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Peter Zantingh | Nach Mattias 

Diogenes Verlag 2020
144 Seiten
22 Euro

ISBN 978-3-257-07129-0

von Maria Lang | Download

»Eine Woche nach Mattias wurde sein Fahrrad geliefert. Der Bote war ein ganz aufgeweckter, der schon losredete, als ich noch gar nicht alle Türschlösser geöffnet hatte. Vor dem Eingang schlitzte er den Pappkarton an den Rändern auf und bimmelte zweimal mit der Klingel. Ich stellte das Fahrrad in den Flur und ließ die Türschlösser wieder zuschnappen. In den Tagen darauf musste ich mich an dem Fahrrad vorbeizwängen, wenn ich nach draußen wollte. Auf die Frage von Besuchern, Leuten, die meine Sachen gewaschen hatten oder wieder mal eine Topfpflanze mitnahmen, antwortete ich, das sei Mattias‘ neues Fahrrad. Da fragte dann keiner weiter. Konnte ich sie bitten, gar nichts mehr zu fragen?«

Der Roman beginnt und endet mit einem Kapitel aus Ambers Sicht. Amber ist Witwe, denn Mattias ist tot. Sie und acht weitere Menschen, die zum Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis des Verstorbenen gehören, teilen mit der/dem Leser*in, wie sie mit dem plötzlichen Tod eines aufgeweckten, lebenslustigen Freigeists umgehen. Während Amber sich mit der nun einsamen Wohnsituation zurechtfinden muss, rennt der ehemalige Soldat Quentin gegen seine Trauer an, andere ertränken sie in Alkohol. Obwohl sich die einzelnen Kapitel nicht primär um Mattias drehen, gibt jedes ein bisschen mehr über denjenigen Preis, der sie alle verbindet. Die schonungslos ehrlichen Geschichten von Amber, Quentin, Riet und Hendrik, Nathan, Issam, Kristianne, Chris und Tirra lassen immer deutlicher ein Bild von Mattias entstehen, indem seine Person nicht beschönigt und die Tatsache, dass sein Tod Spuren hinterlässt, nicht vertuscht wird. Amber, die zu Beginn der Geschichte noch sehr gefangen in Trauer und Einsamkeit war, fängt an aufzublühen und bricht aus ihrer Traurigkeit auf in ein neues Leben. Durch Matthias‘ Tod finden Begegnungen statt, die so nie stattgefunden hätten, und andere hinterfragen ihre Beziehungen und die bis dato gewohnte Art zu leben. Die Erzählung wirkt lebensnah und echt. Die/der Leser*in wird nicht nur in die verschiedensten Arten des Umgangs mit dem Verlust von Mattias hineingenommen, sondern bekommt Einblick in die Köpfe von neun Individuen, die alle ihre eigenen Probleme, Lebensstile und eine eigene Geschichte zu erzählen haben.

Nach Mattias ist ein Buch, das im Gedächtnis bleibt. Allein die Thematik regt zum Nachdenken an – über den Tod, das Leben und die Geschichte eines jeden Menschen. Peter Zantingh behandelt den Tod eines Mannes, der mit Mitte 30 aus dem Leben gerissen wurde, auf eine Weise, die das Herz berührt. Wer mit dem Tod schon vertraut ist, wird hier möglicherweise Trost finden, denn in diesem Buch zeigt Zantingh, dass der Verlust eines geliebten Menschen auf verschiedenste Art und Weise bewältigt werden kann. Trauer manifestiert sich nie in derselben Form und das ist in Ordnung. Wer mit dem Tod noch nicht sehr vertraut ist, kann sich in dieser Geschichte auf eine neue Perspektive auf das Leben einlassen. Der Tod des Ehemanns, Sohns, Freundes und Bekannten wird zwischen den Zeilen besprochen. Die behutsame Art des Umgangs mit einem Thema, das jeden Menschen betrifft, findet durch die Beschreibung von Leben statt, in denen hin und wieder eine schöne Erinnerung oder ein Loch entdeckt wird, das einst Mattias füllte. Der Autor verwendet selten die direkte Rede, was mehr Raum für die Wahrnehmung, Gedanken und Erinnerungen der Figuren schafft. Mancherorts erinnert der Schreibstil an den Bewusstseinsstrom, welcher den Leser in den Kopf der Erzählfigur blicken lässt und die Emotionalität der Geschichte hervorhebt. Wie der Autor in einem Interview sagt, versuchte er mit diesem Buch eine einzelne Situation, einen Gedanken oder ein Gefühl in so wenig Worte wie möglich zu packen, was ihm auch sehr gut gelungen ist. Besonders an diesem Buch ist die angefügte Playlist mit Titeln, die den Autor beim Schreibprozess inspirierten und geschickt in seine Geschichte eingewoben sind. So hat die/der Leser*in eine weitere Dimension, auf der die Geschichte von Peter Zantingh erlebbar ist.

Peter Zantigh (* 1983 in Heerhugowaard in der niederländischen Provinz Nordholland) studierte Wirtschaft und Digitale Kommunikation und arbeitet heute als stellvertretender Chefredakteur bei der Wochenendausgabe des NRC Handelsblad. Sein Romanerstling Een uur en achttien minuten war für diverse Literaturpreise nominiert. Peter Zantingh lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Utrecht. 

                                                                                                   Maria Lang


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