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David Small | Stiche. Erinnerungen 

Graphic Novel
Carlsen 2012
328 Seiten
29.90 Euro
ISBN 978-3-551-78695-1

von Christiane Weber | Download

Man nähert sich dem Leben – oder besser: den Erinnerungen, wie es im Untertitel heißt – von David Small in großen Schritten. Wie mit einem ruckartigen Zoom wird der Leser der Graphic Novel Stiche in das Detroit der 1950er Jahre hineingezogen: rauchende Fabrikschlote in der Autohauptstadt der USA, eine nur wenig befahrene Straße, eine verlassene Grünfläche, ein nur vage beleuchteter Weg, typische Vorstadthäuserfronten, eine offene Tür – erst von weitem, dann von nahem –, durch die man in eines der Häuser tritt, ein leerer Flur und dann schließlich erblickt der Leser den sechsjährigen David, wie er auf dem Boden des Wohnzimmers liegend zeichnet.

Es ist eine klaustrophobische Welt, in die der Zeichner einen einlässt; man lernt eine Familie kennen, die vor allem aus zwei Personen besteht, die niemals Kinder hätten bekommen dürfen. Diese mehr als dysfunktionale Familie – deren Mitglieder in den Zeichnungen oft nur mit leeren Flächen an Stelle der Augen dargestellt werden – ist vielmehr eine Gruppe von Individuen, die sich gegenseitig als schwere Belastung und Schmerz wahrnehmen, unfähig einander zu lieben.

Der 1945 geborene Small wächst in einem Haus auf, in dem nicht gesprochen wird, sondern in dem jeder seine Form der Sprache gefunden hat. Den eigenen Zustand können diese verschiedenen Sprachen für die Anderen aber nicht verständlich machen: So ist das „WHAP!“ der zugeschlagenen Küchenschränke die Sprache der Mutter, das „POCKETA“ des Punchingballs im Keller die des Vaters, mit dem aggressiven „BUM“ der Trommel kommuniziert der ältere Bruder und für den in sich zurückgezogene David Small bleibt das Zeichnen („Die Kunst wurde mein Zuhause. Sie gab mir […] meine Stimme zurück […].“, S. 302).

Bei allen weiteren Geschichten, die Small chronologisch von seinem sechsten bis zum 30. Lebensjahr schildert, dreht es sich immer wieder um dieses Sprechen bzw. das Nicht-Kommunizieren-Wollen und -Können. Dies erklärt sich vor allem durch die Lebenssituation der einzelnen Familienmitglieder, die am Ende des Buches mit Originalfotografien dokumentiert ist: So erfuhr Small erst spät, dass seine Mutter zum einen zeitlebens unter immensen körperlichen Schmerzen litt und zum anderen ihre Homosexualität im rigiden Amerika der McCarthy-Ära hinter einer kräftezehrenden Lebenslüge verstecken musste. Small selbst war durch eine operative Entfernung eines Tumors an den Stimmbändern für zehn Jahre nicht in der Lage zu sprechen bzw. konnte nur rau flüstern.

Genau diese Momente sind es, die Small in seinen Zeichnungen unter die Haut gehend darstellt: etwa das Verstecken auf der eigenen Zunge („eine heisse, feuchte Höhle, in der jeder Gedanke, jedes Wort, das mir in den Sinn kam, mir donnernd zurückgeschrien wurde“, S. 217), die Metapher der zerstörten Kirche für sein in Stücke geschlagenes Inneres ( S. 223) und besonders das Verschwinden und Auflösen in der Masse, in der er „ohne Stimme gar nicht existiert“ (S. 212 f.).

Dabei ist der Zeichenstil in der vorliegenden Graphic Novel nie einheitlich, sondern stets überraschend variierend. Small, der nach seinem Kunststudium als Dozent an verschiedenen Colleges lehrte, bevor er im Alter von 38 Jahren einen Start als Illustrator von vorwiegend Kinderbüchern wagte, zeigt die Vielfalt seines Könnens u.a. in grau schattierten realistischen oder cartoonhaften, detailgenauen oder grobstrichigen, an Werbung erinnernden, leichten oder brutalen Zeichnungen – und letztendlich auch in seiner Sprache. Es sind immer die Bilder – in gerahmten oder in undefinierten Panels, über ganze Seiten oder als kleine einzelne Zeichnung auf einem ansonsten weißen Blatt, strikt eingrenzend oder über zehn Seiten die Variation des immer selben Themas darstellend ( S. 258-267.) –, die die Botschaft tief in sich tragen. Allerdings – so Small selbst – ist diese keine ihn als bemitleidenswertes Opfer darstellende Botschaft. Vielmehr ging es ihm um Verständnis: Nicht Vergebung (denn das sei ein zu großes Wort) ist es, was ihn zum Zeichnen dieser Graphic Novel brachte, sondern das Verstehen wollen dessen, was seine Eltern getrieben hat. Nach fünf Jahren kreativer Arbeit legt Small ein Buch vor, das auf sehr brutale, aber doch auch einfühlsame Weise vermittelt, wie Kunst retten und heilen kann, wie es möglich ist, sich selbst aus der Verzweiflung heraus zu finden.

Man kann dieser in den USA hochgelobten Graphic Novel – so urteilte etwa Francoise Mouly (The New Yorker): „It breaks new ground for graphic novels“ – das eine große Kompliment machen: Man wird bei jedem Umblättern erneut ins Gesicht geschlagen – von der dramatischen Geschichte, aber noch viel mehr von der Stilvielfalt, den kunstvollen Zeichnungen und dem kreativen Einfallsreichtum – und freut sich genau daran. Der Leser taucht ebenso wie der 6-jährige David auf dem Titelblatt kopfüber in eine gezeichnete Welt ein.

Für einen besonderen ersten Einblick in das Buch stehen verschiedene informative Filme und Interviews auf der Seite des Autors bereit (http://stitches.davidsmallbooks.com). Eine 11-minütige Filmzusammenfassung findet sich unter http://www.youtube.com/watch?v=8Qb7mvbBCBE; auf intensive Weise werden hier die Zeichnungen durch den Kamerafokus interpretiert und mit der reduziert-monotonen Musik von Morton Feldmans „2nd String Quartet“ unterlegt – ein eigenwilliger Einstieg, der jedoch der Stimmung des Buches nachfühlt.


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