Zwischen Teufeln und Mördern: St. Meinrad. Sommerinszenierung der Germanistik-Theatergruppe 

© Cora Dietl© Cora Dietl

Montag, 24.6., 19:30 Uhr

Botanischer Garten
Eingang Sonnenstr.
35390 Gießen

GA 

Zu einem bekannten Rocksong der amerikanischen Band Deep Purple der 1970er heißt es, "Smoke on the water" habe nicht nur die Aufnahme-Session zu eben diesem bekannten Hit beeinflusst, sondern gehe zurück auf ein Feuer, das in Montreux in einem Besucherzelt ausgebrochen sei, während Frank Zappa und seine Band dort ein Konzert gaben.

Glücklicherweise kann man hinter und durch Rauchschwaden nicht nur geschichtsträchtige Rockhymnen in ihrer Kreativität erstrahlen lassen, sondern auch bodenständigere Werte vermitteln, so wie es die Germanistik Theatergruppe am gestrigen Abend getan hat. Vom Rauch auf dem Wasser also, hin zu einem entspannten Theaterabend im botanischen Garten, dessen Darbietung der 25-köpfigen Theatergruppe der Justus-Liebig-Universität unter der Leitung von Cora Dietl mehr als gelungen ist.

Wer unter den zahlreichen Besuchern war, konnte sich auf ein vielseitiges Stück einstellen. So bot das Einsiedler Meinradspiel, welches um 1576 entstanden ist, Einblicke in gesellschaftliche Abgründe und Intrigen, in Not und Todschlag, Betrügereien und Höllenfahrten, ohne dabei Schnellstraßen und eines modernen Ambiente zu bedürfen. Dafür  aber lieferte die Inszenierung klug gewählte „Special Effects“, die das Publikum im botanischen Garten mehr als einmal daran erinnerten, das etwas Teuflisches in der Luft lag, wenn der Rauch sich verzogen, der Schwefelgeruch aber weiterhin in manche Nase wehte. Das ursprünglich 3700 Verse umfassende Stück, hatte man in der gestrigen Darstellung auf etwa 1000 Verse gekürzt, um eine spannende Unterhaltung bieten zu können, was den Darstellern leicht von der Hand ging.

Besonders nachdenklich aber stimmt einen dennoch der Hergang des Stückes. Die Germanistik Theatergruppe fixierte sich dabei auf zwei unterschiedliche Handlungsstränge. Da ist zum einen der fromme Mönch Meinrad und sein Ordensbruder zu nennen. Ersterer möchte sich in naturgebundener Abgeschiedenheit in einer bescheidenen Behausung niederlassen, um zu beten und einen frommen Lebenswandel zu führen. Dies aber will nicht so recht gelingen. Dem Teufel und seinen Untergebenen nämlich ist die Frömmigkeit des Mönchs ein Dorn im Auge. Mehrfach umgarnen Satan und seine Schergen ihn. Sie bereden ihn, schleudern ihn umher, wollen ihn, so scheint es, in die Hölle hinab reißen. Als dies nicht gelingen will, weil Meinrad von einem Engel gerettet wird, beschwören die Teufel zwei Räuber, die den frommen Mönch ausrauben und töten sollen. Meinrad selbst zeigt sich beim Eintreffen der beiden Kriminellen gelassen, lässt sie ein, hat nichts zu geben und wird schließlich, so wie es sein Engel prophezeit hat, erschlagen. Die beiden Räuber werden für ihre Taten gefoltert und gehängt, wenngleich der Ordensbruder Meinrads an das Gericht appelliert, die späte Reue der Täter als Entlastung von der Sünde sieht.

Der zweite Handlungsstrang in der Inszenierung bildete einen Gegenpool zu der gottestreuen Lebensweise in der Natur und Zurückgezogenheit. Uli Bösbub ein Missetäter lässt sich als negatives Pendant zur Lebensweise des Mönches verstehen. Er bringt zu Beginn des Stücks eine Familie um Haus, Kind und ihr Erspartes, weil er die bescheidene Hütte der Eheleute nach einem Raubüberfall in Brand setzt. Auch bringt er einen gutgläubigen Bauern um Hab und Gut und ersticht, beim Versuch das Geld in einem Wirtshaus mit falschen Tricks zu verspielen, fast einen der Wirtshausgäste, mit dem er in Streit gerät. Es scheint daher nur allzu logisch für die Teufelsbande zu sein, das es Uli Bösbub ist, der am Ende des Stückes vom Tod selbst mit Pfeil und Bogen gerichtet werden muss, ehe ihn die Teufelsschergen in die Hölle bringen.

Die Theatergruppe präsentierte den zahlreichen Gästen im botanischen Garten ein Stück, das auf den ersten Blick nur ein Spiel um Gut und Böse ist – an spätmittelalterliche Schwänke mit Witz und Belehrungsfunktion erinnert. Was das Stück aber zu etwas Besonderem macht, dass ist die Empathie, die man bei all dem Unrecht mit den Figuren empfindet, das ist vielleicht auch die Genugtuung, die man spürt, wenn man weiß, dass über Gut und Böse von höheren Mächten entschieden wird. Was letztlich am Ehesten bleibt, das ist das Bewusstsein, sich anderen gegenüber großzügig und gemeinschaftsdienlich zu verhalten. Universelle Werte, die einem so eine einfach scheinende Mischung aus Schwarz und Weiß, dem falschen und dem richtigen Handeln, in der Inszenierung eines fast fünfhundert Jahre alten Spiels immer noch bewusst machen kann. Und das mag vor allem deshalb funktionieren, weil Ungerechtigkeiten und Neid, aber leider auch Mord und Totschlag, in unserer Welt unüberschaubare Größen angenommen haben, die sehr wohl von positiven Kräften, wie der Nächstenliebe und der Kraft des Gemeinschaftsbewusstseins eingedämmt werden könnten.

Es war ein Abend der einfachen Gegenpole – des Guten und des Bösen, die einen vielleicht daran erinnern, nicht nur an sich selbst zu denken, sondern daran, über den eigenen Tellerrand zu blicken und das gilt eben auch, wenn christliche Werte in unserer Zeit keinen universalistischen Charakter mehr haben mögen. Die Theatergruppe der Germanistik lud mit ihren traditionellen und farbenfrohen Kostümen und ihren altertümlich angehauchten Sprechtexten dazu ein, ein Stück neu zu erfahren und alte Buchverse vor den Besuchern in einem gut ausgedachten Setting neu wirken zu lassen. Diese großartige Leistung wird die Gruppe um Cora Dietl in nächster Zeit auf einer Tagung im italienischen Genua hoffentlich genauso wiederholen können. Der Applaus des Publikums war ihnen jedenfalls sicher. Für einen Abend gelang es den Schauspielern alle Anwesenden in ihren Bann zu ziehen, dazu mag auch die zeitgenössische Musikauswahl in Umbauphasen beigetragen haben. Und einmal mehr ist erstaunlich, wie sehr so ein Abend doch im Gedächtnis bleibt, wenn die Darbietung der Schauspieler auf der schlichten Bühne einem selbst nahe geht. Ein Theaterabend ist doch immer wieder ein Erlebnis, besonders dann, wenn er auf einer Lichtung im Botanischen Garten umringt von historischen Gebäuden  und Gewächsen stattfindet – vielmehr Gewinn als nur Schall und Rauch.

(Sebastian Ernst)


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