La Maison. Lesung und Gespräch mit Emma Becker  

Emma Becker (rechts)Emma Becker (rechts)

Donnerstag, 18.2., 19 Uhr

Die Veranstaltung findet als Livestream statt.
Hier können Sie sich die Lesung noch bis einschließlich 10.3. auf dem Youtube-Kanal des LZG ansehen.
 

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Zugang: kostenfrei

Moderation: Christina Hohenemser (LZG)

In Kooperation mit Zellkultur – Büro für angewandte Kultur und Bildung.

 

Am vergangenen Donnerstag, den 18.2., fanden Lesung und Gespräch mit Emma Becker im Prototyp statt und wurden erstmalig live auf dem Youtube-Kanal des LZG übertragen. Ein kleiner Teil des LZG-Teams konnte vor Ort dabei sein und war voller Aufregung, wie der Abend verlaufen würde. Insgesamt 146 Zuschauer*innen nahmen an der digitalen, kostenfreien Veranstaltung teil und hörten Emma Becker zu, die im Laufe des Abends drei Passagen aus ihrem Roman La Maison – mit äußerst charmantem französischem Akzent – vorlas und zwischendurch detailreich auf die interessanten Fragen von Moderatorin Christina Hohenemser einging. Das LZG-Team freut sich sehr darüber, diesen Abend mit der sympathischen Emma Becker zu Gast als vollen Erfolg verbuchen zu können!

Emma Becker ist eine französische Schriftstellerin, die mittlerweile in Berlin lebt. La Maison ist bereits ihr dritter und bisher erfolgreichster Roman. Zu Recherchezwecken arbeitete sie zwei Jahre lang in einem Berliner Bordell, um bessere Einblicke in das Leben einer Sexarbeiterin erhalten zu können. Der Name des Bordells wurde im Roman allerdings in »La Maison« abgeändert und Emma Becker war im Bordell als Justine bekannt. »Ich hatte immer zwei Personen in mir.« Eine Person erlebe Sachen, die andere beschreibe und analysiere im Hintergrund, so Becker. An dieser Stelle wird der autofiktionale Charakter des Romans sehr deutlich. Die Autorin betont, dass ihr eigene Erfahrungen sehr wichtig seien. Im Bordell habe sie mit ihren Kolleginnen ein sehr vertrautes Verhältnis gehabt. Die Frauen, die im Buch thematisiert werden, seien jeweils eine Mischung aus mehreren Kolleginnen – keine existiert genau wie beschrieben. Becker vollbringt mit La Maison eine meisterhafte Gradwanderung zwischen journalistischem und literarischem Schreiben.

Die Autorin gibt in ihrem Roman intime Einblicke in den Alltag von Sexarbeiterinnen und verrät im Gespräch, dass die Grenze zwischen Bordell und Privatleben für die Kunden des Bordells leichter verschwimme als für die Frauen, die im Bordell arbeiten. Becker gesteht, dass sie es teilweise schade fand, bestimmte Männer im Bordell kennengelernt zu haben, da diese sie nun ausschließlich in ebenjenem Kontext gesehen haben und eine private Beziehung dadurch unmöglich wurde. Emma Beckers ausführliche Antworten vermittelten im Laufe des Abends das Gefühl, dass man eher einer Freundin zuhöre als einer völlig Fremden, was das Gespräch noch interessanter gestaltete.

Im Laufe des Gesprächs wird unter anderem auf das Missverständnis eingegangen, dass Frauen von einem Mann aus dem Bordell »gerettet« werden wollten; laut der Autorin sahen die Frauen im »La Maison« den Job eher als Möglichkeit, finanziell unabhängig von ihren Partnern zu sein – viele von ihnen waren in festen Beziehungen. Außerdem wurde Sexualität in Verbindung mit Gewalt thematisiert. Emma Becker arbeitet im Buch in zwei verschiedenen Bordellen und erzählt im Gespräch, dass sie sich im zweiten Bordell, welches auch titelgebend für ihren Roman war, wohl und sicher gefühlt hat – im Kontrast zum ersten Bordell, in dem sie Angst hatte. Sie sagt jedoch auch, dass das Bordell »La Maison« wohl eine Ausnahme gewesen sei – in jeglicher Hinsicht. Sie war verliebt in das Haus und in die Frauen, die dort gearbeitet haben; die Neugierde, die Aufregung und das Adrenalin haben überwogen und sie habe keine Angst verspürt. Emma Becker verrät den Zuhörern nüchtern, dass sie ihre schlimmsten sexuellen Erfahrungen privat erlebt habe, außerhalb des Bordells. »Sex für Frauen ist immer mit Gewalt verbunden, leider. Also die Männer sind gefährlich, auch wenn sie gar nicht bezahlen.«

Außerdem wird über Emma Beckers Statement diskutiert, die Huren hätten die Macht über die Männer. Hier sagt sie, dass auch das in »La Maison« eher die Ausnahme sei, dass dort eine Art sexuelle Macht vorhanden gewesen sei. Im Bordell seien die Männer größtenteils schüchtern und höflich gewesen. Sex sei nur ein Teilgrund gewesen, wieso Männer ins »La Maison« kamen – primär fühlten sich viele einsam und bräuchten Nähe, so Becker.

Ebenfalls diskutiert wurden mögliche Motive für Sexarbeit. Oft sei dabei Existenzsicherung der Hauptgrund. Emma Becker als gebürtige Französin sagt, sie habe vor allem das Interesse an Bordellen generell dazu bewegt, dort zu arbeiten, da diese in Deutschland – im Gegensatz zu Frankreich – legal sind. Außerdem habe sie den Unterschied herausarbeiten wollen zwischen männlichen Autoren, die über die Thematik geschrieben haben, und der Realität im Bordell. Die Autorin betont, dass der Job im Bordell der erste – neben dem Schreiben – sei, der sie wirklich interessiert habe. So habe sie stets genug Geld und ausreichend Zeit zum Schreiben gehabt.

Bevor die Veranstaltung mit einer letzten vorgelesenen Textpassage ihr Ende erreicht, erklärt Becker, dass sie sich selbst zwar nicht als erotische Schriftstellerin sieht, jedoch bevorzugt über Lust und Begehren schreibt. Eine Frau zu sein und auch Sexualität generell sieht sie als Abenteuer an, daher würde sie den Begriff »Frauenschriftstellerin« favorisieren. Abschließend wird auf die Kritik eingegangen, die das Buch erhalten hat; hier sagt Emma Becker, dass Kritik von Frauen bei diesem Thema für sie schwerer wiege. Sie vermutet, dass es sich bei negativer Kritik oft um Missverständnisse handele und dass sie es leid sei, La Maison ständig verteidigen zu müssen. Außerdem geht sie noch kurz auf die Frage ein, wie ihre private Umgebung auf die Thematik reagiert habe. Sie sagt, dass sie ihrem Vater zuerst nichts davon erzählt und ihm irgendwann bloß das fertige Buch geschickt habe. Im Endeffekt seien ihre Eltern sehr stolz auf sie, dass sie sich ihren Traum, Schriftstellerin zu werden, verwirklicht habe.

 

(Stella Beimborn)


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