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Kristina Pfister | Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten 

Tropen Verlag 2017
253 Seiten
20 Euro

ISBN 978-3-608-50159-9

von Daniel Willrich | Download

Annika ist eine junge Frau, die gerade ihr Bachelorstudium der Kulturwissenschaften abgeschlossen hat und nun vor der großen Frage des „Was fange ich damit an?“ steht. Sie absolviert gelangweilt ein Praktikum nach dem anderen und zieht dafür von Stadt zu Stadt, ohne jedoch irgendwo bleiben zu wollen. Ihr immer gleiches Leben, bestehend aus den ziellosen Praktika, halb verschlafenen Tagen, endlosen Diskussionen mit ihrer Mutter sowie den nagenden Selbstzweifeln, erfährt eine unerwartete Wendung, als sie ihre Nachbarin Marie-Louise kennenlernt. Eines Abends steht sie vor Annikas Tür und erlaubt ihr plötzlich den Blick auf eine ganz andere Art des Lebens. Als kompletter Gegenentwurf zu Annika lebt Marie-Louise ihr Leben in erster Linie nach der Devise „Erlaubt ist, was gefällt“. Spaß steht bei ihr an erster Stelle und die Ratschläge und Meinungen ihrer Mitmenschen sind ihr völlig egal. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, wird es auch umgesetzt und erst hinterher über die Konsequenzen nachgedacht. Wo Annika ereignislose Tage verbringt und sich wiederholt den Kopf über ihre Situation zerbricht, sind Marie-Louise diese Gedanken völlig fremd. Marie-Louises Tage sind nicht unbedingt ereignisreicher und auch sie scheint kein klares Ziel im Leben zu verfolgen, doch im Gegensatz zu Annika ist ihr das egal. Sie genießt das freie, unbeschwerte Dasein, die Partys, das Rauchen und den Kontakt mit Jungs. Und ganz allmählich gelingt es ihr, der Orientierungspunkt für Annika zu sein, den diese braucht.

Annika ist noch ohne Ziel in ihrem Leben und daher auf der Suche nach einem Lebensstil, dem es sich lohnt nachzueifern. Dabei sind ihre Möglichkeiten rar gesät, denn weder ihre alternativ-spirituelle Mutter noch ihr Vater, zu dem sie so gut wie keinen Kontakt hat, bieten sich dafür an. Ihr Bruder lebt zurzeit in Australien und verbringt seine Zeit mit Surfen und Strandpartys und ist daher auf ihrem Weg der Selbstfindung auch keine allzu große Hilfe. Auch Annikas ehemalige Schulkameradinnen, die ihren Heimatort damals nicht zum Studieren verlassen haben, führen ihr in gnadenloser Deutlichkeit die Belanglosigkeit ihres Lebens vor Augen. Im Gegensatz zu Annika scheint deren Leben ausschließlich linear zu verlaufen; sie haben bereits einen festen Job, eine Master-Abschluss in der Tasche oder aber zumindest eine feste Beziehung mit einem verlässlichen Partner. All diese Begegnungen machen Marie-Louise noch interessanter für Annika, da sie nichts von dieser fast schon spießigen Normalität von Annikas früheren Freunden an sich hat und sich von einem Abenteuer ins nächste stürzt.

Kristina Pfisters Roman erzählt in nüchterner und klarer Sprache von der Selbstfindung und den Zweifeln einer jungen Studentin. Hatte sie während ihres Studiums mit dem Bachelor-Abschluss noch ein klares Ziel vor Augen, so steht sie nun vor der Frage, welches Ziel sie als nächstes in Angriff nimmt. Einen festen Job? Oder doch lieber einen Master? Die Zweifel, die Sorgen, die Unsicherheit – all das ist normal. Die Botschaft von Kristina Pfister ist nämlich nicht: Soweit darf es nach dem Bachelor nicht kommen, diese Übergangszeit ohne echtes Ziel vor Augen darf es gar nicht geben. Vielmehr lautet sie: Auch das ist Teil des Lebens, die Unsicherheit, die Zweifel, die Vielzahl an Entscheidungen, die wie Damoklesschwerter über einem hängen, sind Teil eines ganz normalen Prozesses, der sich Erwachsenwerden nennt. Der Bezugspunkt Universität, die Gewissheit wo und wie man die nächsten zwei bis drei Jahre verbringt, ist weg. Neue Freundschaften entstehen, wo alte zerbrechen. Ideen und Zukunftspläne erweisen sich als untragbar, werden verworfen und bieten Platz für neue. All das ist Teil des täglichen Wandels, Teil des Lebens und jeder versucht so gut es geht damit zurechtzukommen und seinen Platz darin zu finden.

Der Roman ist keine Anleitung zum Leben nach dem Studium. Er hilft auch nicht dabei, einen Job zu finden oder bei der Entscheidung für diesen oder jenen Master. Vielmehr versucht er Ängste und Selbstzweifel zu verringern, indem er sagt: Es ist okay, wie es dir gerade ergeht. Es geht vielen so. Es ist normal. Gleichzeitig lässt sich der Roman auch als Appell verstehen, als Appell, sich in die letzten Abenteuer zu stürzen, die letzten unvernünftigen Sachen zu machen, bevor die Jugend zu Ende geht. Kristina Pfisters Roman besticht besonders durch seine Authentizität und seine Nähe zum Leben. Das ist es, was den Roman ausmacht. Das Leben, das beschrieben wird, hat all das, was jeder in seinem Leben hat. Die Dinge, die man nicht gern hat, von denen man am liebsten verschont bleibt – Dinge wie Trauer, Schmerz und das Gefühl des Alleinseins finden ihren Platz im Roman. Gleichzeitig bietet das von Kristina Pfister konzipierte Leben auch alles, was das Leben lebenswert macht; Freude, Freundschaft, Anerkennung, Lachen und Hoffnung jenseits der Banalitäten des Alltags. Ein Buch, das den Blick auf das eigene Leben schärft. Für Jugendliche und junge Erwachsene bestens geeignet.

Die Autorin Kristina Pfister wurde 1987 in Bamberg geboren. Nach ihrem Studium der Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaften in Konstanz und Regensburg war sie Stipendiatin der Bayerischen Akademie des Schreibens. „Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten“ ist ihr erster Roman. Sie lebt und arbeitet mittlerweile in Nürnberg.           

(Daniel Willrich)


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