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Guy Delisle | Pjöngjang 

Graphic Novel
Reprodukt 2007
184 Seiten
18.00 Euro
ISBN 978-3938511312

von Katja Kel | Download

Nordkorea in grauen Bildern

Wie begegnet man einem Land, das still zu stehen scheint? Guy Delisle weiß darauf nur eine Antwort – vermutlich eine der besten – man zeichnet die Begegnung auf. Aber nicht nur in Schrift, nein, eine entscheidende Komponente ist die tatsächliche Zeichnung. Die Mischung macht's: als Leser wird man prompt in das von Delisle aus seinen Erinnerungen, Wahrnehmungen und Reflektionen rekonstruierte Nordkorea, in seine Hauptstadt Pjöngjang, hineingezogen.

Wie viel wissen wir über Nordkorea? Wenn wir nicht gerade Politikexperten sind, bleibt das Land für die meisten von uns eher ein mit Dunkelheit überzogener Punkt auf der Weltkarte. Delisle streicht diese Folie des Unbekannten weg, ganz alltäglich und ohne große Weltverbesserer-Haltung. Er macht es einfach, indem er auf eine ehrliche und leicht zugängliche Weise von seiner Reise erzählt. Der Leser durchlebt zusammen mit dem Autor, Zeichner und Erzähler eine Reise, vom ersten bis zum letzten Tag begleitet man Delisle bei seinen Erkundungen. Und sowohl der Erzähler als auch der Leser erfahren immer neue Erkenntnisse, Wissenslücken schließen sich und gleichzeitig wächst die Neugier mit jedem Bild. Kann dieses Land wirklich so sein?
Denn eines lässt sich schwer vergessen: es sind Delisles Beobachtungen und Erfahrungen.

Mit einem anfangs recht kühlen, distanzierten Beobachterblick und „typisch westlichen“ Eigenschaften fängt Delisles Bericht vom vergessenen Land an. Gespickt mit kritischen Kommentaren und kleinen Anekdoten des Alltags lässt sich die graphic novel in einem Atemzug lesen. Doch scheint die Lesehaltung hierbei nicht ganz ausreichend. Ist es doch vor allem eine visuelle Erfahrung, die uns der Autor hier vorlegt. Seine subjektiven Eindrücke hält er in minimalistischen, stilisierten schwarz-weiß Zeichnungen fest. Seine Stimme legt sich in kleinen Kästchen über die Bilder, man hört eine subtile Kritik am Regime heraus: teils genährt von den Leseerfahrungen von George Orwells 1984, die der Erzähler während seiner Reise macht, teils durch fast schon tollpatschige Begegnungen mit den Gebräuchen des Landes. Wie die Tatsache, dass nachts in der ganzen Stadt völlige Dunkelheit herrscht und der einzige Lichtschein von einem Monument ausgeht.

Mit dem Fortschreiten der Zeit hört man allerdings einen immer ungeduldigeren und etwas boshaft werdenden Ton heraus. Was anfangs noch humoristisch-leicht daher kommt, entwickelt sich nun zur Verzweiflung. Die Langeweile und Einsamkeit gemischt mit der Position eines völlig Fremden macht Delisle zu einem scharfen Kritiker. So kann ein simples Coca-Cola-Trinken in einem antikapitalistischen Land mit den USA als erklärtem Staatsfeind zu einem Protest-Akt gegen das strenge Regime mutieren.

Durch die Trennung in Ausländer, die in schicken Hotels auf Touristen-Inseln festgehalten werden, und so mit dem Land an sich kaum in Berührung kommen, und in Nordkoreaner, von denen man nicht sehr viel erfährt, weil sie sehr schweigsam in Delisles graphic novel geblieben sind, bleibt Pjöngjang klar auf der westlichen Seite der Welt.

Doch da Delisle selbst ein menschlicher Beweis dafür ist, dass längst nicht alles getrennt behandelt werden kann, thematisiert er seinen Aufenthalt in Nordkorea im Kontext der neuen Mode des „Outsourcing“. Die Tür der Demokratischen Volksrepublik wird nämlich immer einen Spalt weit geöffnet solange es darum geht, Produktionen auszulagern, was dem einen Land Ersparnisse und dem anderen in diesem Fall Devisen bringt. Somit entlarvt sich auch das sozialistischste Land als kapitalorientiert. Der Kanadier beobachtet dies aus nächster Nähe und beschäftigt sich mit dem paradoxen Aufeinandertreffen zweier Ideologien.

Man fragt sich, genau wie der Erzähler: „Wie sehr kann man das Gehirn eines Menschen manipulieren? Ist es wirklich möglich das alles zu glauben obwohl man das Gegenteil lebendig vor Augen hat?“ Und auf der anderen Seite müssen wir uns gleichzeitig fragen, wie selbstverständlich wir eigentlich unser Paradigma annehmen und wie anmaßend wir über andere urteilen können.

Delisles Pjöngjang berührt ernste Themen mit einem Augenzwinkern und bedient damit das Genre der graphic novel aufs Treffendste. Hier passt Reportage in Comicpanels. Hier treffen sich Ernsthaftigkeit und Komik.

(von Katja Kel)


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