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Heiko Arntz (Hg.) | Der komische Kanon. Deutschsprachige Erzähler 1499-1999. 

Galiani Verlag 2011
751 Seiten
49.99 Euro
ISBN 978-3869710426

von Julia Paganini | Download

"Einer sprach, er hätt seine Frau dreißig Jahr gehabt und sie seien nie eins gewesen, nur einmal, da waren sie eines Sinns, da brannte das Haus, da wären sie beide gern zuerst zur Tür hinaus gewesen" (17).

Ob dieser kurze Schwank Johannes Paulis aus dem Jahre 1522 dem Leser ein lautes Lachen oder qualvolles Schmunzeln entlockt, ist wohl damals wie heute 'humor'abhängig. Schon Georg Friedrich Wilhelm Hegel konstatierte völlig zurecht: 'Überhaupt läßt sich nichts Entgegengesetzteres finden als Dinge, worüber die Menschen lachen'.

Sicherlich hätte sich jedoch auch der gute Hegel bei der Lektüre von Heiko Arntz' Der komische Kanon das ein oder andere Mal auf die Schenkel geklopft. Aber auch die leisen Töne der Komik finden in der Anthologie Berücksichtigung, versammelt sie doch auf über 700 Seiten eine große Bandbreite humoristischer deutschsprachiger Prosa und dokumentiert somit die unterschiedlichsten Ausprägungen des Komischen – Darstellungsformen von "verhaltener Ironie bis zur zugespitzten Pointe, von der gezielten Satire bis zum losen Nonsens, vom Humor des Realismus bis zur komisch gebrochenen Phantastik der Groteske" (10).

Beim literarischen Spaziergang durch fünf Jahrhunderte (1499-1999) begegnen dem Leser solch illustre Gestalten wie Till Eulenspiegel, Rübezahl, Simplicissimus Teutsch, Baron Münchhausen, Johannes Kreisler oder Herr Keuner, um einige der bekanntesten Protagonisten zu nennen. Unter den versammelten 120 Autoren finden sich die großen der (Welt-)Literatur, welche sich (in engerem oder weiterem Sinne) auch als Humoristen verstanden: Montanus und Grimmelshausen, Lessing und Wieland, Brentano und Hoffmann, Kafka und Brecht, Kempowski und Goldt. Dabei entdeckt man neben den Klassikern auch überraschende literarische Fundstücke: Adolph Freiherr von Knigge führt in "Vom äußeren Anstande, der Lebensart, Diät und den Gewohnheiten eines echten Pinsels" den gemeinen Spießbürger vor, die herrlich schrägen Auszüge aus den Sammlungen der Brüder Jakob und Wilhelm Grimm, wie beispielsweise "Herr Korbes", brechen die Erzähltradition der bekannten Kinder- und Hausmärchen in ironischer Weise.

Der komische Kanon, der sich um eine chronologisch-retrospektive und enzyklopädische Dokumentation bemüht, stellt auch einen impliziten Streifzug durch die deutschsprachige komische Literaturgeschichte dar: von den hintergründig humoristischen und pikaresken Schwanksammlungen des 16. und 17. Jahrhunderts, die noch in der Tradition der Oral Poetry stehen, über die didaktisierte Zwecksatire der Aufklärung und die phantastisch-grotesken Erzählungen der Romantiker, bis hin zur bissigen Satire und den Texten der großen Humoristen der (Post-)Moderne.

Freilich, eine Anthologie als 'Kanon' zu betiteln, birgt ein gewisses Risiko, denn eine Auswahl ist bekanntlich immer anfechtbar. Und so vermisst man bspw. Auszüge aus dem satirischen Œuvre Thomas Bernhardts oder aus den grotesken Romanen eines Günter Grass, die lediglich im Anhang innerhalb der "Komische[n]-Prosa-Chronologie" verzeichnet werden.

Insgesamt handelt es sich jedoch um ein umfangreiches, ebenso bildendes wie unterhaltendes Lesebuch, das mit einer grandiosen Auswahl bekannter und unbekannter(er) Werke das Schmökern kurzweilig macht, nicht zuletzt durch pointierte Informationen zu den Autoren Anregungen zu weiterführender Lektüre bietet und somit – auch hinsichtlich der Gestaltung im kunterbunten Schmuckschuber – schlichtweg überzeugt.

Über den Herausgeber
Heiko Arntz, geboren 1965 in Bremerhaven, war Cheflektor im Haffmans Verlag in Zürich, wo er das Literaturmagazin Der Rabe betreute. Heute lebt er als freischaffender Lektor und Herausgeber in Wedel bei Hamburg. Mitherausgeber der deutschen Werkausgaben von u. a. Samuel Pepys, Philip K. Dick, Katherine Mansfield und Monty Python; außerdem von ihm herausgegeben: Schräge Geschichten: Grotesken aus zwei Jahrhunderten (1996).

(von Julia Paganini)


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