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Karen Köhler | Wir haben Raketen geangelt 

Hanser  2014
240 Seiten
19,90 €
ISBN 978-3446246027

von Julia Sorokin | Download

Rezension zu Karen Köhlers Wir haben Raketen geangelt

Aus dem Leben gegriffen und authentisch, wenn auch manchmal ein wenig zu abenteuerlich, gleichzeitig niederschmetternd und aufbauend, vielschichtig und gerade durch seine Einfachheit so tiefgründig: Das wäre die Kurzfassung der Gedanken und Empfindungen, die Karen Köhlers Erzählband Wir haben Raketen geangelt in mir hervorgerufen hat. Etwas präziser formuliert beschreibt die Theater-Autorin und Illustratorin in den neun Kurzgeschichten ihres Debütwerkes die Vielfalt des Lebens mit seinen Höhen und Tiefen. Dabei schreckt sie vor keinen Irrungen und Wirrungen, keinen noch so gut verborgenen Tiefen der menschlichen Psyche zurück und zeichnet so ein Bild, das einen kaum unberührt lassen kann.

So geht es direkt in der ersten Geschichte „Il Comandante“ um eine krebskranke Frau Anfang 30, und mit dieser Tatsache wird man auch gleich auf der zweiten Seite im inneren Monolog der Protagonistin konfrontiert. Man weiß nicht, was kommt, hat keine Zeit, sich auf den Kloß im Hals vorzubereiten, ist direkt mitten drin in den höhnischen, quälenden und nur allzu nachvollziehbaren Gedanken dieser tapferen Frau. In „Cowboy und Indianer“ sitzt die Protagonistin dehydriert vor einer Tankstelle im Death Valley und wird von einem Indianer gerettet. Was zunächst nicht nur ihr selbst wie eine Fata Morgana vorkommt, entfaltet sich zu einer Darstellung von Rassismus, kulturellem Erbe, tiefer Freundschaft, Menschlichkeit – und dem genauen Gegenteil davon, wenn gegen Ende der Geschichte offenbart wird, wie die Protagonistin im Teenageralter vergewaltigt wurde. Der nächste Kloß, den man hinunterschlucken muss.

Ähnlich geht es einem bei „Name, Tier, Beruf“, wo die Protagonistin nach vielen Jahren dem (Ex-)Freund ihrer verstorbenen Schwester begegnet und ihm berichtet, wie sie sein Kind im vierten Schwangerschaftsmonat auf einer Bahnhofstoilette verloren hat. Auch in den sechs kurzen „Familienportraits“ muss man immer wieder schlucken: Ein alkoholabhängiger Vater, ein konservatives Elternpaar mit ihrem schwulen Sohn, eine an Alzheimer erkrankte Mutter, die letzten Mailbox-Nachrichten einer Schwester vor ihrem Selbstmord, ein nach einem Schlaganfall bettlägeriger Vater und eine Szene zwischen einer todkranken Frau und ihrem, in seinen Augen unterstützenden, Vater. Gleich sechs Klöße hintereinander, das Schlucken wird langsam schwer. Auch die beiden Geschichten „Wir haben Raketen geangelt“ und „Wild ist scheu“ behandeln ein Thema, das alltäglich und doch alles andere als einfach zu verarbeiten ist: den Verlust eines geliebten Menschen. Während die Protagonistin der letzteren Geschichte sich ohne Vorräte in der freien Natur mit ihrem Verlust auseinandersetzt, wagt die junge Frau aus der ersten den Schritt nach vorne und beginnt ein neues Leben.

Diese kleine Flamme des Optimismus, welche man behutsam anpusten muss, bis daraus ein Feuer wird, findet sich auch in „StarcodeRed“. Darin flüchtet sich die Protagonistin nach einer Trennung in die Arbeit auf einem Kreuzfahrtschiff, pfeift bei einem Zwischenstopp schließlich auf alles und kehrt nicht zum Schiff zurück, um stattdessen einen Neuanfang zu wagen. Eine solche Auszeit wird auch in „Polarkreis“ beschrieben, nur mit dem Unterschied, dass die Hauptfigur in ihr altes Leben zurückkehrt. Und in „Findling“ geht es um eine völlig andere Art des Lebens, um eine Familie, welche abseits der Zivilisation irgendwo in den Weiten Russlands lebt und von welcher am Ende nur noch Asja bleibt, die von diesem Leben erzählt.

Das geradezu erstaunliche an Wir haben Raketen geangelt ist Karen Köhlers Fähigkeit, solche krassen Themen, die zu unserem Leben aber nun mal dazugehören, in einer derart leichtfüßigen, lockeren Sprache, angereichert mit einer Prise Witz an den richtigen Stellen, zu verpacken, dass einem trotz der vielen Klöße im Hals das Lesen unglaublich viel Spaß macht.Und allein die Tatsache, dass die Autorin nicht vor diesen sonst eher als Tabuthemen gehandhabten Situationen zurückschreckt und anhand ihrer Protagonistinnen aufzeigt, wie facettenreich diese sind, ist eine wahre Errungenschaft.

Einen einzigen Minuspunkt gibt es allerdings zu vergeben: Es erscheint fragwürdig, ob jemand wirklich so einfach sein bisheriges Leben aufgeben und quasi nur mit einem Rucksack bepackt ein neues Kapitel aufschlagen würde wie in „StarcodeRed“ und „Polarkreis“. Ebenso abenteuerlich wirkt zum Teil „Cowboy und Indianer“ mit der Fahrt zum Powwow im Duck-Valley-Reservat in Nevada. Aber dass die wenigsten zu einer solch radikalen Veränderung im Stande wären, macht eben vielleicht auch gerade einen der Reize von Wir haben Raketen geangelt aus.

(Julia Sorokin)


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