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Geert Mak | Amerika! 

Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten
Siedler Verlag 2013
624 Seiten
34,99 €
ISBN 978-3-8275-0023-6

von Lothar Schneider | Download

Eine Vermessung verlorener Zeit

Geert Maks Amerika! ist eine Bestandsaufnahme und ein Reisebericht, eine Charakteristik der USA und eine Analyse ihrer Befindlichkeit. Die Grundidee ist bestechend: Mak folgt einer Fährte, die John Steinbeck fünfzig Jahre zuvor gelegt hatte. Er ‚liest‘ die Orte, die Steinbeck gesehen und in seinem Reisebericht Travels with Charley. In Search of America1 beschrieben hatte, sieht ihre heutige Wirklichkeit mit eigenen Augen und reflektiert die Distanz beider Bilder. En passant entsteht dabei ein Porträt Steinbecks als tragischer Held auf der Suche nach dem Frontier-Ideal amerikanischer Männlichkeit.

Als John Steinbeck 1960 die USA durchfuhr, tobte der Wahlkampf zwischen Kennedy und Nixon, der die Zäsur zwischen der McCarthy-Ära und dem Aufbruchsgeist der 60er Jahre markiert. Steinbeck war schon zuvor ein Landvermesser der amerikanischen Seele, in seinen großen Romanen, von denen Früchte des Zorns und Jenseits von Eden auch hierzulande berühmt sind, hatte er die sozialen Probleme der amerikanischen Depressionszeit und den Aufbruch des New Deal beschrieben. (Von den Verfilmungen beider gehört hierzulande leider nur Elia Kazans Adaption des letzteren zum Kanon vermutlich weil James Dean die Hauptrolle spielt , während John Fords hochgelobte und Oskar-prämierte Umsetzung des dust bowl-Dramas zunächst durch den Nationalsozialismus blockiert war und nach dem Krieg ‚draußen vor der Tür‘ geblieben ist.) Jetzt durchquert Steinbeck die USA gleich doppelt: zunächst entlang der Nordgrenze von Ost nach West, von der New England-Landschaft seines Wohnortes Sag Harbor nach Seattle, dann wendet er sich nach Süden, Kalifornien, der Landschaft seiner Jugend zu und fährt anschließend über New Mexico, Texas und Louisiana in den Osten zurück.

Die Nachkriegskultur des amerikanischen ‚Consumerism‘ hatte Steinbeck zunehmend verunsichert; nun bricht er in einem umgebauten Pickup auf, um dem normalen Volk zu begegnen, den echten amerikanischen Mann zu suchen und daraus neue Kraft und Sicherheit zu schöpfen. Doch die Erfahrung der Reise desillusioniert und deprimiert ihn. Dennoch erscheinen zwei Jahre später die Travels with Charley. Sie sind Steinbecks letzter großer Erfolg auf dem Buchmarkt und gehören bis heute zum Schulkanon. Lediglich die Gattungszuordnung, die Frage, ob es sich um einen Reisebericht oder Reiseroman handelt, bleibt strittig, denn etliche Fakten sind nachweislich mehr erfunden als erlebt. Was also liegt näher als fünfzig Jahre später die Tour zu wiederholen und die Distanz zu vermessen, die das halbe Jahrhundert mit seinen Veränderungen gezeichnet hat?

Maks Buch ist ein Pfund: Aus den schlanken 275 Penguin-Seiten Steinbecks sind mehr als doppelt so viele fast doppelt so große geworden. Das erscheint durchaus logisch und gerechtfertigt, denn Mak referiert nicht nur Steinbecks Reise und die Umstände, unter denen sie geplant, durchgeführt und beschrieben wurde, er erzählt auch die eigene Reiseerfahrung, berichtet von seinen Begegnungen, erklärt seine Beobachtungen, begründet seine Schlussfolgerungen und diskutiert die Veränderungen, die sich zwischen Steinbecks Gegenwart und der Gegenwart des Jahres 2010 eingestellt haben. Kurz: Im Dialog zweier Reisen liefert Mak eine Analyse der gegenwärtigen US-amerikanischen Befindlichkeit und erklärt sie aus ihren historischen Hintergründen.

Dies ist die Stärke und zugleich eine Schwäche des Buches: Wer ein Kompendium zum Verständnis der gegenwärtigen USA sucht, wird eine anschauliche und mühelose Einführung bekommen; wer sich weiter informieren will, dem gibt Mak am Schluss des Buches ausführliche Lektürehinweise mit Bibliographie. Weniger zufrieden wird sein, wer einen Reisebericht sucht und hofft, eine der Steinbeckschen auch nur vergleichbare Beschreibungsqualität zu finden. Mak bleibt Journalist, nicht Schriftsteller, er erklärt, argumentiert, belegt, referiert andere Meinungen und Überzeugungen, wägt ab und urteilt. Was ihm weniger gut gelingt, ist durch die Auswahl literarischer Bilder sowie aus der Intensität und Intensionalität seiner Beschreibung Verstehen zu provozieren, ohne expressis verbis zu urteilen. (Wer dies sucht ist mit Wolfgang Büschers Hartland besser bedient.)

Die Perspektive Maks ist die des liberalen linken Europäers mit offensichtlicher Sympathie für den Stevenson-Demokraten Steinbeck. Und weil schon Steinbeck aus Kalifornien kommt, also vom geographischen wie chronologischen ‚Endpunkt‘ des amerikanischen Traumes, und weil er auf seiner Suche diesen Traum nicht wiederfinden konnte, erscheint es nur logisch, dass, was schon Steinbeck verloren geben musste, heute noch verlorener ist. Dem Buch kommt diese Konstruktion nicht unbedingt zugute, denn sie überzieht die Darstellung mit einer elegischen Patina, die den Untergang des großen demokratischen Traums, den die USA verkörperte, beklagt, anstatt ihre Gegenwart auf der Suche unvoreingenommen zu durchstreifen und charakteristischen Phänomenen ihre Regeln und Gesetze abzulauschen.
Absoluter Höhepunkt an Verlorenheit ist für Mak das zerstörte New Orleans, zerstört, wie der Holländer unterstreicht, weniger wegen des Orkans Katrina, als wegen der vernachlässigten Deiche, die dem Wasserdruck nicht standhalten konnten, als die Flut längst schon nicht mehr am Steigen war. Hier gelingen auch prägnante Bilder:
Ein Schild kündigt umfassende Restaurierungsarbeiten an, aber vorerst steht das Gebäude verlassen da wie ein einsamer grauer Koloss. Es ist absolut still, einige Häuser in der Umgebung sind abgesackt und werden mit Balken gestützt, von anderen ist nur noch ein Haufen Holz oder eine brachliegende Parzelle übrig. In der Ferne ist die Autobahn zu hören, und – für einen kurzen Moment – das Tuten eines Zuges. Die Schule ist umgeben von einem hohen Stacheldrahtzaun, Fensterscheiben sind eingeworfen, die Zimmerdecken hängen halb herab, alles ist schmutzigbraun und verwittert. (S. 537).

Steinbeck hatte in New Orleans eine Szene aus den Anfängen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung beobachtet, als ein afroamerikanisches Kind gegen den Widerstand der Eltern seiner weißen Mitschülerinnen zur Schule eskortiert werden musste. Er hatte die unglaublichen Schimpfkanonaden der Eltern in seinem Manuskript festgehalten, sie auf Einwände des Verlags später dann aber für die Veröffentlichung streichen lassen. Fünfzig Jahre nach Steinbeck schockierender Erfahrung, fünf Jahre nach der ‚Naturkatastrophe‘ Katrina hatte Mak die Ruine der William Frantz Elementary School gefunden.

Zum Autor
Geert Mak (*1946) ist ein niederländischer Schriftsteller und Essayist. Nach seinem Studium und Dozententätigkeit in den Rechtswissenschaften arbeitete er als Journalist für eine Wochenzeitung und gründete die Literaturzeitschrift Atlas. 2008 wurde er mit dem Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet.


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