Bücher bis unter die Decke – das letzte Gießener Antiquariat  

Annemarie Zellmer ist Buchhändlerin aus Leidenschaft und betreibt nun schon seit 2004 ein Antiquariat im Gießener Stadtteil Wieseck. Dabei denkt die 85-Jährige noch lange nicht ans Aufhören. »Es geht nicht ohne Bücher«, sagt die ausgebildete Buchhändlerin, die sich mit 64 Jahren ihren Traum vom eigenen Antiquariat erfüllte. Unter den zigtausend Titeln, die sich vom knirschenden Holzboden über kleine Tischgruppen bis hinauf zum von der Decke baumelnden Kronleuchter stapeln, befindet sich nahezu jedes Genre: deutsche Klassiker, Romane, Krimis, Kinder- und Jugendbücher, Lexika, naturwissenschaftliche Werke, Briefwechsel, philosophische sowie theologische Schriften und viele mehr.

 

An den Wänden unter dem alten Kronleuchter stapeln sich nicht nur Bücher, sondern auch historische Postkarten und beeindruckende Gemälde. In einem gemütlichen Polstersessel oder auf dem Sofa nebenan in »der Stube« kann man zwischen den vielen Büchern versinken und in einem der vielen Schätze schmökern.

 

Die Liebe zur Literatur liegt Zellmer im Blut. Sie stammt aus einer Verlegerfamilie aus Friedberg. Schon ihr Vater besaß eine Druckerei inklusive der  angeschlossenen Buchhandlung Bindernagel sowie einem kleinen Schreibwarenladen. In Zellmers Kindheit wurde zu Hause viel vorgelesen. »Nach der Schule habe ich dann oft hinter den Regalen in der Buchhandlung auf der Leiter gesessen und Heftchen geschmökert – Nick Knatterton oder Micky Maus, das gab es daheim nicht«, erzählt sie schmunzelnd. Im Anschluss an ihre Lehre zur Buchhändlerin arbeitete die dreifache Mutter bis zur Rente, in der von ihrem Bruder eröffneten Zweigfiliale der Familien-Buchhandlung Bindernagel in Butzbach. Mit 64 Jahren eröffnete sie schließlich ihr eigenes Antiquariat im Privathaus.

Für Annemarie Zellmer, die zwischen Druckmaschinen und Bücherregalen groß wurde, ist es kaum vorstellbar, dass heute immer weniger Kinder lesen und stattdessen früh zum Smartphone greifen. »Dabei kann einem das Lesen so viel geben.« Wenn Schulklassen ihr Antiquariat besuchen und sie erfährt, dass nur noch wenige Kinder zu Hause Bücher besitzen, macht sie das nachdenklich: »Wenn Kindern nicht von klein auf vorgelesen wird, dann ist das schlecht.« Sie selbst greift lieber zum Buch, als sich von sozialen Medien oder dem Internet ablenken zu lassen. Fernseher oder Smartphone besitzt sie nicht. Stattdessen sitzt sie im Sommer mit einem Glas Wein und einem guten Buch auf dem Schoß im Garten zwischen Vogelgezwitscher und umgeben von Grün. 

Ihr Antiquariat, versteht Zellmer auch als Ort der Begegnung. Der Austausch mit Kund*innen habe ihr schon immer viel bedeutet und nicht selten seien daraus Freundschaften entstanden. »Mir ist jeder sympathisch, der gerne liest.« An die Eröffnung erinnert sie sich noch gut. Damals kamen viele Butzbacher Stammkunden aus ihrer Zeit in Butzbach nach Wieseck. Natürlich habe sich das Leseverhalten heute durch Internet, E-Books und Hörbücher verändert. Doch noch immer gebe es Kund*innen, die mit ganzen Bücherstapeln ihr Haus verlassen. Zellmer beobachtet: »Gerade Philosophie scheint bei jungen Leuten wieder auf wachsendes Interesse zu stoßen.«

Neben Büchern bietet die Antiquarin auch humorvolle und historische Postkarten an. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf heimatkundlicher Literatur über Gießen und die Region. Gelegentlich übernimmt sie noch ausgewählte Sammlungen oder Einzelstücke. Große Bücherspenden nimmt sie jedoch nicht mehr an. »Irgendwer muss sich ja um all das kümmern, wenn ich nicht mehr lebe«, fügt sie hinzu und zeigt auf die dicht gefüllten Regale. Wer Bücher abgeben möchte, wird von ihr an ein Internetportal oder öffentliche Bücherschränke verwiesen. Für Sammler recherchiert Zellmer gezielt im Netz nach gesuchten Raritäten – rund 4000 Titel bietet sie selbst online an.

 

Das Haus in der Rabenauer Str. 4 in Wieseck ist mittwochs und donnerstags von 15 bis 18 Uhr geöffnet – sowie nach telefonischer Vereinbarung – geöffnet. Zur Beantwortung von Anfragen und für Recherchezwecke ist Annemarie Zellmer täglich telefonisch oder über ihre Website https://www.amaltenlindenplatz.de erreichbar.

 

 

 


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