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Kathrin Schmidt | Kapoks Schwestern 

Kiepenheuer & Witsch 2016
448 Seiten
22.00 Euro

ISBN 978-3-462-04924-4

von Lena Frewer | Download

»Kein Zeitmaß im Zeitfraß« – es gibt kaum eine Textstelle, die das zentrale Thema von Kathrin Schmidts aktuellem Roman sowie den persönlichen Stil der Autorin treffender vereint. Nach dem Erfolg ihres 2009 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Romans Du stirbst nicht und zahlreichen lyrischen Werken beweist die Autorin mit Kapoks Schwestern nun ihr Gespür für Zeitebenen und Zwischenmenschliches.

Werner Kapok kehrt im August 2014 in die Ostberliner Siedlung »Eintracht« zurück, in der er aufwuchs, und sieht in seinem Elternhaus nach dem Rechten. Kapok, ein gescheiterter Philosophieprofessor, einer der Verlierer der Wende, dem die wiedervereinte Bundesrepublik keinen rechten Platz mehr bot. Kapok, der lange nach der Wende mit den Überresten seines einst ausgeprägten marxistisch-leninistischen Gedankenguts zu kämpfen hatte, blickt aus einem Fenster seines Elternhauses hinunter auf die Straße und auf seine Vergangenheit, die den Gehweg passiert: auf die Schwestern Claudia und Barbara Schaechter. Beide wohnen noch immer im Nachbarhaus der Treptower Siedlung. Mit einem Mal treten die Hauptfiguren seiner Jugend wieder in sein Leben – Kapoks Schwestern.

Im Verlauf der ersten Kapitel mutet die Handlung eindimensional an. Der Inhalt ließe sich in wenigen Sätzen zusammenfassen: Zwei Schwestern liebten in ihrer Jugend den Jungen von nebenan – eine in einer Beziehung, eine in einer Affäre. Die Wende kommt, die Wege gabeln sich und 25 Jahre später setzt sich die unterbrochene Jugendliebe wieder fort.

Kathrin Schmidts Roman als eine Geschichte vom zweiten Frühling dreier Endfünfziger abzutun, greift zu kurz. Das Dreiecksverhältnis eröffnet dem Leser ein Panorama des vergangenen Jahrhunderts. Mit dem überraschenden Eintreffen des lange abwesenden Sohnes Kapoks entrollen sich die Familiengeschichten aus den beiden Nachbarhäusern in Berlin-Treptow. Im Verlauf des Romans verstreut Kathrin Schmidt Ereignis um Ereignis, ohne dass sich allzu schnell ein logisches Bild ergibt. Der bewusste Verzicht auf Chronologie ist es auch, der die Fülle an Zeitsprüngen erst authentisch macht. Die Abwesenheit von Ordnung, die oft fehlenden fließenden Übergänge zwischen den Kapiteln sind literarischer Ausdruck von Gedanken und Erinnerungskonstruktionen. Auch das Etikett des DDR-Romans lässt sich hier nicht anwenden. Der wesentliche Teil der von Schmidt erzählten Familiengeschichten, wobei sie sich hauptsächlich auf die Perspektive der Schwestern Claudia und Barbara Schaechter verlegt, spielt in der Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs. Die Geschichte der Familie Schaechter ist durch ihre jüdische Herkunft und ihre ausgeprägte kommunistische Gesinnung eine Fluchtgeschichte. Zwangsarbeit, Krankheit und Untertauchen sorgen dafür, dass es nicht bei einer Fluchtroute bleibt: immer mehr Städte und Länder tauchen im Verlauf des Romans auf, in denen der Leser Mitglieder der Familie Schaechter wiederfindet.

Wo Trennung ist, kommt es manchmal auch zum Wiedersehen. Angeregt durch alte Super-Acht-Filme auf dem Dachboden ihres Elternhauses beginnen Claudia und Barbara, sich intensiver mit ihrer Vergangenheit und somit auch mit ihrer jüdischen Identität zu beschäftigen. Einige Verwandte lassen sich aufspüren und so führt sie ihre Reise in die USA, nach Israel und Bosnien. Die Menschen auf den Fotos ihres Vaters bekommen nun eine Identität.

Durch die immer zahlreicher werdenden Familienmitglieder, die vor oder im Zweiten Weltkrieg flüchten mussten – gepaart mit den nicht selten 50 und mehr Jahre überbrückenden Zeitsprüngen – kommt man nicht umhin, von Zeit zu Zeit zurückzublättern, um die Ereignisse in einen Zusammenhang zu bringen, der sich durch die Lektüre zunächst schwerlich erschließt. Immer wieder findet sich der Leser auf einem unbekannten Pfad wieder, dreht sich Orientierung suchend um und weiß weder, wie er hierhergekommen ist noch wo sich die nächste Abzweigung zur Gegenwart der Schwestern Schaechter befindet. Erste Umrisse eines kompletten, farbigen Bildes der Familiengeschichte zeichnen sich erst spät ab. Die Suche nach einer geradlinigen Erzählung der Vergangenheit wird immer wieder durch gegenwärtige Gedanken, Beziehungen und Krisen der Schwestern wie auch Werner Kapoks unterbrochen.

Kathrin Schmidts Roman ist viel mehr als eine Geschichte verlorener Lieben und unerfüllter DRR-Karrieren und bietet mehr als eine wenig geordnete Retrospektive in die 1930er und 1940er Jahre:,Kapoks Schwestern ist eine Auseinandersetzung mit der eigenen religiösen wie politischen Identität, mit Fluchterfahrungen, Verlusten und dem Versuch einer Neuansiedlung in einem sozialistischen Regime. Es ist die Geschichte von millionenfach gelebter Vergangenheit, die die Eltern von Werner, Claudia und Barbara nie aussprechen und bewältigen konnten. Es ist das stete Verhandeln von jüdischen wie kommunistischen Identitäten – von den Eltern nie abgeschlossen, von den Töchtern fortgesetzt.

Kathrin Schmidt gelingt es, die Wirren des Krieges und den Zeitgeist der DDR ineinander zu verweben, ohne dabei plakativ zu sein. Es sind die Charakterzeichnungen der drei Hauptfiguren mit ihren Gegenwartskonflikten, die die Vergangenheit nicht wie einen verstaubten Karton mit Erinnerungen erscheinen lassen. Die Autorin setzt sich mit Schicksalen auseinander, ohne emotionalisierend zu sein und schafft, die Beziehungen und Krisen einer sprachlosen Generation und ihrer Kinder zu durchleuchten, ohne dabei geblendet zu werden. 

(Lena Frewer)


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