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Sebastian Junger | War. Ein Jahr im Krieg. 

Aus dem amerikanischen Englisch von Teja Schwaner
Karl Blessing Verlag 2010
336 Seiten
19.95 Euro
ISBN 978-3896674418

von Lothar Schneider | Download

Die Wertung vorweg: Sebastian Jungers Reportage ist ein wichtiges, ein notwendiges Buch. Es ist brillant geschrieben, bis zur Lakonie sachlich und zurückhaltend im Urteil - ausgenommen eine tiefe menschliche Sympathie für seine Protagonisten.

Junger, in den USA schon für seine erfolgreich verfilmte Reportage Ein perfekter Sturm bekannt und geehrt, verbrachte 2007/08 ein Jahr als embedded reporter bei einer Einheit der US-Truppen in der gefährlichsten Gegend Afghanistans, dem nahe der Pakistanischen Grenze gelegenen Korengal-Tal, einer jener Routen, über die Kämpfer der Taliban aus dem Nachbarland einsickern.

Alle, die eine strategische oder gar geostrategische Analyse des Afghanistan-Krieges erwarten, werden von dem Buch enttäuscht werden, ebenso jene, die sich eine moralische Beurteilung oder die Rechtfertigung der amerikanischen Position erhoffen. Auch das Leiden der Zivilbevölkerung und selbst die Entbehrungen der Soldaten sind nur vermittelt Gegenstand der Darstellung. Obwohl Junger körperliche Verwundungen und schreckliche Tode nicht ausspart, stehen die psychischen Wunden und Traumatisierungen der Überlebenden im Zentrum – und die süchtigmachende Intensität der Kämpfe, die viele der jungen Soldaten (meist Anfang zwanzig) für ein ziviles Leben untauglich werden lässt. „Vielleicht ist die schlimmste Wunde diejenige, die dich den Krieg vermissen lässt, in dem du sie erlitten hast“ (319), schreibt Junger im letzten Satz des Buches an einen Soldaten, der sich erneut verpflichtet hat, nach dem es ihm nicht gelungen war, im Zivilleben Fuß zu fassen.

Die ständige Todesdrohung, unter der die Mannschaften der Außenposten leben, erzeugt eine klar strukturierte Situation gegenseitiger Verantwortung, in der jede Handlung nicht nur individuell, sondern auch für das Überleben der Gruppe bedeutsam ist. Im Gegenzug erhält der Einzelne Aufmerksamkeit, Zuwendung und unbedingten Schutz durch die Gruppe. Dieses ‚Belohnungssystem’ ermöglicht es ihm, im Kampf ohne Rücksicht auf die eigene Sicherheit im Sinne des Ganzen zu agieren. Mut, so Jungers Quintessenz, ist nichts anderes als Liebe (S. 286), affektive Bindung an die Gruppe und die Bereitschaft, rücksichtslos für sie einzustehen.

Dass dies keine Soldatenromantik ist – wenngleich vielleicht ihr fundamentum in re –, macht der Aufbau des Buches deutlich: In drei Angst, Töten und Liebe betitelten Kapiteln beschreibt Junger basale Erfahrungen des Kampfes. Zwar legt er seiner Darstellung eine grobe Chronologie seines Aufenthalts zugrunde und exemplifiziert das jeweilige Thema an persönlichen Erlebnissen, zieht sich dann aber auf eine objektivierende wissenschaftliche Perspektive zurück und unterfüttert seine Darstellung mit wissenschaftlicher Forschung. (Die Quellenangaben sind beigefügt [321-332].)

Das Resultat dieser engen thematischen Konzentration ist verstörend: Man entwickelt Sympathie für die Soldaten. Weil das Leiden der feindlichen Kämpfer und die furchtbare Überlegenheit der amerikanische Militärmaschinerie aber nicht nur im ‚sachlichen’ Ton des Militärs – Apaches und A 10 „tun ihre Arbeit“ (271) – berichtet sondern zugleich in Beobachtungen konkretisiert wird, wird die Ungeheuerlichkeit dieser Emotionslosigkeit und das Leid, das sie verstellt, erkennbar. (Z. B. in der Beobachtung eines feindlichen Kämpfers, dem ein Bein abgerissen wurde und der nun einen Hang hinunter kriecht, bis er tot liegen bleibt [185].)

Die Originalausgabe trägt den schlichten Titel War; dass man ihn beibehalten und mit dem Untertitel Ein Jahr im Krieg versehen hat, führt in die Irre: Der Obertitel klingt martialisch, der Untertitel so, als ginge es um Schützengrabenperspektive. Darum geht es zwar auch, aber die Rolle des Berichterstatters und sein Verhältnis zu der Gruppe, auf die auch er angewiesen ist, bleibt reflektiert. Im Fokus der Beschreibung steht nicht einmal der Krieg als solcher, sondern die Psychologie des bewaffneten Kampfes. ‚Krieg’ wird erst in der Reflexion Thema, denn „Krieg ist ein großes und ausuferndes Wort, das viel menschliches Leid ins Gespräch bringt“ (278). Einiges dieses skeptischen Blicks geht leider in der Übersetzung verloren, wenn sie z. B. „tightly knit“ mit „fest zusammengeschweißt[..]“ (251) oder „life skills“ mit „Lebensfähigkeit“ (277) wiedergibt. Heroisierend ist auch der Schutzumschlag: Während in der deutschen und der amerikanischen Ausgabe ein wachsames Auge aus einem verschwitzten Halbprofil blickt, zeigt die englische einen erschöpften Soldaten vor einer martialischen Puppe in Uniform.

Die meiste Zeit seines Afghanistan-Aufenthaltes verbrachte Junger gemeinsam mit dem Photographen und Filmer Tim Hetherington. Aus beider Zusammenarbeit ist der preisgekrönte Dokumentarfilm Restrepo entstanden. Tim Hetherington wurde am 20. 4. 2011 in Misrata, Libyen von einer Granate getötet.

(von Lothar Schneider)


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