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Ilja Ilf / Jewgeni Petrow | Das eingeschossige Amerika. Eine Reiseerzählung 

2 Bände
Eichborn Verlag 2011
520 Seiten
65.00 Euro
ISBN 978-3-8218-6239-2

von Lothar Schneider| Download

Ein Duft von Freiheit und Vorstadt. Wie zwei sowjetische Satiriker die USA erfahren

Kann man ohne besonderen Anlass ein Buch empfehlen, das 76 Jahre alt ist, das schon 2011 in vorzüglicher deutscher Übersetzung und bestechend bibliophiler Ausstattung neu aufgelegt wurde, das nicht nur einen Gegenstand zum Thema hat, über den die Zeit ihr Urteil längst gefällt zu haben scheint, sondern zugleich eine Perspektive, die als historisch widerlegt gelten kann? Interessiert eine ‚vergangene Welt’, die dann doch nicht so weit vergangen ist, dass sie fremd und geheimnisvoll erscheint? Die nicht von Monumenten und Exotismen bevölkert wird, sondern von normalen Leuten in normaler Umgebung? Wahrgenommen von einem wachen Blick und in stilistisch gewandter, unangestrengter Sprache dargestellt, interessiert sie sehr.

1935/36 reisen die beiden sowjetischen Satiriker Ila Ilf und Jewgeni Petrow durch die USA. Sie erleben New York, besuchen die Fordwerke in Dearborn, fahren weiter über Chicago, den Grand Canyon und Nevada bis nach Kalifornien, besuchen San Francisco, Hollywood, Los Angeles, machen bei El Paso einen Abstecher nach Mexiko und kehren dann über New Orleans und Washington nach New York zurück. Eine 1600 Kilometer Rundreise im Auto, gemeinsam, mit einem Ehepaar, von dem die Frau den Chauffeur spielte, während ihr Mann den Cicerone gab, der den Fremdlingen die Eigenheiten der amerikanischen Kultur zu erklären versuchte. Aber sehen konnten die Verfasser selbst.

Ilf und Petrow waren in ihrer Heimat bekannte Schriftsteller. Sie hatten es mit dem Gemeinschaftwerk Zwölf Stühle, einer Satire auf die Sowjetunion der neuen ökonomischen Politik, zu erheblicher, bis heute anhaltender Popularität gebracht und besaßen auch in den USA bereits genügend Renommee, um die progressive Prominenz der Ost- und Westküste treffen zu können. (Darunter auch Lewis Milestone, der den erwähnten Roman verfilmen wird.) Obwohl sie zu diesen Gelegenheiten interessante Porträts liefern, stehen Celebritäten nicht im Mittelpunkt. Auch die imponierenden Wolkenkratzer und die besuchten Industrieanlagen allen voran die zu dieser Zeit unvermeidlichen Fordwerke –sind nicht eigentlich Thema, obwohl sie durchaus interessant und frisch beschreiben werden. Und selbst die erhabene Natur der Wüsten und Nationalparks nicht. Im Zentrum steht die Erfahrung des eingeschossigen Amerika, steht die uniforme Welt der Suburbs und Kleinstädte, in der alle Städte wie Gallup aussehen. (Vgl. S. 291. Den Ortsnamen ‚Gallup’ gibt es öfter, hier ist Gallup, New Mexiko gemeint. Zugleich ist ‚Gallup’ der Name eines Meinungsforschungsinstituts, das 1935 von George Gallup gegründet worden war.). Thema ist also die Lebenswelt der ‚normalen Leute’ in der abflauenden Weltwirtschaftkrise des New Deal.

Dabei loben Ilf und Petrow vor allem die umfassende Reibungslosigkeit des amerikanischen ‚Service’ „In Amerika wird dem Kunden kein Bett, sondern guter Schlaf verkauft“ (S. 307), der selbst in der kalifornischen Wüste Nahrungsmittel städtischer Qualität garantiert; kritisieren allerdings, so Ilf in einem der beigegebenen Briefe, zugleich deren gleichförmig mindere geschmackliche Qualität: „Hier isst man nicht, sondern ernährt sich.“ (S. 610). Sie nehmen Anhalter mit und lassen sich die Geschichte dieser arbeitssuchenden Männer erzählen; sie beschreiben die Zustände in Indianerreservaten, bemerken die Situation der schwarzen Bevölkerung des Südens, kritisieren dabei die umfassende monetäre Durchdringung der Lebenswelt und besonders das ökonomische Kalkül der Kulturproduktion. Doch obwohl sie dabei ihre sozialistische Perspektive nicht verleugnen, erscheinen die USA nie als ‚Reich des Bösen’, sondern vielmehr als ambivalente, vor allem aber eigenlogische Realität eines besonderen Lebensstils.

Nie hat man bei der Lektüre das Gefühl, das Amerika der dreissiger Jahre zu besichtigen – man erlebt es, glaubt es in seiner alltäglichen Normalität zu erfahren. Und darin sind Ilf und Petrow weitaus moderner als vergleichbare Amerika-Reportagen der Zeit, die als Klassiker des Genres gelten, wie jene von Egon Erwin Kisch oder Maria Leitner. Das eingeschossige Amerika ähnelt vielmehr den modernen ‚Reisen ins Unspektakuläre’ wie Wolfgang Büschers Wanderung durch das US-amerikanische Kernland (Wolfgang Büscher: Hartland. Zu Fuß durch Amerika. Berlin: Rowohlt 2011) oder Daniel Kalders Erforschung der russischen Provinz (Daniel Kalder: Lost Cosmonaut. London: Faber & Faber 2006). Grund genug also, ihnen dieses Erlebnis ans Herz zu legen.


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