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Klaus Weise | Sommerleithe - Wortbegehung einer Kindheit diesseits und jenseits der Zonengrenze 

Elsinor Verlag 2021
311 Seiten
24 Euro

ISBN 978-3-939483-61-8

von Otfrid Ehrismann| Download

Nicht nur der gute Inhalt macht ein gutes Buch aus, sondern v. a. auch seine Form, die Art und Weise, wie erzählt wird. Dies bedacht, ist Sommerleithe ein wirklich gutes Buch.

»Sommerleithe« ist der Name einer Straße in Gera-Lusan, Klaus Weises und seines Helden Dieter Weises Wohnort in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts bis zur Flucht der Eltern aus der DDR. Vater Hans ist Schlachtermeister. Weise schreibt einen autobiographisch gefärbten Erinnerungsroman. Das Erzähl-Ich Dieter, dessen Biographie sich während des Lesens allmählich und ohne chronologische Ordnung zusammensetzt, leitet sein Erinnern mit einem Schock-Bild ein: Unter dem belustigten Blick des Vaters hat Schlachtergeselle Oswald den 4-jährigen Jungen in den Wurst- und Schinkenhimmel der elterlichen Räucherkammer gehängt. Nun schwebt dieser zwischen den verlockendsten Genüssen, jedoch durch schwindende Muskelkraft letal bedroht. Diese Performance versinnbildlicht das dem Roman eigene Erzählen, das man als ‚schwebend‘ bezeichnen könnte, ein Erzählen im ‚Hängen‘, weil es festgemacht ist an sich gegenseitig bedingenden Kontrastierungen, wie Tod und Leben, Hölle und Himmel oder Ost und West, und an der Ambivalenz tragender Worte, die beim Lesen nachdenklich zu ‚begehen‘ sind. Worte verbergen und enthüllen zugleich, haben vielfach Bedeutungsüberschuss. Deshalb ist die Erinnerung »ein Dämon und Puderzucker zugleich«, deshalb z. B. lässt das Wort mulmig zwar »Schwermut und Sehnsucht erklingen«, es »schnürt« diese zugleich aber auch »ein« und deshalb ist das Thema des Schlachters/des Schlachthauses, das das Zusammenspiel von Leben und Tod sinnfällig macht, gewählt – »Each man kills the thing he loves«. Deshalb steht die grausige Schlachthausszene in der Romanmitte, sie wird mit verbissener Detailverliebtheit arrangiert und ein Foto ‚ziert‘ den Bucheinband.

Nichts kann Dieter im Rückblick sichern: »Vielleicht war alles auch völlig anders« – dies ist die einzige Zeile von Kapitel 52. Gerade deshalb aber sind die »Pirouetten und Umkreisungen des Erinnerns […] aufwühlender, berührender […] als das immer irgendwie plumpe Dabeisein und Mittun […]«. Im überschauenden Hängemodus das Leben an sich vorüberziehen zu lassen, erzeugt die immerwährende »Melancholie des Lebens«. In diesem Sinne ist der Name »Sommerleithe« programmatisch: Eine Leite ist ein (steiler) Hang/Bergabhang, ein unsicherer Ort, der Bewegung fordert, ein Hang, der, das Bild des hängenden Dieter aufnehmend, das erinnernde Erzählen symbolisiert.

Dieter erzählt in unterschiedlichen Modi sein Leben im Nachkriegsdeutschland: humorig, ironisch, ernst, nachdenklich, philosophisch und manchmal auch schnurrig: Szenen beispielsweise von Schlachthaus und Flüchtlingsleben, von Kindesmissbrauch und von der Liebe zur Mutter (deren Foto das Buch sinnfällig beschließt), von der bewegenden Beerdigung des Bruders Klaus, mit dem sich der 6-jährige Dieter seither eins fühlt, von dem herrischen, einst nazi-affinen, jetzt treu adenauerzeitlich lebenden Vater, dem die Lebenspläne des Sohnes fremd bleiben, den dieser aber wegen dessen Lebensleistung dennoch bewundert.

Man hat Sommerleithe einen ‚Schelmenroman‘ genannt. Das ist er im strengen Sinne allerdings nicht: Dieter ist kein Abenteurer wie der Picaro, er stammt weder aus dem Prekariat noch ist er ungebildet oder ‚bauernschlau‘ wie dieser.                                                                                                                                                                                                                  

Otfrid Ehrismann


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