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Kat Eryn Rubik|Furye  

Dumont

352 Seiten

24 Euro

ISBN 978-3-8321-8194-9

 

Von Nane Klein

»Und irgendwann werde ich alt sein und mit Wehmut sagen: Damals … damals war ich siebzehn Jahre alt … Und in dem viel zu warmen Sommer floss das Leben weich und träge wie warmer Honig, der in Strahlen der Sonne schimmert, durch uns hindurch … Der Sommer der Furien« (S.328).

Mit diesem melancholischen Blick verdeutlicht Kat Eryn Rubik die Stimmung ihres Romans Furye in wenigen Zeilen. Es ist ein Roman über einen Sommer, der nie wirklich endet, weil er sich tief in die Erinnerung seiner Figuren eingebrannt hat. Ausgangspunkt ist ein tödlicher Autounfall, den die Öffentlichkeit vorschnell als tragisches Unglück abtut. Doch die namenlose Erzählerin, die sich selbst Alec nennt, weiß, dass hinter der offiziellen Geschichte eine andere Wahrheit steckt. Als erfolgreiche Musikmanagerin führt sie nach außen das Leben einer selbstbewussten Karrierefrau, doch hinter der glänzenden Fassade bestimmen Verlust und emotionale Leere ihren Alltag. Ein unerwarteter Anruf zwingt sie schließlich zur Rückkehr in ihre Heimatstadt am Meer: an den Ort ihrer Jugend und eines Sommers, der ihr Leben für immer verändert hat. Zwischen Erinnerungen und Gegenwart entfaltet sich nach und nach die Geschichte eines lange verborgenen Traumas, dessen Folgen bis in die Gegenwart reichen.

Rubik erzählt jedoch weit mehr als einen tragischen Sommer oder eine Liebesgeschichte. Furye ist ein Roman über Freundschaft, welcher Themen wie Wut und das Erwachsenwerden miteinander verbindet. Dabei stehen die Narben, die Armut und gesellschaftliche Ungleichheit hinterlassen, im Vordergrund. Die Autorin benennt Inhalte wie Depression und sexuelle Gewalt mit einer bemerkenswerten Ehrlichkeit, ohne dabei ins Belehrende zu verfallen. Immer wieder lockert sie die Schwere durch einen bissigen Humor auf, etwa wenn gesellschaftliche Rollenbilder kritisiert werden: »Vielleicht gibt es auch schon jetzt ein Paralleluniversum, in dem Männer die Babys austragen und sich für ihre Wassereinlagerungen schämen und nicht mehr aus dem Haus trauen, während die hart arbeitenden Frauen nach Feierabend im Stripclub chillen, bevor sie spät nachts auf Zehenspitzen zurück zu ihren hormonüberfluteten Männern ins Bett kriechen« (S.234). Solche Passagen verleihen dem Roman einen gesellschaftskritischen scharfen Blick, der lange nachhallt.

Besonders eindrucksvoll ist Rubiks Sprache. Zwischen poetischen Bildern und schonungsloser Direktheit bewegt sie sich mit großer Leichtigkeit. An vielen Stellen finden sich lyrische Passagen, die den Roman wie kleine Gedichte durchziehen und den schweren Ereignissen eine überraschend zarte Note verleihen. Gleichzeitig gelingt es der Autorin, Erinnerungen so lebendig einzufangen, dass man selbst das Gefühl bekommt, in diesen endlosen Sommer zurückzukehren. Die Rückblenden wirken dienen dabei nie als einfache Erklärungen, sondern verleihen den Figuren besondere Tiefe.

Vor allem die Dynamik zwischen Alec, Meg und Tess, den selbst ernannten »Furien« (S.58), macht deutlich, wie eng Freundschaft mit Wut und dem Wunsch nach Selbstbestimmung verbunden sein kann. Wie sehr diese Freundschaft für die drei Mädchen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, zum Halt wird, zeigt sich besonders in den schwierigen Situationen, die sie in ihrem Alltag gemeinsam durchstehen müssen. Kennengelernt haben sie sich durch einen Lehrer, den sie nur »den Wichser« (S.58) nennen, weil er einen Mitschüler mit Höhenangst dazu zwingt, ein Seil hochzuklettern. Als dieser sich dabei in die Hose macht und anschließend zum Gespött der Klasse wird, verschwören sich die drei gegen ihren Sportlehrer. In ihren Familien erleben die Freundinnen ebenfalls unterschiedliche Formen von Überforderung. Tess wächst mit einem prügelnden Vater auf, während Meg mit einer alkoholkranken Mutter zurechtkommen muss. Auch Alecs Beziehung mit Romain und der damit einhergehende Druck zeigen, wie eng die Spielräume sind, in denen junge Frauen sich in ihrem Aufwachsen behaupten müssen. Solche Ereignisse lassen die »Furien« nicht nur als aufsässige Teenager erscheinen, sondern als junge Frauen, die versuchen, sich in einer Welt zu behaupten, in der sie immer wieder übergangen und verletzt werden. Ihre Freundschaft wird formt einen Gegenpol zu den Erfahrungen von Gewalt und gesellschaftlichen Erwartungen und erklärt, warum die Erinnerungen an diesen Sommer die Erzählerin auch als Erwachsene nicht loslassen.

Furye ist weit mehr als ein klassischer Coming-of-Age- oder Liebesroman. Kat Eryn Rubik verbindet eine bewegende Liebesgeschichte mit gesellschaftlicher Kritik und poetischer Sprache, hervorgehoben durch den feinen Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Daraus entsteht ein aufwühlender, bittersüßer Roman, der von den Dämonen der Vergangenheit erzählt, ohne die Hoffnung aus den Augen zu verlieren. Gerade diese Verbindung macht Furye zu einem eindrucksvollen Sommerroman, dessen Figuren und Bilder noch lange nach der letzten Seite im Gedächtnis bleiben.


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