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Shida Bazyar | Nachts ist es leise in Teheran 

Kiepenheuer & Witsch 2016
288 Seiten
19.99 Euro

ISBN 978-3-462-04891-9

von Christina Schröder | Download

Generationen- und Gesellschaftsroman in einem – das gelingt Shida Bazyar in ihrem Debütroman Nachts ist es leise in Teheran. Die Autorin lässt darin über vier Jahrzehnte hinweg vier Stimmen einer Familie zu Wort kommen, die so gleichzeitig zu Stimmen ihrer jeweiligen Generation werden.

Den Anfang macht der Familienvater Beshad im Jahr 1979, der sich mitten in der Revolution im Iran befindet. Der Schah ist endlich fort, die Revolutionäre feiern Erfolge. Nun kann es besser werden; Amerikanisierung wie auch Kapitalismus haben ein Ende. Doch schon bald spalten sich auch die Revolutionäre untereinander. Nach Beseitigung des gemeinsamen Feindes müssen sie sich für eine Seite entscheiden. Die Revolution wird zur Islamischen Revolution. Wer sich gegen den Glauben an Allah ausspricht, der wird in das Evin-Gefängnis gesperrt, in dem vorher noch dieselben politischen Gefangenen saßen, die von den Revolutionären befreit wurden.

Beshad widersetzt sich trotz aller drohenden Gefahren den Geistlichen, die von nun an das Land beherrschen. Gemeinsam mit anderen Kommunisten, unter ihnen seine Kindheitsfreunde Sohrab und Peyman, plant er die nächste Revolution. Doch sie scheitert, bevor sie wirklich beginnen konnte. Beshad muss in den Untergrund. Doch weil er sich in Nahid verliebt hat, entscheidet er sich für das Exil.

1989 erzählt Nahid vom Leben in Deutschland. Beshad und Nahid haben mit ihren beiden Kindern Morad und Laleh den Iran verlassen. Statt um Revolutionen geht es nun um ihre Sehnsucht nach der Heimat und dem Zurechtfinden im Exil. Vom einstigen Selbstbewusstsein und Tatendrang der jungen Eltern ist nicht mehr viel übrig: Nahid wirkt verloren, kann die deutsche Mentalität nicht nachvollziehen und die deutsche Sprache erscheint ihr lieblos gegenüber dem Persischen. Auch Beshad hängt seiner Heimat nach: Täglich versinkt er in iranischen Nachrichten im Radio und spricht immer weniger. Nahid gibt sich ihren Erinnerungen hin, indem sie sich stundenlang Videoaufnahmen ihrer Familie in ihrer Heimat anschaut. Von Nahid erfährt man weniger über die Konflikte der Revolution als von Beshad. Man liest nur von ihrem Freund Peyman, nach dessen Inhaftierung niemand mehr von ihm gehört hat.

Weitere zehn Jahre später reist Nahid mit ihren Töchtern Tara und Laleh zum ersten Mal seit ihrer Flucht zurück nach Teheran. Nun wird das Geschehen aus Lalehs Perspektive erzählt. Beshad bleibt in Deutschland; zu groß ist die Angst, er könne verhaftet werden. Laleh ist gut integriert, der deutschen Sprache mächtig, übersetzt für ihre Eltern, hat deutsche Freunde, sogar einen deutschen Freund, und geht auf eine deutsche Schule. Mit den Exiliranern hat sie wenig zu tun. Die Unsicherheit, die sie an ihren Eltern so hasst, muss sie in Teheran nun selbst erleben. In diesem Land ist sie nun die Fremde, kennt viele ihrer zahlreichen Verwandten nicht, spricht die Sprache nur gebrochen und kennt die Routinen des Landes nicht – wo die Frauen etwa gerne einkaufen oder wann die Geschäfte schließen. In ihrer Unsicherheit erinnert Laleh sich an ihre Kindheit im Iran. Als sie zehn Jahre alt war, flüchteten ihre Eltern mit ihr und ihrem Bruder aus ihrer damaligen Heimat, mit der sie nun kaum mehr etwas gemeinsam hat.

Ähnlich fühlt sich ihr jüngerer Bruder Mo. Bei seinem einzigen Besuch im Iran fühlte er sich wie ein Ausländer, obwohl ihn in Deutschland alle als einen Iraner sehen. Es ist das Jahr 2009. Im Iran ist die Grüne Revolution ausgebrochen, deren Entwicklung Mo in den Nachrichten verfolgt. Trotz des Gefühls von Fremdheit spürt Mo auch eine Verbundenheit mit seinem Geburtsland. Zunächst ist er ruhelos und weiß nichts mit sich anzufangen. Auch wenn er mit seinen Verwandten im Iran kaum Kontakt hat, beschließt er, sich zu beteiligen, nimmt an Demonstrationen teil und richtet sich einen Facebook-Account ein, um sich mit seinen iranischen Verwandten in Verbindung zu setzen.

Shida Bazyar zeichnet auf nicht einmal 300 Seiten ein umfassendes Bild einer Familie über mehrere Generationen hinweg, ohne sich dabei zu übernehmen oder die Geschichte ausufern zu lassen. Die von Bazyar ausgewählten Jahre der Erzählungen sind entscheidende Jahre im Leben der Protagonisten und in der Geschichte des Irans. Bemerkenswert ist dabei das Einfühlungsvermögen der jungen Autorin. So beschreibt Bazyar, von welchen widersprüchlichen Gefühlen Beshad und Nahid geplagt werden: Da ist einerseits das Annehmen der neuen Heimat und andererseits der stille Wunsch, wieder in die alte Heimat zurückzukehren. Die Kinder der beiden befinden sich in einer Art Schwebezustand: Laleh und Mo können sich nicht zurechtfinden und wissen nicht, wohin sie gehören, auch wenn sie in Deutschland aufgewachsen sind. Diese Beschreibungen lassen sich auf Schicksale anderer Exilanten übertragen und machen Nachts ist es leise in Teheran so zu einem hochaktuellen und zeitlosen – und damit zu einem beeindruckenden und absolut empfehlenswerten – Roman.

(Christina Schröder)


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