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Yassin Musharbash | Radikal 

Kiepenheuer & Witsch 2011
400 Seiten
14,99 Euro
ISBN: 978-3-462-04338-9

von Kai Bremer | Download

Von der Realität eingeholt

Unkritische Überlegungen zu Yassin Musharbashs Thriller Radikal

Als im Spätsommer die ersten Anzeigen für Yassin Musharbashs Thriller Radikal geschaltet wurden, habe ich mir das Buch gleich bestellt. Das hatte zwei Gründe: Seine Artikel auf Spiegel Online gehören zum Besten, was man über den internationalen Terrorismus und zur Politik in der arabischen Welt lesen kann. Sein Buch über al-Qaida von 2006 hatte diesen Eindruck begründet. Der andere Grund ist schlicht biographischer Natur. Yassin und ich haben einige Zeit gemeinsam im Schülerrat unseres Gymnasiums zusammengearbeitet. Wir haben uns damals nicht nur im Hinblick auf schulpolitische Fragen richtig gut verstanden. Auch wenn wir uns nach dem Abitur aus den Augen verloren haben, kann ich nicht leugnen, dass ich seinen Arbeiten immer mit großer Sympathie begegnet bin.

Das erwähne ich, weil mich sofort Zweifel beschlichen, ob der gute Journalist auch ein guter Erzähler ist. Zwar gibt es genügend Beispiele dafür, dass sich das nicht ausschließt – aktuell zeigt das etwa Dirk Kurbjuweit. Aber im Fall von Radikal hatte ich trotzdem die Sorge, da könne sich einer auf ein Feld begeben haben, das er nicht beherrscht – und da sich die Literaturkritik nicht gerade durch grundlegendes Wohlwollen auszeichnet, habe ich die ersten Kritiken mit sehr gemischten Gefühlen aufgeschlagen. Zu meiner großen Freude waren sie jedoch alles andere als Verrisse. Ja, gemessen daran, dass hier immerhin ein Kollege von der Konkurrenz schrieb, waren die Besprechungen in den Tageszeitungen regelrecht euphorisch.

Die Kritiker bestätigten damit meine ersten Eindrücke. Sowohl in stilistischer Hinsicht als auch im Hinblick auf die Handlungsgestaltung zeigt sich rasch, wie sehr Yassin das literarische Handwerk beherrscht. Die Handlung wird facettenreich erzählt, indem mal der Fokus stärker auf den Blogger und Terrorfachmann Samson gelegt wird, mal auf die junge Sumaya, die als wissenschaftliche Referentin eines muslimischen Bundestagsabgeordneten arbeitet, und mal auf die Journalistin Merle, die für ein einflussreiches Nachrichtenmagazin schreibt. Dadurch wird die Geschichte aber nicht nur aus verschiedenen Perspektiven geschildert – zugleich wird eine Milieustudie des politischen Berlins zwischen Reichstag, Café Einstein, WG-Küchen und verranzten Altbaudachböden geliefert.

Aber nicht nur wegen des Personals wird schnell klar, dass das Buch sich der Gegenwart auf eine Weise stellt, die untypisch ist für einen Thriller. Es geht nicht nur um Figuren im Umkreis der großen Politik, sondern ganz grundlegend um das politische Selbstverständnis der Republik: Sumayas Chef Lutfi Latif zieht als erster bekennender Muslim in den Bundestag ein und wird so zu einer Figur, die polarisiert und zu extremen Reaktionen herausfordert, obwohl er an sich gar keine polarisierende Persönlichkeit ist. Aber gerade weil Latif kein Radikaler ist, fordert er die Radikalen heraus: Im Studio eines Morgenmagazins explodiert eine Bombe, der Politiker stirbt.

Als ich die beeindruckend präzise Schilderung des Attentats und der Reaktionen der verzweifelten Angehörigen und Freunde lese, sitze ich gerade im Berliner Strandbad Mitte und warte an einem Septembernachmittag auf einige Kollegen. Es ist kein sonniger Tag, trotzdem jedoch ein ruhiger und schöner. Wieder beschleichen mich die Zweifel an dem Thriller: eine Bombe mitten in Berlin – das kennt man als Szenario von Pressemitteilungen des Innenministers. Für wirklich realistisch aber habe ich das nie gehalten. Während ich mir gerade noch einen Espresso bestellen will, höre ich auf einmal mehrere Hubschrauber über mich hinweg fliegen – sie sind aber nicht auf dem Weg zur Charité, wie sonst üblich, sondern fliegen Richtung Unter den Linden. Nur wenige Minuten später tickern die ersten Nachrichten aufs Smartphone, dass der türkische Präsident in der Humboldt-Uni eine Rede halten wollte und dort eine Bombendrohung eingegangen ist. Auch wenn es glücklicherweise bei der Drohung geblieben ist, wird mir mit einem Schlag deutlich, dass das Szenario des Romans alles andere als bloße Fiktion ist.

Nach diesem Montagnachmittag wäre es eigentlich an der Zeit gewesen, mir einzugestehen, dass meine Vorbehalte gegen den Thriller weder in literaturkritischer noch in politischer Hinsicht berechtigt, sondern offensichtlich einem diffusen Bedürfnis entsprungen sind, einem ehemaligen Schulfreund nicht ohne Not Vorschusslorbeeren zu gewähren. Aber ich habe mir das nicht eingestanden.

Im Anschluss an den Anschlag erzählt der Roman nicht nur wie dem Blogger Samson erste Zweifel kommen, als ein al-Qaida-Bekennervideo auftaucht, ob das Netzwerk tatsächlich hinter dem Anschlag steht. Es geht also nicht nur um die Frage, wer für den Mord verantwortlich ist. Geschildert wird zudem, wie der Verfassungsschutz nach der Bombenexplosion ermittelt und dabei auf dem rechten Auge nicht etwa blind ist, sondern wie einige Verfassungsschützer und Politiker das rechte Auge gewissermaßen bewusst zukneifen. Das schien mir nun doch zu weit hergeholt. Dass mein Vertrauen in solche Organe aber alles andere als berechtigt war, hat sich nur wenige Wochen später auf ganz fürchterliche Weise gezeigt.

Yassin Musharbashs Thriller ist damit nicht nur ausdrucksstark erzählt und beeindruckend spannend, sondern vor allem auf bedrückende Weise politisch hellsichtig und ein politisches Bekenntnis, allen Radikalen entschieden zu begegnen. Wer auf ein beruhigendes Happy End aus ist, sollte den Thriller freilich nicht lesen. Darüber kann auch der wunderbar romantische Schluss nicht hinwegtäuschen, der zwar meine naive Seele ein wenig zur Ruhe hat kommen lassen, aber nicht vergessen macht, dass die gemeinsame Nacht mit Sumaya, auf die Samson zuletzt hofft, nicht verhindern wird, dass die Welt sich weiterdreht und dass die radikalen Netzwerker weiterhin Fakt sind.


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