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Christopher Kloeble | Meistens alles sehr schnell 

Deutscher Taschenbuch Verlag 2012
380 Seiten
14,90 Euro
ISBN 978-3-423-24901-0

von Freya Köhring | Download

„Meistens alles sehr schnell“ – Auf der Suche nach Identität und liebsten Besitztümern

Meistens alles sehr schnell ist der zweite Roman von Christopher Kloeble. Auf 380 Seiten verbindet er Lebens- und Liebesgeschichte, Krimi und Abenteuergeschichte, Vergangenheit und Gegenwart. Tabuthemen wie Inzest, Behinderung und Gewalt kommen wie selbstverständlich mit Liebe, Identität und Fürsorge zusammen.

Die Handlung verortet der Autor in seiner eigenen Heimatgemeinde, dem oberbayrischen Königsdorf. Der neunzehnjährige Albert lebt bis zum Abitur im Heim, da seine Mutter unbekannt und sein Vater Fred geistig behindert ist. Als Albert jedoch erfährt, dass Fred nur noch fünf Monate zu leben hat, beschließt er, zu ihm zu ziehen, sich um ihn zu kümmern und sich endlich auf die Suche nach seiner eigenen Mutter zu begeben.

In einem zweiten Erzählstrang wird der Leser zu Julius in die Vergangenheit zurückgeführt. Dessen Leben beginnt in den 1920er Jahren als Kind einer inzestuösen Beziehung. Immer wieder wird die Haupthandlung mit diesem zweiten Erzählstrang verwoben, um Julius? Lebensgeschichte zu erzählen, die klug mit der gesamten Geschichte verknüpft ist.

In dem kleinen abgeschiedenen Ort Segendorf (später Königsdorf) lebt Julius zusammen mit seinen Eltern und seiner Schwester Anni. Schon bald merkt er, dass seine Eltern anders sind: Sie sind Geschwister. Zum Zeitpunkt des alljährlichen Opferfeuers, in das jeder Dorfbewohner seinen liebsten Besitz wirft, fallen seine Eltern ebenfalls einem Feuer zum Opfer. Es wird von der kleinen Anni gelegt, für die ihre Eltern ihren liebsten „Besitz“ darstellen. Unter Schock läuft Julius davon und beginnt bei einem Bestatter ein neues Leben.
Anders als die Handlung in der Gegenwart wird die Vergangenheit aus Julius? Perspektive geschildert. Zu Albert bleibt dem Leser dagegen der Zugang verwehrt, da die Figur selbst nicht genau weiß, wer er ist, was er fühlt und was er möchte. „Angst. Mutter. Erwartung. Neugier. Gefahr. Fred. Belastung. Tod. Verwirrung. Alleinsein. Angst. Keins passte richtig.“ Wie also soll sich der Leser mit einer Figur identifizieren, die sich immer noch auf der Suche nach sich selbst befindet?

Parallel zu den Handlungen in der Gegenwart wird die Vergangenheit der handelnden Personen aufgearbeitet. Kloeble versteht es, geschickt die Schicksale miteinander zu verknüpfen: Vergangenheit und Gegenwart bewegen sich immer weiter aufeinander zu, bis Julius? Rolle in der Geschichte schließlich ersichtlich wird.

Albert kommt hingegen nur schleppend voran. Eigentlich möchte ihm niemand so recht bei seiner Identitätssuche helfen, auch Freds Antworten werfen nur immer neue Fragen auf. Alles, was Albert weiter ermutigt, ist sein „liebster Besitz“: Ein Spiegel mit zwei roten Haaren, von denen er glaubt, dass sie seiner Mutter gehören. Mit Hilfe seiner Ex-Freundin Violet, der schrulligen Nachbarin Klondi und Fred macht er sich auf den Weg, das Rätsel seiner Herkunft zu lösen. Zunächst fahren sie zur Schwester Alfonsa, die mehr weiß, als sie Albert bisher verraten hat. Sie führt die Gruppe zu einem Altenheim, in dem Julius seinen Lebensabend verbringt. Der aufmerksame Leser merkt bereits, dass die Dinge sich ganz anders verhalten, als sie scheinen. Doch am Ende der Reise, wenn die Vergangenheit schließlich die Gegenwart einholt, bleibt dennoch einiges offen, bleiben einige Fragen weiterhin ungeklärt.

Ganze zehn Jahre hat Christopher Kloeble in seinen Roman investiert. Er behandelt darin aktuelle Themen der Gesellschaft wie die traditionelle Familienkonstellation „Vater-Mutter-Kind“, die immer mehr aufbricht und so die Frage nach der Identität und Herkunft neu aufwirft. Darin findet auch der gesellschaftliche Umgang mit Behinderungen besondere Aufmerksamkeit. Dabei lässt die Geschichte den Leser nicht mehr los, führt ihn auf eine spannende Reise und reißt ihn meistens sehr schnell mit.

Über den Autor
Christopher Kloeble wurde 1982 in München geboren und wuchs im oberbayrischen Königsdorf auf. Schon als Schüler nahm er am Manuskriptum-Kurs der Ludwig-Maximilians-Universität München teil. Er studierte in Dublin, am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und in München. 2008 erschien sein Romandebüt Unter Einzelgängern bei dtv. Für Meistens alles sehr schnell erhielt er den „Entdeckt! Amazon Autoren-Preis“.

(Freya Köhring)


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