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Moritz Rinke | Erinnerungen an die Gegenwart 

Erzählungen
mairisch Verlag 2009
176 Seiten
18.90 Euro
ISBN 978-3-938539-12-5

von Madelyn Rittner | Download

Erinnerungen an eine Lesung – statt einer Kritik

Im Januar letzten Jahres besuchte Moritz Rinke wieder einmal Gießen. Er kommt immer gerne in die Stadt, in der er nicht nur Theaterwissenschaften studiert, sondern auch viele Leser hat.

Als Rinke im Vorfeld des Besuchs zusammen mit mir überlegte, aus welchem Werk er lesen könnte, waren wir uns zunächst nicht einig. Klar war, dass es nicht sein Roman, Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel, sein konnte. Den hatte er im Literarischen Zentrum bereits vorgestellt. Auch eine Auswahl aus seinem damals jüngst erschienenen Fußball-Buch, Also sprach Metzelder zu Mertesacker..., kam nicht infrage, weil er Erzählungen daraus bereits bei seiner Lesung mit der Autorennationalmannschaft in Gießen vorgestellt hatte. Ich plädierte für eine Lesung aus seinem neusten Drama Wir lieben und wissen nichts, das nur wenige Wochen vor der geplanten Lesung im Januar 2013 am Schauspiel Frankfurt uraufgeführt wurde. Aber eine Lesung aus einem Theaterstück ist immer ein Risiko, wenn es nicht von Schauspielern gesprochen wird. Im Nachhinein war ich sehr froh, dass Rinke die szenische Lesung ablehnte. Immerhin wurde die Frankfurter Inszenierung dieses im deutschsprachigen Raum wohl erfolgreichsten Dramas des letzten Jahres einige Monate später im Rahmen der hessischen Theatertage in Gießen gezeigt, sodass die Lesung im Rückblick gewiss ein peinliches Unterfangen geworden wäre.

Doch was dann lesen? Wir waren uns letztlich rasch einig, dass Rinkes Kolumnen, die er vor allem im Berliner Tagesspiegel unter dem Titel Erinnerungen an die Gegenwart publiziert, ideal für den Abend wären. Die Reaktionen des Publikums während der Lesung und die drängenden Nachfragen, warum man die Essays und Geschichten denn nur in der Zeitung lesen könne – „Das ist doch Literatur, das gehört doch in ein Buch!“ – bestätigten unsere Entscheidung. Schon während der Lesung ließ Rinke durchblicken, wie sehr ihn ein neuer Band mit ausgewählten Kolumnen reize. Nicht zuletzt die Lesung in Gießen hat ihn dann veranlasst, das Vorhaben bei seinem Verlag Kiepenheuer & Witsch zu forcieren.

Inzwischen liegen die Erinnerungen an die Gegenwart vor. Rinke kommentiert darin auf die ihm eigentümliche, mal naiv-komische, mal traurig-träumerische Art das Zeitgeschehen. All diese Texte veranschaulichen, wie sehr Rinke ein Autor der Gegenwart ist, der Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft nicht nur wahrnimmt, sondern auch von innen kennt. Nicht ohne Grund hat der ehemalige Leiter des Kulturresorts vom Tagesspiegel, Peter von Becker, Rinke einmal als Zeitungsschriftsteller bezeichnet und ihn damit in eine Reihe mit Größen wie Fontane, Tucholsky oder Kästner gestellt.

Den neuen Band kennzeichnet, dass Rinke sich insgesamt stärker gesellschaftspolitischen Fragen wie der Virtualisierung und sozialen Netzwerken zuwendet, um unser Zusammenleben zu befragen. Wenn man sich außerdem klar macht, wann die Artikel erstmals erschienen sind, wird deutlich, wie früh Rinke seinerzeit allmählich um sich greifende Themen wie das Cloud-Computing und seine Risiken zu antizipieren wusste – lange bevor sie breit in kulturell interessierten Kreisen wahrgenommen wurde. Gleichzeitig bietet das Buch Einblicke in Rinkes Verhältnis zum literarischen Leben, zu Kunst und Kultur. Die Texte über Max Frisch, Paula Modersohn-Becker oder seine Arbeit als Juror auf der Berlinale zählen zum Besten, was das Buch zu bieten hat.

Für die Gießener Leser ist das Buch jenseits all dessen ein spannendes Ereignis, weil sich darin eine Geschichte findet, die sich infolge von Rinkes Roman Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel ereignete, die über einen Umweg bis zum Seltersweg und der Lesung führt und die typisch ist für sein immer neugieriges Erzählen an der Grenze zwischen Erlebtem und Fiktion.

Schluss- und Höhepunkt der Sammlung sind Rinkes freilich ganz der Realität zugewandte Artikel über die Gezipark-Proteste in Istanbul. Er hielt sich im letzten Sommer in der türkischen Metropole nicht als Journalist auf, um sich vor Ort einen Eindruck von den Auseinandersetzungen zu machen, sondern als Stipendiat der Deutschen Kulturakademie Tarabya. Und um im späteren Sommer dort zu heiraten. Die aus dieser Ausgangssituation resultierende Spannung – hier das auf Dauer angelegte private Glück, da die politische Kraft des Moments – ist wunderbar erzählt. Als ich die Schilderungen las, wurde ich noch einmal sehr traurig, es im letzten Sommer nicht zur Heirat von Eylem und Moritz nach Istanbul geschafft zu haben. Doch die aufkommende Melancholie war nicht nur dem geschuldet. Vor allem war sie Folge davon, dass Rinke im entscheidenden Moment nicht selbst spricht, sondern seiner angehenden Frau das Wort in Form einer Mail überlässt:

„Ich habe die Menschen meines Landes noch nie so erlebt. Wie sie sich gegenseitig geholfen haben. Wie mutig sie waren. Wie würdevoll. So eine Bewegung, so eine Kraft. Auch wenn sich sichtbar nichts ändern wird, aber mein Land ist in diesen Tagen ein anderes Land geworden. Und ich bin so stolz auf meine Freunde, die alle dazu beigetragen haben. Deine Eylem.“

Ulrich Khuon, der Intendant des Deutschen Theaters Berlin, hat Rinke einmal eine „parzivalhafte Mischung aus Neugierde und Naivit´┐Żt“ attestiert . Diese Haltung kennzeichnet auch die ersten Reportagen in Erinnerungen an die Gegenwart. Gegen Ende büßt Rinke zwar nicht die Neugierde, wohl aber seine ostentative Naivität ein. Das mag für Leser, die sich ungern überraschen lassen, ein Ärgernis sein. Allen anderen aber bietet das Buch nicht nur wunderbare Lesemomente, sondern auch eine neue Facette Moritz Rinkes.

Kai Bremer

Zum Autor Moritz Rinke, geboren 1967 in Worpswede, studierte »Drama, Theater, Medien« in Gießen. Seine Reportagen, Geschichten und Essays wurden mehrfach ausgezeichnet. Sein Stück Republik Vineta wurde 2001 zum besten deutschsprachigen Theaterstück gewählt und 2008 für das Kino verfilmt. Sein Stück Café Umberto wurde bereits an zahlreichen Theatern gespielt und ist Bestandteil einiger Lehrpläne. 2010 erschien sein Debütroman Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel, der zum Bestseller wurde. Zuletzt erschien Also sprach Metzelder zu Mertesacker... Sein neues Theaterstück Wir lieben und wissen nichts ist eines der erfolgreichsten Dramen der letzten Jahre und wird an über 30 Bühnen gespielt. Moritz Rinke lebt und arbeitet in Berlin.

Kai Bremer ist Mitglied im Vorstand des Literarischen Zentrums, Institutskoordinator am Institut für Germanistik der JLU und u.a. Herausgeber des Moritz-RinkeArbeitsbuches „Ich gründe eine Akademie für Selbstachtung.“ In seinem Blog philology & irony stellt er philosophische, hochschulpolitische und literaturkritische Überlegungen an. Auch ist er Autor von nachtkritik.de, der theaterkritischen Instanz im Internet.


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