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Stevan Paul | Monsieur, der Hummer und ich 

Erzählungen
mairisch Verlag 2009
176 Seiten
18.90 Euro
ISBN 978-3-938539-12-5

von Madelyn Rittner | Download

Von Monsieurs, Hummern und terroristischem Hackfleisch

Stevan Paul stellt in seinem Debüt-Erzählungsband eindeutig den Bezug zu seinem ersten Beruf und seiner Leidenschaft als Koch her, einschließlich der Emotionen und der Dramatik, die mit einer derartigen Arbeit einhergehen. Dabei wird bei der Lektüre von Monsieur, der Hummer und ich sehr schnell deutlich, dass sich Pauls Talent bei Weitem nicht allein auf Kulinarisches beschränkt. Seine Erzählungen machen Appetit auf mehr, und zwar nicht bloß auf die urkomischen Texte selbst, sondern auch auf die beigefügten Rezepte.

Jede der fein ausbalancierten Geschichten schließt mit einem zur Thematik passenden Rezept ab. Auch wenn man vielleicht nicht jeden dieser kulinarischen Vorschläge ausprobiert – es ist doch eher fraglich, ob viele Leser tatsächlich ihre eigenen Bratwürste herstellen möchten –, so runden sie die Erzählungen, die zusammen mit den liebevollen Illustrationen eine gelungene Komposition darstellen, doch auf schöne Weise ab. Das Leseerleben wird somit zu einem Vergnügen für alle Sinne.

Der Einstieg in den Erzählband mit der Geschichte „Tanz der Schlächter“ zeigt bereits die Stärken des Autors. So nimmt er humorvoll das Klischee des spießigen Schrebergartenpärchens auf die Schippe, das in guter deutscher Tradition die Grillgüter zu früh auf den Rost packt und verbrennt. Dabei bleiben seine Charaktere nie eindimensionale Pappfiguren, die nur oberflächlich angeschaut werden. Eher schon kann die Stimmung auch ins Ernste kippen, wie etwa in „Ich bin der Fischmensch“, eine Erzählung, die den Leser mit dem enormen Druck, der mit dem Beruf des Kochs verbunden ist, konfrontiert. Nichtsdestoweniger ist es der Humor, der in den meisten Geschichten überwiegt, und so lösen sich Druck und Zweifel dann wieder auf, wenn aus einem versehentlich gelatinierten Hummer ein geplantes Gourmetmenü wird.

Einige von Pauls Erzählungen muten durchaus experimentell an: Da wird schon mal die Erzählperspektive eines tiefgefrorenen Steinbutts gewählt oder der Leser nimmt einen Fleischburger aus einer durch Alkohol und Drogen vernebelten Perspektive wahr, als Terroreinheit, die „das Böse in die Welt hinaustragen“ wird, wie es in „Mein Freund Sanghee rettet die Welt“ der Fall ist.

Bei so viel absurder Komik tut es dem Erzählstil des Autors auch keinen wirklichen Abbruch, wenn er sich manchmal unstimmiger Sprachspiele („aufgeblasene Blase“) schuldig macht. Stevan Pauls Geschichten funktionieren allein und unabhängig voneinander, werden aber zugleich durch die übergreifende Thematik zusammengehalten. Und unter all den Kochanekdoten und humoristischen Geschichten ist auch von Freundschaft, Familie und Liebe die Rede. Und natürlich auch von einer Bratwurstpalme.

Über den Autor
Der 1969 geborene Koch Stevan Paul lebt in Hamburg und arbeitete von 1988 bis 1995 in führenden deutschen Gastronomiehäusern. Heute ist er als Autor für Zeitschriften, als Foodstylist und in Werbeagenturen sowie Verlagen tätig. Mit www.nutriculinary.com betreibt er einen der meistgelesenen Foodblogs in Deutschland. Sein zweiter Erzählband Schlaraffenland. Ein Buch über die tröstliche Wirkung von warmem Milchreis, die Kunst, ein Linsengericht zu kochen, und die Unwägbarkeiten der Liebe ist im Herbst 2012 im mairisch Verlag erschienen.


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