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Sudabeh Mohafez | Das Zehn-Zeilen-Buch 

edition AZUR 2010
112 Seiten
17.90 Euro
ISBN 978-3-9812804-6-3

von Lisa Scheffler | Download

»Zweiundfünfzig ultrakurze Geschichten vom Leben, Lieben und Schreiben«, heißt es auf dem Einband von Sudabeh Mohafez’ Das Zehn-Zeilen-Buch. Tatsächlich entfaltet sich jede der Geschichten auf gerade einmal 10 Zeilen – exakt 10 Zeilen. So haben sie alle einen offenen Anfang und ein offenes Ende, was sie zu mehr macht, als nur sehr kurzen Geschichten. Vielmehr sind es Momentaufnahmen aus dem Leben, die vielleicht besser mit Fotografien und (manchmal abstrakten) Gemälden zu vergleichen sind als mit kurzen Erzählungen. Oft ist es, als würde man ein Fenster öffnen, kurz hineinschauen und es dann wieder schließen. Was man gesehen hat, ist lediglich ein Teil einer viel längeren Geschichte, die in ihrer Gänze allerdings verborgen bleibt.

Das Zehn-Zeilen-Buch ist von Beginn an ein ungewöhnliches Lesevergnügen, an das man sich zunächst gewöhnen muss. Augenfällig ist die Kleinschreibung im gesamten Buch. Manchmal fehlen sogar jegliche Kommata. Doch es lohnt sich, dran zu bleiben. Sudabeh Mohafez schreibt kurzweilig über die unterschiedlichsten Themen: Zehn-Zeiler, die Ausschnitte aus dem Leben darstellen, wie lanzelot: berlin-neukölln. Hier liest man, wie Nizam mit seinem Skateboard auf der Rampe Kunststücke vollbringt – wie er fliegt, wie er landet, wie glücklich er danach ist. Andere Texte wirken viel mehr wie kurze philosophische Abhandlungen über das Sein (alleinsamkeit) oder die Liebe (unmöglich). Und wieder andere handeln vom Schreiben und dem Geschichtenerzählen selbst, wie vorerst verschwunden, keineswegs tautologisch und buchkampf. In vorerst verschwunden beispielsweise sitzt die Protagonistin Mira in »üppigster Schreibzeit« und kommt doch nicht voran, weil die Hauptfigur »ausgebüchst« ist. Außerdem entwickeln sich die kurzen Texte auch völlig unterschiedlich voneinander. Bei manchen Geschichten bringt die letzte Zeile oder das letzte Wort eine unerwartete Wendung. Bei anderen hofft man geradezu auf eine Auflösung und erhält sie doch nicht. Trotz aller Vielfalt und allem Abwechslungsreichtum haben alle 52 Geschichten eines gemeinsam: Über jeden Text könnte man lange nachdenken, jeden einzelnen für sich selbst auf ganz eigene Weise weiterspinnen und sich so über die knappe Minute hinaus, die es braucht, um die zehn Zeilen zu lesen, mit dem Text beschäftigen. Sie bieten etwas, das länger bleibt.

Besonders eindrucksvoll sind die Texte offenbarung, nofretete persönlich, zu früh und ins haar gewebt. offenbarung etwa bietet ein überraschendes Ende – eine Offenbarung eben; nofretete persönlich ist eine Katzengeschichte, welche die Besonderheit dieser Tiere offenlegt; bei zu früh und ins haar gewebt schmunzelt man ganz einfach, weil es schöne Geschichten aus dem Leben sind. Einige Zehn-Zeiler wirken sehr abstrakt oder verworren und damit recht unzugänglich, doch diese stellen die Ausnahme dar.

Sudabeh Mohafez’ Das Zehn-Zeilen-Buch ist ein außergewöhnliches Buch, auf das man sich einlassen muss. Die kurzen Geschichten sind nichts, um sich berieseln zu lassen, sondern regen zum Nachdenken und Weiterfabulieren an. Wer gerne zwischen den Zeilen liest und dort mehr entdecken will, wo nichts mehr gesagt wird, wird an diesem Buch seine Freude haben.

(Lisa Scheffler)


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