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Gregor Sander | Winterfisch 

Erzählungen
Wallstein Verlag 2011
192 Seiten
18.00 Euro
ISBN 978-3835308435

von Jennifer Sprodowsky | Download

Schneestürme, Meeresrauschen, sandige Buchten, dunkle Tage, helle Nächte –

Es ist der Ostseeraum mit seiner scheinbar grenzenlosen Weite, der die Kulisse für Gregor Sanders Kurzgeschichtenband Winterfisch bildet. Neun Erzählungen enthält der Band, allesamt sprechen sie von dem leisen, sehnsüchtigen Versuch der Ankunft.

Die Erzähler aus Sanders Geschichten sind meist Männer mittleren Alters. Ihre Herkunft verortet sich in den Städten der ehemaligen DDR, ihre Zukunft im Ungewissen. Sie begeben sich auf Reisen, privat oder geschäftlich, doch immer im Baltikum, in Skandinavien oder an der deutschen Ostsee. Dort treffen sie auf Menschen, sind umgeben vom Nichts und hören Geschichten – eigene und andere.

Die Stimmung, die von diesen Erzählern vermittelt wird, schmiegt sich an das weitverbreitete, wenn auch überspitzte Bild des Nordischen: kühl, distanziert, wenige Worte und viele Wolken, die eine graue Decke über alle Geschehnisse werfen. Die Zeit läuft langsamer als anderswo und bietet einen weiten Raum für Emotionen. Sander begegnet dieser Weite mit einem überaus lakonischen Stil. Er vergnügt sich nicht mit detaillierten Psychologisierungen seiner Figuren, sondern lässt sie sowie die Leser_innen auf schicksalsträchtige Momente stoßen, die nur wenig Ausblick nach vorne und hinten zulassen, aber genau dadurch an Kraft gewinnen.

Im Titel der sechsten Erzählung wird diese Momenthaftigkeit konkretisiert. Der Stand der Dinge erzählt von einer Köchin, die in ein Privathaus nach Hiddensee bestellt wird, um dort für eine Familie ein Abendessen herzurichten. Bei ihrer Ankunft weiß sie nichts über den Anlass dieses Essens und nur langsam eröffnet sich ihr, dass die Familie des Geburtstages ihres verstorbenen Sohnes und Bruders gedenkt, der vor mehr als zwanzig Jahren bei seinem Fluchtversuch nach Dänemark erschossen worden war. Durch ihre Arbeit tritt die Protagonistin in das private Unglück von Anderen. Ihr eigenes kann dadurch (nur) bedingt hervortreten.

Dieses Begehen des Fremden, in dem die Probleme der Figuren an Form gewinnen, findet sich in allen Erzählungen aus Winterfisch. Die Erzähler treten vor den Geschichten ihrer Begegnungen zurück, sodass man gelegentlich meinen könnte, sie seien vielmehr Antagonisten als Protagonisten. Dass sich dieser Eindruck nur bedingt halten lässt, zeigt sich jedoch an der Verzahnung von Momenten und Erinnerungen, die Sander auf eindrucksvolle Weise gelingt. Die Figuren verlassen ihr Gewohntes und gerade erst in diesem, wenn auch manchmal sehr passiven Aufbruch mit all seinen episodischen Zusammentreffen wird ihnen die Schwere ihres eigenen Seins bewusst. So dreht sich die Erzählung Weiße Nächte bspw. um zwei Freunde, die sich zusammen auf einem Segeltörn befinden. Genauestens berichtet der Ich-Erzähler von Entzug und Rückfall seines alkoholkranken Studienfreundes und gegen Ende der Geschichte ist es dann doch auch der Erzähler selbst, der unter Deck mit einer Wodkaflasche sitzt.

In Stüwes Tochter verliebt sich der Erzähler in die Tochter eines ehemaligen Stasi-Mitarbeiters. Dessen Bespitzelungen, die bis in seine eigene Familie reichten, sind immer noch so sehr Problem und Thema im Jetzt der Geschichte, dass sich der Ich-Erzähler nur auf dem Abstellgleis befindet. Mit Recht fragt er am Ende: „Und was ist mit mir?“

Überhaupt geben Sanders Geschichten immer wieder Einblicke in die Historie und ihren Einfluss auf die Gegenwart. Sei es die Aktion Rose, die 1953 an der Ostseeküste die Verstaatlichung von Hotels, Restaurants u.ä. zum Ziel hatte, oder die Nationalsozialisten, die angeblich zwei der litauischen Volkshelden erschossen: Geschichtliche Ereignisse schleichen sich an die Oberfläche. Dieses Schleichen ist jedoch nicht mit einem Mangel an Intensität gleichzusetzen. Die Kunst von Sanders Erzählen besteht darin, weniger tatsächlich mehr sein zu lassen. Er konfrontiert seine Leser_innen nicht mit einem schwindelerregenden Übermaß an Sprachgebilden, aus denen sie sich dann das für sie Nötige herauspicken dürfen. Das, was einem beim Lesen den Boden unter den Füßen wegzieht, sind Entwürfe von Menschen, die von ihren eigenen Gefühlen überrascht werden, von Menschen, die so stumm schreien, dass es weit über die Lektüre hinaus nachhallt.

Zum Autor:
Gregor Sander, geb. 1968 in Schwerin, absolvierte vor dem Studium der Medizin und Germanistik Ausbildungen zum Schlosser und Krankenpfleger. Nach dem Besuch der Berliner Journalistenschule lebt er heute als freier Autor in Berlin. Sein literarisches Debüt ist der Erzählband Ich bin aber hier geboren, der 2002 erschien. Darauf folgte 2007 sein erster Roman abwesend sowie 2011 der Kurzgeschichtenband Winterfisch. Die Titelerzählung Winterfisch wurde 2009 mit dem 3sat-Preis beim Bachmannpreis in Klagenfurt ausgezeichnet.


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