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Olga Grjasnowa | Gott ist nicht schüchtern 

Aufbau Verlag 2017
309 Seiten
22 Euro

ISBN 978-3-451-03665-2

von Sabrina Stünkel | Download

Einsam, gepeinigt, syrisch: Hammoudi ist gerade fertig geworden mit seinem Medizinstudium in Frankreich, als er zurück nach Syrien muss, um seine Aufenthaltsgenehmigung zu verlängern – doch die Ausreise wird ihm verweigert. Amal ist ein aufgehender Stern am Schauspielhimmel, als herauskommt, dass sie sich 2011 an Demonstrationen für Reformen beteiligt hat. Das Schicksal dieser beiden Menschen zeichnet Olga Grjasnowa in Gott ist nicht schüchtern rasant und schonungslos nach. Es ist eine Parallelhandlung, in der die zwei Protagonisten sich nur zweimal zufällig und ohne tiefere Spuren aneinander zu hinterlassen begegnen. Das einzige, was sie verbindet: Sie sind beide syrischer Nationalität und sie müssen beide vor dem Regime fliehen.

Hammoudi hat sich ein erfolgreiches Leben als angehender Schönheitschirurg in Frankreich mit seiner Freundin aufgebaut. Doch als er Syrien nicht mehr verlassen darf, wird deutlich, wie labil die scheinbar feste Bindung zu seiner Freundin ist: Der Kontakt bricht schnell ab, seine Freundin Claire macht auch keine Anstalten, ihm dabei zu helfen, das Land zu verlassen. Hammoudi, den Claire jedoch einfach nicht loslässt, wird daraufhin gezwungen, sich in Syrien eine Zulassung als Arzt zu erkaufen. Er wechselt in den Untergrund, um zuerst Demonstranten gegen das Regime und später die verschiedenen Milizen zu verarzten. Er arbeitet Tag und Nacht, rettet viele Menschenleben – aber verliert auch unzählige. Nachdem schon alles verloren scheint, flüchtet er über die griechische Insel Lesbos bis nach Berlin.

Amal ist ein Kind aus einer zerrütteten Familie, ihre Mutter ist ihr fast unbekannt, ihr Vater für sie der große Fixpunkt. Sie wird vom Geheimdienst gefangen genommen, nachdem sie als Demonstrantin identifiziert worden ist. Unter unmenschlichen Bedingungen halten die Männer des Regimes sie fest und entlassen sie später wieder gepeinigt und traumatisiert. Kurz danach erfährt Amal, dass ihr Vater sie ihr ganzes Leben lang belogen hat: Er hat eine zweite Familie, von der sie nichts wusste, und als sie das Gespräch mit ihm sucht, verschwindet er aus ihrem Leben. Amal beschließt schließlich zusammen mit ihrem Freund Youssef, deren Beziehung zueinander durch einen ständigen Wechsel von Gleichgültigkeit und Aneinanderklammern gekennzeichnet ist, nach Europa zu fliehen. Mit einem alten Frachter wagen sie vom Libanon aus die Überfahrt nach Italien. Nur knapp überleben die beiden den darauffolgenden Schiffsbruch und haben von da an ein Kind zu versorgen, dessen Mutter ertrunken ist. Sie schaffen es gemeinsam nach Berlin.

Olga Grjasnowa zeigt mit dieser Geschichte eine Welt, die dem Leser bizarr vorkommt: Das Fliehen vor den Scharfschützen auf den syrischen Straßen wird zum Alltag, die Enthauptung von Menschen erscheint weniger schockierend, als sie sein sollte. Der Leser wird seltsam kalt gelassen von dem niederschmetternden Geschehen, eben weil Grjasnowa so schnell, direkt und unpersönlich erzählt. Die Szenen sind kurz und bedrückend, der Fokus liegt auf den Aktionen. Wunderbar gelingt ihr der Wechsel zwischen Details und der Totalen. Sie lässt die Figuren kaum etwas fühlen, es gibt wenig wörtliche Rede, schwerwiegende Entscheidungen werden schnell getroffen und mitgeteilt, anstatt den Leser mitzweifeln zu lassen. Es werden Fazits gezogen ohneGedankenprozesse darzulegen. Dadurch ist schon vieles entschieden und geschehen, bevor der Leser überhaupt davon erfährt. Der Rückblick baut eine Distanz auf, die sich durch das ganze Buch zieht. Auf diese Weise enthält das Buch auch kaum direkt ausgesprochene Wertungen.

Es ist kaum möglich, eine ernsthafte Bindung oder Identifikation mit den Figuren herzustellen, weil wenig Emotionen transportiert werden. Dennoch ist jede Szene dazu da, um die verräterische Hoffnung zu zerstören und die gegenseitigen Verletzungen von Mensch zu Mensch zu symbolisieren. Nur ab und zu schwingt die Tragik in einzelnen Passagen mit, wie zum Beispiel, wenn ein kleiner Junge kurz vor der Flucht nach Griechenland sagt: „Weißt du, es ist nicht schlimm, wenn wir sterben, ich will nur nicht zurück.“ Doch der Schmerz, der bei diesen Worten in der Brust aufkommt, verebbt schnell, legt Grjasnowa doch bewusst den Fokus auf die Nichtigkeit der einzelnen Personen und die scheinbare Bedeutungslosigkeit der Schicksale. Dadurch gelingt es ihr, den Leser zum Nachdenken anzuregen, ohne die Moralkeule zu schwingen. Auf der anderen Seite kann der Leser dadurch diese andere Welt kaum an sich heranlassen. Vielleicht erscheint das Buch dem Leser so fern, ungreifbar und emotionslos, weil er sich nicht vorstellen kann, dass es wirklich so eine Welt gibt – nur wenige Flugstunden entfernt, sei es in Berlin, sei es in Syrien. Die augenscheinliche Emotionslosigkeit der Lektüre spiegelt aber nicht nur die Ignoranz des Westens gegenüber solchen Grausamkeiten und Bestialitäten wieder, sondern auch die innere Einsamkeit, Orientierungslosigkeit und Abgestumpftheit der Charaktere (und des westlichen Lesers). Schade hierbei ist, dass die Charaktere kaum eine Entwicklung durchmachen: Beispielsweise ist Amal auch am Anfang des Buches als aufgehender Stern eher eine einsame Steinsäule als eine glückliche junge Frau.

Grjasnowa gelingt es aber, die Ähnlichkeit der östlichen Lebensweise mit der westlichen Lebensweise darzustellen und zugleich klarzumachen, welche grauenhaften Schicksale viele Flüchtlinge, die in Deutschland ankommen, wahrscheinlich erlebt haben. Wir sind alle Menschen, wir sind alle gleich, scheint sie sagen zu wollen. Nur in wenigen Momenten lässt sie eine kritische Reflexion zu: Die beste Freundin von Amal beispielsweise sei Teil des Regimes, weil sie sich für dieses, ebenso wie ihr Vater, stark mache. Doch Amal hat dieses Regime bekämpft. Indirekt. Aber wie soll sie ihre Freundin bekämpfen? Direkt? Eine eigentlich unnütze Frage, impliziert Grjasnowa zwischen den Zeilen, interessiert sich doch ohnehin niemand für die Flüchtlinge: Hammoudi, der sein eigenes Leben zerstört hat, um das von anderen zu retten, stirbt ohne jede Würdigung und ohne überhaupt seine Heldentaten irgendwo kundzutun, bei einem Anschlag von Rechtsradikalen in Berlin. Das, was von ihm übrigbleibt: Ein schwarzweißes Zeitungsfoto, dem sein Alter und seine Nationalität beigefügt ist.

Zuletzt bleibt zu fragen, was der Titel des Romans für eine Bedeutung hat. Auch am Ende der Lektüre ist es offen und eine Interpretationsfrage: Viel Gottesthematik kommt nicht vor. So sähe sich der ein oder andere Mensch wohl gerne als Gott inszeniert – und er wäre sicherlich nicht schüchtern, wenn es um den Krieg geht. Vielleicht soll es aber auch bedeuten, dass Gott sich nicht zurückhält, sondern die Menschen leben und sterben lässt, ohne sich für die dabei zutage tretende Willkür zu schämen. Oder dass die Annäherung zweier Kulturen ihm so leicht fallen würde – während es uns Menschen so schwer zu fallen scheint.

Die Geschichte offenbart eine Welt wie unsere, die sich in eine schmerzverzerrte und tragische Dystopie metamorphosiert, für die sich niemand interessiert. Trotzdem ist das Buch gut zu lesen: Durch die ständige Distanz gelingt es sehr gut, das Gelesene zu verarbeiten, ohne emotional zu sehr durchgerüttelt zu werden. Nach dem Lesen bleibt jedoch ein Hauch von Melancholie hängen, der dem ganzen Buch innewohnt. Vielleicht auch ein bisschen das Gefühl der Machtlosigkeit und der Resignation: Was soll ich schon dagegen tun? Aber vielleicht ist dieser Gedanke bereits der erste Schritt in eine neue Richtung. Eben wenn man sich Gedanken macht, was man tun kann., um die Welt ein bisschen besser zu machen: Sei nett zu anderen Menschen – du weißt nie, was sie gerade durchmachen.

Über die Autorin:

Olga Grjasnowa wurde 1984 in Baku in Aserbaidschan geboren. Sie hatte längere Auslandsaufenthalte in Polen, Russland, Israel und der Türkei. Für ihren vielbeachteten Debütroman Der Russe ist einer, der Birken liebt wurde sie mit dem Klaus-Michael Kühne-Preis und dem Anna Seghers-Preis ausgezeichnet. Vor Gott ist nicht schüchtern erschien zuletzt 2014 Die juristische Unschärfe einer Ehe. Beide Romane wurden für die Bühne dramatisiert. Olga Grjasnowa lebt mit ihrer Familie in Berlin.  

(Sabrina Stünkel)


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