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Alexander Osang | Im nächsten Leben. Reportagen und Porträts 

Ch. Links Verlag 2010
256 Seiten
19.90 Euro
ISBN 978-3861535713

von Lothar Schneider | Download

Der Band versammelt 19 Reportage aus den Jahren 2004–2010. Einige davon sind preisgekrönt. Zehn Reportagen spielen in Deutschland, vier in den USA, zwei haben das vermeintliche Rentner- und Aussteigerparadies Thailand zum Thema, drei reflektieren Lebens- und Arbeitsbedingungen des Journalismus. Doch diese Rubrizierung ist oberflächlich: Die Themen überschneiden sich und gravitieren um ein gemeinsames Zentrum.

Alexander Osang interessiert sich für Menschen, für ihre ganz persönlichen Versuche, sich im großen Getriebe einer Welt zurechtzufinden, an dem sie zugleich ihren Anteil haben in welcher Position und Funktion auch immer. Stets geht es Osang dabei um die Gelenkstelle zwischen der privaten und der öffentlichen Person, um persönliche Interpretationen und funktionale Anpassungen. So zeichnet er die stille Beobachterin Angela Merkel in den Oppositionskreisen der untergehenden DDR, bevor sie zur handelnden Politikerin wurde; beschreibt, wie Jürgen Klinsmann dem FC Bayern ein neues System und eine neue Identität verpassen wollte; oder porträtiert Achtzehnjährige, deren einzige Gemeinsamkeit darin besteht, in Berlin am Tag des Mauerfalls geboren zu sein und deshalb jedes Jahr bei einer Gedenkfeier aus der Anonymität geholt zu werden. Er zeichnet das Bild eines Politikberaters, der für Nixon, Jelzin und Schwarzenegger arbeitete; das einer Gruppe amerikanischer Veteranen, die, traumatisiert von den Kriegen des 20. Jahrhunderts, ihr Leben zu bewältigen suchen, und jenes einer Reihe von Personen, die nichts verbindet, als die Tatsache, wie er während des 11. Septembers im gleichen Keller Schutz gesucht zu haben. Osang porträtiert einen reich gewordenen Zuhälter beim Versuch, große Welt zu spielen, eine deutsche Pornodarstellerin, die sich anstrengt, in Hollywood zu überleben und fränkische Beamte bei der mühsamen Tätigkeit, Stasiakten aus Schnipseln zu rekonstruieren.

Die Reportagen sind allesamt Grenzerkundungen: Weder denunziert Osang seine Protagonisten, noch verharmlost er die Verhältnisse, in denen sie sich bewegen und oft genug von ihnen bewegt werden. Osangs Welt ist ‚Menschenwelt’, eine Welt, deren Bewohner nicht nur ‚zurechtkommen’ wollen, sondern sich behaupten, indem sie ihrer Existenz und ihrem Alltag Sinn geben.

In drei Texten thematisiert Osang schließlich die eigene Sphäre: Er porträtiert den Chefredakteur und Geschäftsführer der Berliner Zeitung zwischen journalistischem Ethos und wirtschaftlicher Verantwortung und charakterisiert – durch den Dokumentarfilm Bad Boy Kummer wieder aktuell den ehemaligen Starjournalisten Tom Kummer, nachdem seine Interviews als Fälschungen entlarvt worden waren. Am schönsten ist jedoch eine Reportage, die eigens für diesen Band verfasst wurde: Osang berichtet von dem gemeinsam mit dem Regisseur Carsten Fiebeler angestoßenen Projekt, mit den ‚Paradeindianern’ des ost- und westdeutschen Films, Gojko Mitic und Pierre Brice, einen gesamtdeutschen Western zu drehen. Das Projekt scheiterte – die Reportage gelingt: Eingebettet in eine fast schon skurrile – und auch damit ‚wirkliche’ Handlung findet sich ein Juwel, das wie in einem Brennglas die Beweggründe der Reportagekunst Osangs präziser bündelt, als dies jede Analyse könnte. Es handelt sich um einen Auszug aus einem Interview mit dem amerikanischen Schauspieler Tommy Lee Jones. Die Stelle ist eine dreiviertel Seite lang (16f.) – und damit leider viel zu lang, um sie hier wiederzugeben.

(von Lothar Schneider)


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