des modernen Kulturlebens (ein Besuch auf ihrer vorbildlich polierten Internetseite läßt die meisten vergleichbaren heimischen Erzeugnisse doppelt popelig aussehen) und natürlich als Verfasserin von nunmehr drei Gedichtbänden und einem Kinderbuch.

Die in der amerikanischen Kulturlandschaft längst etablierten Gedichte Harveys sind nun dem deutschen Publikum zugänglicher gemacht durch das Erscheinen von Du kennst das auch, einer Auswahl von Gedichten aus den Bänden Sad Little Breathing Machine (2004) und Modern Life (2007). Herausgekommen ist ein Harvey-Lesebuch im besten Sinne des Wortes. Freilich ist die Gattung der Auswahl-Publikationen nicht ohne Gegner; manch einen Musikliebhaber mag es schaudern bei der Ansicht von Best Of-Kompilationen, mancher Bücherfreund mag bei Sammel- und Auswahlbänden unwillkürlich an die nur vermeintlich repräsentablen Reader’s Digest-Bände denken und den Flurschaden, den solcher Umgang mit Literatur hinterlassen hat.

Das vorliegende Lesebuch hat allerdings den Vorteil, auch solche Leser gewinnen zu können, die sonst um Lyrikbände einen Bogen machen. Graphisch als Lyrik markierte Texte sind in der Unterzahl; sie erscheinen in zweizeilige Strophen gegliedert, deren Struktur beim Lesen aber fast sofort und automatisch ignoriert wird. Enjambements sind flächendeckend verwendet und beschleunigen die Lektüre der ohnehin kurzen Gedichte solcherart, daß der Eindruck seltsam gesetzter Prosa zurückbleibt. Überwiegend besteht der Band aus kurzen Texten (so kurz, daß sie auf jeweils eine Seite passen), deren Erscheinungsform in Blocksatz und unter Verwendung aller herkömmlichen Zeichensetzung eher den Eindruck kurzer Prosa-Erzählungen hinterlassen. Werden sie laut gelesen, belohnen sie diesen Aufwand jedoch mit geschliffen schillernder phonetischer Schönheit und Eleganz.

Nicht fehlen darf das zehnseitige Versepos The Future Of Terror, das in Versverlauf und der Verwendung von Stabreimen an Vorgänger wie das Nibelungenlied gemahnt, ein Vergleich, der durchaus auch auf der semantischen Ebene dieses Textes fortgesetzt werden könnte. Die Erwähnung des Reizwortes Terror im Titel reicht schon aus, um das Gedicht (laut Rezension der New York Times) zu einem Kommentar über das „derzeitige politische Klima Amerikas“ zu machen. Solche Bedeutungszuschreibungen sind sicherlich nicht falsch, den Texten Harveys können sie jedoch nicht gerecht werden. Allzu arbiträr erscheint diese Deutung, wenn auch der Feminismus, die Ökologie, die Kapitalismuskritik oder jede andere Stütze der Postmoderne die Texte für sich beanspruchen könnte. Tatsächlich sind Harveys Texte keiner herkömmlichen Version eines semantischen Gehalts solcherart verpflichtet, als daß sie sich einer eindeutigen Lesart zu unterwerfen oder auch nur anzudienen hätten. Viel besser kann man sie als Musterbeispiele zeitgenössischer und hochmoderner Lyrik betrachten: Unzusammenhängende Beobachtungen mit einem Auge fürs Detail, das keinen Wiedererkennungseffekt durch Iteration generieren will, sondern sich in der (bisweilen prätentiösen) Lust am asyndetischen Alltag verliert, ist die hervorragendste Eigenschaft von Harveys Texten; Kempowski hätte daran seine helle Freude gehabt, wenn er auch die graphisch markierten Gedichte als „Knickprosa“ abgetan hätte. Weitere erwähnenswerte (moderne) Merkmale sind syntaktische Brüche und Inkongruenzen, vielversprechende Titel, effektive Aufmacher und Textanfänge, exzentrisches Register an gewollt originellen Neologismen mit einer Reichweite von spritzig bis getragen. Der Kritiker mag den Texten getrost die Nähe zur New York School of Poets und dem Pulitzerpreisträger Ashbery attestieren, wenn er dabei nicht vergißt, daß vor solchem Hintergrund die Bezeichnung des Inhalts von Modern Life als „politische Gedichte“ bestenfalls beliebig, schlimmstenfalls absurd wirkt.

Lesevergnügen und Freude an gelungene Sätzen ist in jedem Fall garantiert – vorausgesetzt natürlich, der Leser ist nicht nur des zeitgenössischen Englisch mächtig, sondern ist auch einigermaßen versiert im Erkennen gegenwärtiger Popkultureller Anspielungen und Referenzen.

Kann sich ein Leser, dessen Englischkenntnisse eher mäßig sind, nicht an die deutschen Übersetzungen der Texte auf den jeweils gegenüberliegenden Seiten halten? Freilich, doch vermutlich wird sein Urteil über die Qualität der Originale danach deutlich schlechter ausfallen. Die Übersetzungen von Wolf sind weder wortgetreu, noch gelingt es ihnen, akustische Feinheiten der Originale einzufangen, noch liefern sie adäquate Übertragungen beschriebener alltäglicher Phänomene, die Nicht-Amerikanern kaum geläufig sein dürften. Die Übersetzung ignoriert graphische Verseinheiten und salzt die Texte mit Füllwörtern, die sich im Original nicht finden, was der Satzmelodie jedoch mitnichten Ähnlichkeit mit der des Originals verleiht.

Wolf, deren neuester Gedichtband sich versiert und effektiv mit dem Topos der (Un)übersetzbarkeit auseinandersetzt, kann zugute gehalten werden, daß eine verlustlose Übertragung von Gedichten aus einer Sprache in eine andere stets ein Ding der Unmöglichkeit ist; bei Betrachtung ihrer Übersetzung drängt sich förmlich die Lesart auf, sie solle als eine performative Darstellung des Topos von der Unübersetzbarkeit des Kunstwerks verstanden werden. Befriedigend ist eine solche Lesart allerdings nicht. Zumal dann nicht, wenn die Übersetzung sich Freiheiten herausnimmt, die einer möglichst korrekten Übertragung schlicht im Wege stehen: Etwa der in word park beschriebene launige Streit zwischen coat und wearing darüber, wer im Satz ein Verb sein darf; in der Übersetzung streiten sich darum „Kragen“ und „Tragen“. Nicht nur, daß das Original keinen Reim aufweist, also auch in der Übersetzung keiner etwas zu suchen hätte, der beschriebene Streit ist gerade deshalb plausibel, weil er im Original zwischen zwei Wörtern ausgetragen wird, die tatsächlich beide als Verb verwendbar sind. „Kragen“ ist bekanntlich kein Verb, was den Streit albern macht.

Die Absicht, ein deutschsprachiges Publikum mit Harveys Gedichten vertrauter zu machen und diesen Gedichten eine größere Verbreitung zu ermöglichen, ist sicherlich lobenswert, wenn nicht längst überfällig. Die Qualität der Übersetzung läßt jedoch so sehr zu wünschen übrig, daß die Entscheidung, die Originaltexte ebenfalls abzudrucken, den Kaufanreiz für das vorliegende Lesebuch ausmachen sollte. Dann sollte man jedoch gleich über eine Anschaffung der beiden Quellenwerke in der amerikanischen Originalversion nachdenken.

(von Daniel Randau)


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