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Uwe Kolbe | Vinetas Archvie. Annäherungen an Gründe 

Wallstein Verlag 2011
224 Seiten
19.90 Euro
ISBN 978-3835308824

von Kai Bremer | Download

Clapton, nicht Richards

Seit mehr als dreißig Jahren ist Uwe Kolbe eine bedeutende Stimme der deutschen Gegenwartsliteratur. Sein Schreiben ist gekennzeichnet durch Formbewusstsein ebenso wie durch Interesse an der eigenen Gesellschaft. Aus seinen Werken spricht eine Vertrautheit mit der literarischen Tradition, die niemals museal, sondern immer ganz auf das Hier und Jetzt bezogen bleibt. Die hinter diesem immer wieder faszinierenden Spagat stehenden poetischen und politischen (jedoch nie parteiischen) Positionen hat Kolbe an verschiedenen Stellen in Aufsätzen und Vorträgen immer wieder akzentuiert und erläutert. So sind Verortungen entstanden, die durchgängig höchste intellektuelle Ansprüche erfüllen und gleichzeitig niemals gezwungen oder gar überstilisiert erscheinen, sondern geradezu entspannt. Geschrieben hat Kolbe diese Texte zu ganz unterschiedlichen Anlässen, zu historischen Jahrestagen, zu Ehren von Schriftsteller-Kollegen oder zu Ausstellungseröffnungen. Er hat sie nun in einem Buch versammelt und bietet damit die Möglichkeit zurückzublicken auf die letzten dreißig Jahre, die er weniger wie ein Chronist, sondern vielmehr mal ironisch, mal lapidar wie ein älterer Freund begleitet hat.

Der Titel dieser Essay-Sammlung, die Anfang des Jahres bei Wallstein erschienen ist und damit einen weiteren prominenten Abgang aus dem Hause Suhrkamp markiert, lautet Vinetas Archive. Annäherungen an Gründe. Der Titel fußt auf dem Titel eines Essays, der bezeichnenderweise aber von dem Archiv spricht und nicht von den Archiven. Von diesem einen, gewissermaßen ersten im Buch behandelten Archiv heißt es: „Vineta ist jene Stadt, die der Sage nach in der Ostsee versank, weil ihre Bewohner sich für etwas Besseres hielten als den Rest der Welt. Vinetas Kirchenglocken klingen an bestimmten Tagen zu uns heraus. [...] In den vorliegenden, persönlichen Erinnerungen ist Vinetas Stadtplan erweitert, umfaßt er den Nordosten Berlins seit dem letzten Krieg oder ein Abrißhaus östlich des Leipziger Hauptbahnhofs, Vororte, Hinterhofbuden mit Kinderhoffnungen und den Spielen Erwachsener.“ (S. 20)

Dementsprechend ist der erste Teil, das erste Archiv, der eigenen Schriftsteller-Biographie gewidmet und den eigenen Wahrnehmungen zwischen DDR und West-Berlin sowie dann auch West-Deutschland. Kolbes Texte sind dabei von einer Zwanglosigkeit geprägt, die der deutschen Literatur in der Regel abgeht. Das liegt an der ostentativen Utopie-Ferne seines Schreibens, an der Ablehnung großer messianischer Entwürfe, die einhergeht mit der klaren Wertschätzung von Freiheit, die so vielen anderen Schriftstellern bis heute nicht über die Lippen kommt, wenn sie über den Mauerfall sprechen. Kolbe hat keine Probleme damit, sich unumwunden über „die Freizügigkeit des Denkens, das Entfallen von Denkverboten“ (S. 35) nach 1989 zu freuen. Für seine Wahrnehmung der DDR, deren Städte und Landschaften ihm immer auch Heimat sind, ist etwa die Schilderung seiner ersten Lesung in einer Westberliner Buchhandlung Mitte der 80er Jahre typisch. Hier begegnen ihm auf den Buchrücken all die Namen, die er schon so lange zu lesen begehrte: „Adorno, Johnson, Grass, Benjamin, Biermann, Frank-Wolf Matthies, Rolf Dieter Brinkmann, Hans Joachim Schädlich, Freud, Pound, Bakunin, Koestler, Hannah Arendt, Martin, Buber, Peter Schneider, Wolfgang Leonhard, Pasolini.“ (S. 49) Letztlich gegen die Glorifizierung des ‚Leselands DDR’ setzt Kolbe lakonisch eine Liste mit Namen, die in der DDR nicht oder nur eingeschränkt gelesen werden konnten.

Eben weil Kolbe der Blick zurück zwar nicht unbekannt, die Verherrlichung des Vergangenen aber alles andere als nahe ist, ist es nur selbstverständlich, dass neben das Archiv, das die Rückblicke auf die DDR beheimatet, in dem Buch noch drei weitere treten. Im zweiten Kapitel versammelt Kolbe essayistische und literarische Auseinandersetzungen mit dem Klassischen, das zugleich in Schwaben und Griechenland lokalisiert ist und daher auch in Gestalt von Würdigungen Hölderlins und Tiecks in Erscheinung tritt. Anders als andere Lyriker seiner Generation mimt Kolbe dabei nie den Oberlehrer, sondern variiert lieber Motive und Formen, dass es eine Wonne ist. Vielleicht noch nie ist in der deutschen Literatur derart rücksichtsvoll und zugleich ironisch der Klassik gehuldigt worden. So ist dieses Kapitel eigentlich ein Muss für alle Leser von deutscher Literatur - für die von Gegenwartsliteratur und für die der klassischen.

Für Kolbe-Liebhaber bieten, das sei eingeräumt, die beiden ersten Kapitel jedoch wenig Neues: Kolbe zwischen Ost und West, zwischen Klassik und Gegenwart – das ist bekannt. Das ändert sich aber mit dem dritten Kapitel, das den Lesern unvermittelt klar macht, dass Kolbe nicht nur ein herausragender Schriftsteller ist, sondern auch ein Kenner zeitgenössischer bildender Kunst. Vorgelegt werden insgesamt fünf Essays, die allesamt präzise und kenntnisreich in die Werke unterschiedlicher Künstler einführen. Bedauerlich ist in diesem Kapitel nur, dass die besprochenen Fotos, Bilder und Scherenschnitte nicht abgebildet werden. Kolbes Texte machen derart neugierig darauf, dass man dankbar wäre, wenn auch ein erster visueller Eindruck von ihnen vermittelt würde.

Das vierte und letzte Kapitel versammelt einige jüngere Essays Kolbes u.a. für die horen und über Christa Wolf sowie gleich zweimal über Wolfgang Hilbig. Es spricht für Kolbes Bescheidenheit, dass er ans Ende des Buches die Verneigung vor Hilbig stellt. Derart uneitel ist der vielfach so hypertrophe Literaturbetrieb selten, so dass die Archiv-Metapher im Titel tatsächlich auch in dieser Hinsicht berechtigt ist. Nur eins geht diesem Archivar im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen völlig ab: Humorlosigkeit. Nicht nur im Verlauf der Lektüre muss man immer wieder schmunzeln, das Buch schließt sogar mit einer wunderbaren Pointe. Wo manch einer seiner Kollegen gewiss eine Synthese seines Schreibens gewagt oder einen Kollegen um ein panegyrisches Schlusswort gebeten hätte, setzt Kolbe eine lange E-Mail, die er Schülern aus Mittenwalde geschrieben hat, nachdem sie sich mit Fragen zu einem seiner Gedichte an ihn gewandt haben. Auch in dieser E-Mail herrscht wieder dieser wohltuend entspannte Ton, der Kolbes Buch so wunderbar lesenswert macht.
Im letzten Kapitel bekennt Kolbe zudem seine Wertschätzung für die Rolling Stones, die er manchmal nachspielt und -singt, wenn er sich unbeobachtet wähnt. Man glaubt ihm das sofort. Nun wäre es für den Rezensenten selbstredend verlockend, Kolbe abschließend zu einem der Stones zu verklären. Allein: Wirklich vergleichen lässt er sich weder mit Jagger noch mit Richards oder dem früh verstorbenen Brian Jones. Kolbes filigranes, anspielungsreiches Schreiben gleicht vielmehr dem Spiel Eric Claptons, dessen Posen natürlich längst nicht derart cool wie die der Stones waren, aber dessen Virtuosität sie eben auch nie erreicht haben.

(von Kai Bremer)


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