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Benedict Wells | Vom Ende der Einsamkeit 

Diogenes Verlag 2016
368 Seiten
22 Euro

ISBN 978-3-257-06958-7

von Anna Charlotte Groos | Download

Jules und seine beiden älteren Geschwister Liz und Marty leben eine behütete Kindheit – bis ein tragischer Unfall ihrer Eltern ihr Leben in eine völlig andere Bahn lenkt. Als Waisen kommen die Geschwister auf ein Internat und verlieren sich dort aus den Augen. Der Roman Vom Ende der Einsamkeit des Autors Benedict Wells schildert auszugsweise, wie der Protagonist Jules und seine Geschwister ihr Leben meistern, wie sie als Heranwachsende mit ihrem Verlust und der Einsamkeit umgehen, aber auch mit welchen Fragen sie sich als Erwachsene auseinandersetzen.

Schon Benedict Wells 2008 erschienener Debütroman Becks letzter Sommer war ein großer Erfolg. Er wurde 2015 sogar für die deutschen Kinos verfilmt. Und auch sein dritter Roman Fast genial fand einen vorderen Platz auf der Bestsellerliste. Kein Wunder also, dass Benedict Wells mit Vom Ende der Einsamkeit wieder ein Meisterwerk gelungen ist, das auf Platz 3 der SPIEGEL-Bestsellerliste landete. Laut eigenen Angaben soll der 32-Jährige ganze sieben Jahre lang an diesem Roman gearbeitet haben. Die Geschichte ist zwar nicht autobiographisch, auch wenn Wells selbst den Großteil seiner Kindheit und Jugend in Internaten verbrachte, aber der Autor soll viele der Gefühle, die die Figuren des Buches durchleben, selbst empfunden haben, wie er in einem Interview im Literatur- und Kulturmagazin Buchszene erzählt. Man könnte also sagen, es ist nicht nur die Lebensgeschichte der Romanfiguren, sondern auch ein kleines bisschen die ihres Erschaffers.

Als Erwachsene finden die drei Geschwister schließlich einen Weg, ihre Leben wieder miteinander zu vereinbaren und sich gegenseitig etwas von der Angst und Einsamkeit zu nehmen. Doch alle drei fühlen sich gezeichnet von den Ereignissen ihrer Kindheit, die sie als unsichtbaren Feind ansehen. »Man weiß nie, wann er zuschlagen wird«, heißt es im Roman. Doch die drei treffen in verschiedenen Momenten in ihrem Leben eine Entscheidung, sich nicht mehr von ihrer Vergangenheit unterkriegen lassen zu wollen – es ist die Entscheidung vom Ende der Einsamkeit. Mit so großem Einfühlungsvermögen und so viel Authentizität beschreibt Wales die verschiedenen Charaktere auf diesem Entscheidungsweg, dass man meinen könnte, den dreien schon mal irgendwo begegnet zu sein. Wales gelingt es, auf 368 Seiten nicht nur die Leben der Figuren und die Spuren, die die Ereignisse ihrer Kindheit hinterlassen haben, darzustellen, sondern auch eine große Liebesgeschichte zu schildern, die zugleich Jules Lebensgeschichte ist.

Jules und seine Jugendfreundin Alva, die er am Internat kennenlernte, verlieren sich aus den Augen, doch »ohne sie gab es nichts mehr, das mich vor der Einsamkeit bewahrte«, so der Ich-Erzähler Jules, für den der Verlust von Alva einen weiteren Tiefschlag bedeutet. Als Kind immer sehr selbstbewusst und draufgängerisch, verschließt er sich im Internat und sieht in Alva seine einzige Freundin. Und auch als Erwachsener träumt er sich noch immer in ein anderes Leben hinein, bis sich seine und Alvas Wege wieder kreuzen.
Auch der einst so verschlossene Außenseiter Marty findet das Ende seiner Einsamkeit in seinem Beruf und seiner Freundin Elena, auch wenn er unter einer Zwangsstörung leidet – »Ein Fünkchen Wahnsinn, als Preis für die Normalität«. Liz, das so fröhliche Mädchen in Kindertagen, dann die rebellische Jugendliche und später die Erwachsene mit ausgereiften Drogen- und Bindungsschwierigkeiten, und auch Jules lernen mit dem, was sie für ihr falsch gelaufenes Leben halten, umzugehen. Sie alle drei begreifen, dass ihr Leben nicht »von Anfang an durch etwas vergiftet wurde«, sondern auch das Ergebnis selbst getroffener Entscheidungen ist. Doch als es für Jules so erscheint, als habe er Verlorenes aus seiner Jugend mit Alva wieder aufgeholt und als wäre sein Leben so gut wie perfekt, holt ihn die Vergangenheit wieder ein.

Das Buch ist jedoch nicht nur von tragischen Momenten bestimmt, denn Wales besitzt die Fähigkeit, kleine Episoden mit einer Komik darzustellen, dass man sich als Leser oft gerührt vor Freude und Trauer zugleich fühlt. Auch ist die Liebe zur Literatur, die Jules und Alva schon immer miteinander verband und auch in ihrem späteren Leben ihre verloren gegangene Verbindung wiederherstellt, ein großes Thema des Romans. Jules nutzt das Schreiben eigener Texte, um sich mit seiner Vergangenheit zu arrangieren und das Schreiben als neue Perspektive für sein Leben zu sehen. Dass Wells dieses Thema als Autor so sehr aufgegriffen hat, scheint kein Zufall gewesen zu sein.

Er hat es mit seinem Roman geschafft, leichte Lektüre mit einem großen inhaltlichen Tiefgang zu vereinbaren. Das macht dieses Buch auf jeden Fall für ein großes Leserpublikum empfehlenswert.

(Anna Charlotte Groos)


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