Mathes & Seitz Berlin
182 Seiten
34 Euro
ISBN 978-3-7518-4019-4
Von Lothar Schneider
Endlich ist dieser Klassiker der Naturbeschreibung ins Deutsche übersetzt – nach 56 Jahren, in denen er nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat. Denn was Richard Mabey beschreibt, sind nicht erhabene Landschaften von Gebirge und Meer oder liebliche Idyllen, sondern kaum wahrgenommene Tiere und Pflanzen in Siedlungen, in Gewerbegebieten, an Stadträndern, an und auf Wegen – kurz: überall dort, wo der Bewuchs und seine Bewohner eher stören, als dass sie zur Betrachtung einladen. Doch wer das Buch gelesen hat, wird vieles sehen, das er zuvor übersehen hatte.
Mabey beschreibt Aspekte einer Natur, die unseren Klischees zu widersprechen scheint: Sie ist schnell – kaum liegt die Erde blank, schon sprießen Pflanzen, kaum gibt es Pflanzen, folgen schon Tiere; sie ist mobil - viele der Bewohner sind weitgereist, an Bahndämmen, Feldrainen oder Kanälen, oder listig: aus Gehegen und Beeten entkommen; manchen hat der Mensch den Weg bereitet, anderen versucht er ihn zu verstellen.
Unangestrengt die eigenen Wege und Erfahrungen nacherzählend zeichnet Mabey diese bewegliche, erfindungsreiche Natur und die Geschichten ihrer erfolgreichen, oft aber auch zerstörerischen Interaktion mit dem Menschen. So z.B. den ‚weißlichen Gänsefuß‘, der vmtl. neolithisch als Nahrungspflanze eingeführt worden war, später wieder von Speiseplan verdrängt wurde und heute in Europa als ungeliebtes ‚Unkraut‘ sein Dasein fristet - auf das man in Notzeiten zurückgreifen kann. Oder die extrem anpassungsfähigen, erfolgreichen, lästigen und kaum zu vertreibenden Haustauben und ihren Gegner, den Turmfalken.
Mabeys Maxime ist, dass Tiere oder Pflanzen nur dort überhandnehmen können, wo das natürliche Gleichgewicht gestört wird – was meist auf Rechnung des Menschen geht. (In gewisser Weise sind wir der erste Schädling und produzieren unsere Schädlinge selbst.) Aber Mabey vermeidet Wege ins Grundsätzliche; er entwirft kein Bild einer wahren, richtigen, ‚eigentlichen‘ Natur, der die akkulturierte als ‚falsch‘ entgegenstünde. Für ihn gibt es lediglich die ‚offizielle‘ des normalen Sprachgebrauchs und jene ‚inoffizielle‘, die wir zumeist übersehen. Hier ist die deutschsprachige Titelgebung etwas unglücklich, wenn sie das ‚unofficial‘ des Originals (The Unofficial Countryside) mit ‚uneigentlich‘ wiedergibt.
P.S.: Wer sich für den ‚weißlichen Gänsefuß‘ interessiert, dem empfiehlt sich: Richard Mabey: essbar. Wildpflanzen, Pilze, Muscheln für die Naturküche. Bern e.a. 2013. ISBN 978-3-258-07760-4. 464 S. (vielfach antiquarisch erhältlich).