parkxullstein
240 Seiten
23 Euro
ISBN 9783988160652
Von Isabella Tahmouresi
»Ich werde über die Ungerechtigkeiten und Inkonsistenzen all jener Männer schreiben, die sich als beflissene Feministen bezeichnen. Ich werde ihre weichgespülten Körper aufs Tablett legen, sie bis auf die Unterhose entkleiden, nicht weiter, denn das Eigentliche brauche ich nicht zu sehen, dass sie Männer sind und immer bleiben, müssen sie mir nicht beweisen.« (S. 14)
Was auf den ersten Blick wie ein klassischer Großstadt-Dating-Roman anmutet, entpuppt sich schnell als gnadenlose Demaskierung einer Szene, die sich selbst gern als progressiv inszeniert. Lackierte Fingernägel, langer Ledermantel, Künstler, Schauspieler, Schriftsteller, Feminist oder doch nur ein gut einstudiertes Kostüm? In Anti Müller stellt Yade Yasemin Önder genau diese Frage und trifft damit einen Nerv. Was früher vielleicht als Indikatoren für einen sensiblen, reflektierten Mann galten, ist längst zum ästhetischen Mainstream geworden. Die Frage lautet nicht mehr, ob Männer feministisch aussehen, sondern ob sie es tatsächlich sind. »Alles kann, nichts muss« ist einer jener wohlklingenden Leitsätze maximaler Freiheit, die sich bei näherem Hinsehen oft als Chiffre für Verantwortungslosigkeit entpuppen. In Önders Roman steht er exemplarisch für eine Generation von Männern, die sich progressiv geben, feministische Sprache beherrschen und dennoch von genau den patriarchalen Strukturen profitieren, die sie vermeintlich kritisieren.
Bereits der Titel lässt Doppeldeutigkeit zu. Das Anti-Müller-Hormon ist ein medizinischer Wert, der Auskunft über die weibliche Fruchtbarkeit gibt und damit gesellschaftlich drängende Fragen zu Kinderwunsch und Familienplanung aufwirft. Gleichzeitig verweist der Titel auf Andi Müller, einen attraktiven Schauspieler, den die namenlose Mitte 30-jährige Ich-Erzählerin datet. Diesen beschreibt sie immer wieder in Rollen: »Andi, der Zimmerpflanzen-Mörder. Der plötzlich nicht mehr Erreichbare. Der erst, als jeder Flohmarktstand längst zusammengeklappt ist, wieder zu sich Kommende. Der aus Versehen Eingeschlafene. Der in zwanzig Nachrichten und zehn Anrufen sich zu entschuldigen Versuchende.« (S. 89). Er bleibt Schauspieler, selbst außerhalb der Bühne. Wer sich tatsächlich hinter dieser Inszenierung verbirgt, bleibt unklar. Dadurch wird er zum Sinnbild eines modernen pseudofeministischen Mannes.
Gleichzeitig seziert Önder die Scheinheiligkeit des Literatur- und Kulturbetriebs durch die Augen ihrer Protagonistin, die Schriftstellerin ist und an ihrem Debütroman arbeitet. Sie rechnet mit einer Branche ab, die sich gern als aufgeklärt inszeniert und dennoch von großen Egos, männlich geprägten Netzwerken und subtilen Formen der Machtausübung bestimmt wird. Dabei karikiert sie die kultivierten Männerfiguren keineswegs, was ihre Darstellung umso überzeugender macht. Sie werden nicht durch Überzeichnung lächerlich, sondern allein durch ihre Selbstinszenierung. Es sind Männer, die keine Fragen stellen, sondern Monologe halten. Männer, die erst dann zuhören, wenn ihr Gegenüber beweisen kann, intellektuell mithalten zu können. Männer, die sich weibliche Erfahrungen und Ideen aneignen und als ihre eigenen verkaufen.
Zentral bleibt jedoch die weibliche Panik angesichts der verrinnenden Zeit: »Ich sage ich will eine Familie gründen. Er sagt ich weiß. Ich sage bald. Er sagt, dass ihm das klar wäre, wir ja aber gerade über etwas anderes gesprochen hätten.« (S. 59). Während die biologische Uhr für die Protagonistin unerbittlich tickt, geraten Liebesleben, Kinderwunsch und berufliche Selbstverwirklichung zunehmend in einen Konflikt miteinander. Der Wunsch nach einem Kind entwickelt sich dabei mehr und mehr zur Obsession. Der Roman kulminiert schließlich in einem emotionalen Ausnahmezustand. Die tief spürbare Verzweiflung treibt die Erzählerin an den Rand eines Nervenzusammenbruchs, in dem sie zu drastischen, grenzüberschreitenden Mitteln greift, selbstzerstörerisch und depressiv wird. Während sie ihren persönlichen Tiefpunkt erlebt, machen ihre Ex-Freunde, die sie dorthin gebracht haben, Karriere.
Önder entwickelt eine unverwechselbare Stimme, die nie zur Ruhe kommt. In einem atemlosen Bewusstseinsstrom jagt ein Gedanke den nächsten. Fast jeder Satz ist ein kleines sprachliches Ereignis. Die durchgehend in Kursiv gesetzte direkte Rede schafft Dialoge, die sich lesen wie Floskeln aus dem Dating-Lifestyle einer ganzen Generation. Diese Form scheint nicht nur Stil, sondern auch Ausdruck des inneren Chaos der Ich-Erzählerin zu sein: zwischen Wut, Verzweiflung und dem Versuch, Kontrolle über das eigene Leben zu behalten. Sie leidet nie still. Sie ist pampig, ungeniert, konfrontativ und vor allem wütend. Dass Anti Müller dabei nie in Verbitterung oder bloße Anklage kippt, verdankt sich seiner feinen Selbstironie. Die Erzählerin nimmt nicht nur ihr Umfeld, sondern immer wieder auch sich selbst ins Visier. Doch so kompromisslos ihre Wut ist, so groß ist auch ihre Verletzlichkeit. Und genau darin liegt die Stärke des Romans. Die Protagonistin fühlt leidenschaftlich und spricht Dinge aus, die viele denken und macht so patriarchale Muster dort sichtbar, wo sie sich heute am liebsten verstecken: hinter Unverbindlichkeit, Selbstbezogenheit, Verantwortungsverweigerung und kulturellem Kapital.