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Thomas Brussig | Die Verwandelten 

Wallstein Verlag 2020
328 Seiten
20 Euro

ISBN 978-3-8353-3605-6

von Ronja Wolf | Download

»Fibi wusste, dass ihre Mutter für einen Augenblick darüber nachdachte, was es bedeutete, wenn sich Fibi in einen Waschbären verwandelt hätte. Auch wenn sie es aus Vernunftgründen für vollkommen ausgeschlossen hielt.«

Die Teenager Fibi und Aram denken sich nicht viel dabei, als sie für eine Mutprobe in eine Autowaschanlage gehen, um sich in Waschbären zu verwandeln. Sie erwarten nicht, dass an dem Internetscherz wirklich etwas dran sein könnte, aber als sie sich entgegen aller Vernunft tatsächlich in Waschbären verwandeln, muss nicht nur Fibis Mutter das akzeptieren. Die seltsame Tatsache, dass ihre Kinder plötzlich keine Menschen mehr sind, verarbeiten die Eltern ganz unterschiedlich. Fibis Vater versucht, den Ursprung ihrer Verwandlung, den erfolglosen Komiker, der die Anleitung inzwischen gelöscht hat, aufzuspüren und eine rechtliche Lösung für das Thema zu finden. Währenddessen lässt ihre Mutter sie von Ärzten aller Art untersuchen, um eine Erklärung für dieses Phänomen zu finden, und Arams Eltern sorgen sich um sein bevorstehendes Probetraining beim HSV. Während eine Rückverwandlung zunehmend unmöglich erscheint, entschließt Fibis Familie, sich an die Öffentlichkeit zu wenden. Damit versetzt ihre Verwandlung nicht nur die eigenen Familien in Aufruhr, sondern den gesamten Ort Bräsenfelde und schließlich die ganze Welt. Die Verwandelten folgen den kuriosen Situationen, die sich daraus ergeben, wenn etwas geschieht, das gegen alle Vernunft und jedes medizinische und physikalische Wissen geht.

Thomas Brussig überzeugt in Die Verwandelten mit einem absurden Humor und einer Situationskomik, die in Büchern selten zu finden ist. Aus verschiedenen Perspektiven beschreibt er, wie die Menschen mit etwas scheinbar Unmöglichem umgehen. Jeder Charakter bezieht Fibis Verwandlung auf seine eigene Situation. Dabei springen sie auch gerne mal zwischen Überlegungen über ihre Anatomie zu Fragen über ihre eigenen Karrieren, kommen dadurch auf den verhassten Kollegen und Fußballvergleiche, bevor die Gedanken zum ursprünglichen Thema zurückkehren. Brussig gelingt es, diese Gedankensprünge so natürlich darzustellen, dass sie nicht anecken und gleichzeitig einen tiefen Einblick in die Motivationen der Figuren geben. Der Autor beweist dabei ein Gefühl für die Realität, die den Roman und seine Charaktere nachvollziehbar macht. In der Art, wie die Figuren handeln und denken, wie sie mit dieser sonderbaren Situation umgehen und letztlich auch wie sie Profit daraus schlagen wollen, zeigt sich eine Ernsthaftigkeit, bei der einem gerne Mal das Lachen vergeht.

Neben Passagen aus der Sicht von Fibi und Aram als Waschbären, panischen Eltern, überforderten Ärzten und erfolglosen Komikern spielen gerade die Mediengestalter, die Fibis Verwandlung für sich entdecken, eine große Rolle. Brussig baut dabei auf Klischees auf, wie die quoten-geile Blondine vom Fernsehen, die aus Fibis Leben eine ganze Show machen und damit Millionen verdienen will, oder die Mitarbeiterin der örtlichen Online-Redaktion, die ihren nächsten Clickbait-Titel riecht. Während zu Beginn des Romans noch der Umgang mit Fibis und Arams Verwandlung im Mittelpunkt steht, endet er mit der medialen Ausschlachtung ihres Schicksals. Auch wenn die Klischees zum Teil sehr überspitzt dargestellt sind, erfüllen sie doch ihren Zweck, nämlich dem Roman eine deutlich gesellschaftskritische Note zu verleihen.

Mit Die Verwandelten hat Thomas Brussig eine Satire geschrieben, die allein durch die realistische Art, mit der eine unmögliche Situation behandelt wird, zum Lachen und Nachdenken auffordert. Dass die intendierte Kritik sehr deutlich ins Auge springt, tut weder der Lesefreude noch der Spannung einen Abbruch.

Über den Autor:

Der Autor Thomas Brussig wurde 1964 in Berlin geboren. Seinen Durchbruch hatte er 1995 mit seinem zweiten Roman Helden wie wir, auf den weitere Roman wie Am kürzeren Ende der Sonnenallee (1999), Wie es leuchtet (2004) und Das gibt’s in keinem Russenfilm (2015) folgten. Thomas Brussig arbeitete außerdem als Regisseur und schrieb verschiedene Bühnenstücke. Er erhielt u.a. den BZ-Kulturpreis und den Deutschen Comedy-Preis.          

                                                                                                 Ronja Wolf


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