Buch folgt auf Lern-App zur literarischen Spurensuche in Hessens Mittelalter  

Druckfrisch ist das Buch, das sich auf Spurensuche von mittelalterlicher Literatur in Hessen begibt.

Und nein, die bekannteste Romanfigur, der Simplicissimus von Grimmelshausen, ist nicht dabei, der liegt zeitlich schon später. Die Mediävistik-Forschungsgruppe um Prof. Nathanael Busch an der Universität Marburg setzt das Mittelalter in die Grenzen von der Zeit Karls des Großen um 800 bis zu den „Ausläufern der Reformation“ um 1600. „Dann kam der 30-jährige Krieg und der hat auch die Literatur maßgeblich verändert“, erläutert Prof. Cora Dietl von der Universität Gießen, die zu dem 2010 gegründeten Mediävistik-Kreis der hessischen Universitäten gehört. 
Von Anfang an gab es die Idee das mittelalterliche Kulturgut Hessens zu heben. Womit das nächste Problem beginnt: welche Grenzen von Hessen werden gewählt? Da waren die Forscher um den Marburger Prof. Nathanel Busch pragmatisch, man wählte das Nachkriegs-Hessen. Mit dem Konstrukt der amerikanischen Besatzer leben wir seit gut 75 Jahren. Es brauchte einige Jahre, bis alles gesammelt und entschieden war, auf welche Art es publiziert werden soll. 

Am Anfang war die Lern-App für Studierende, die 2020 fertig gestellt war, durch die Corona-Pandemie aber nicht erprobt werden konnte. „Bislang funktioniert sie auch nur auf dem Server der Universität Marburg“, bedauert Dietl. Die anderen hessischen Universitäten können es also nicht für die Lehre nutzen. Der digitale Wegweiser zu Orten in ganz Hessen, die mit Literatur des Mittelalters in Zusammenhang stehen, enthält nämlich auch Fragen, die die Studierenden beantworten sollen. „Die Lern-App ist auch ausführlicher als das Buch“, erklärt Prof. Dietl, „dort sind mehr Fotos zu sehen, sind Quellen abgebildet und Literaturauszüge nachzulesen. Außerdem gibt es Tipps für besondere Cafes und Restaurants in der Nähe.“ Das ist im Buch ebenfalls geschrumpft auf kurze touristische Angaben zum Ort.

Erklärungsbedürftig ist der Titel „MApentiure“. MA lässt sich als Mittelalter verstehen, beim Sprechen hört man die Worte App und Map (Landkarte) noch mit. Aber was soll das „entiure“ hinten dran? Dafür muss man vom Mittelhochdeutschen „Aventiure“ gehört haben, was die Bewährungsprobe von Rittern meint, oder die Verbindung zum französischen „aventure“ herstellen, woraus sich wiederum das englische „adventure“ (Abenteuer) ableitet. Ein akademisches Wortspiel also.

Wer Spaß am Reisen zu 43, teils entlegenen Orten Hessens hat, Interesse an historischer Literatur mit Entdeckungsfreude kombinieren möchte, der ist bei diesem Buch gut aufgehoben. In Kassel ist das Hildebrands-Lind der Nibelungen-Sage zu entdecken, in Marburg sind es neben der Heiligen Elisabeth auch Spuren von Till Eulenspiegel. Beispiele früher Theaterspiele werden aus Butzbach und Frankfurt vorgestellt, jüdische Literatur in Friedberg und Wetzlar. Es gibt Fernreisende wie die irischen Mönche, deren Spuren an der Wüstung Hausen bei Lich-Nieder-Bessingen zu entdecken sind oder der Söldner Hans Staden, der bis nach Brasilien kam, dessen Denkmal im nordhessischen Wolfhagen steht. Aus der Gießener Nachbarschaft sind noch dabei die Orte: Cleeberg, Braunfels, Butzbach, Laubach, und als bekannte Orte Kloster Eberbach, Abtei St. Hildegard bei Bingen/Rüdesheim, Einhardsbasilika Michelstadt und Kloster Lorsch. 

Dietl hat zwei Beiträge geschrieben. Einen Beitrag zu Burkhard Waldis aus Allendorf (Bad Sooden), der in seiner Geburtsstadt dem Franziskanerorden beitrat, darüber 1523 nach Riga gelangte, dort zu schreiben begann und 1527 das erste deutsche Reformationsdrama schuf. Er studierte dann in Wittenberg und kehrt als Pfarrer in seine alte Heimat zurück. Zu jedem Beitrag gehört auch noch ein kleiner Thementext, der im Falle von Waldis aus Allendorf das Thema „Monstra und Wundergeburten“ behandelt. Das sind etwa Neugeborene mit zwei Köpfen, die als Monster bezeichnet und als Warnzeichen Gottes gedeutet wurden. 
In ihrem zweiten Beitrag behandelt Dietl das Thema „Geistliches Spiel“, das Gießenern von ihren historischen Theateraufführungen her vertraut ist. Das Alsfelder Passionsspiel zu Ostern enthält ausführliche Beschreibungen teuflischer Umtriebe. Regie- und Rollen-Handschriften sind staunenswerter Weise im Alsfelder Stadtmuseum erhalten und auf den Fresken der Dreifaltigkeitskirche, die zum einstigen Augustinerkloster gehörte, sind sie dargestellt. Der Teufel hockt oben auf dem Querbalken des Kreuzes und sägt daran. 

Das Gemeinschaftswerk „Mapentiure“ beschreibt „Pilgerberichte, Heldenlieder, mystischen Traktate und Zaubersprüche, die mit den mittelalterlichen Stätten verbunden sind“. Die Vielfalt der Zeugnisse und Ereignisse ist wirklich überraschend. Zugleich rüttelt das Buch an Lektüregewohnheiten von Studierenden, die nicht mehr in Bibliotheken gehen. „Online gestellt ist ältere Literaturgeschichte, aber die ist mit Vorsicht zu genießen“, warnen die Professoren. In der Denkweise des Kaiserreichs wird „der Charakter eines Volkes von der Landschaft abgeleitet und Literatur als Ausdruck dieses Charakters gedeutet“. Da kommt viel Heimattümelei ins Spiel und der „Erdgeruch der hessischen Scholle“ wabert darüber. „Mapentiure“ ist definitiv ein Gegenmittel, das auf angenehme Weise in die literarische Vergangenheit führt.                                                                                                                                         

Artikel: Dagmar Klein

Nathanael Busch, Anna Hofmann & Julia Josten (Hg.): Mapentiure Hessen. Auf den Spuren mittelalterlicher Literatur, Darmstadt (WBG) 2021, ISBN 978-3-534-40564-0, 200 Seiten, 20 Euro.

                                                                                                  

 


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