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Emma Becker | La Maison 

Rowohlt Verlag 2020
384 Seiten
22 Euro

ISBN 978-3-489-00690-7

von Stella Beimborn | Download

La Maison, so nennt Emma Becker das Bordell in Berlin, in dem sie selbst zwei Jahre lang als Prostituierte arbeitete und ihren Freiern als Justine bekannt war: aus Recherchezwecken für ihren Roman, aber auch, um mit geringer Arbeitszeit finanziell gut über die Runden zu kommen. Der Roman ist eine Aneinanderreihung einzelner Erinnerungen der Autorin, die nicht chronologisch vorliegen. Diese werden stets eingeleitet durch Songtitel, die als Kapitelüberschriften fungieren.

Ob Emma Becker nun die einzelnen Zimmer im »La Maison« detailliert beschreibt, ihre Kolleginnen vorstellt, den Bordellalltag porträtiert oder von eigenen Erfahrungen mit verschiedensten Freiern berichtet – als Leser*in verschlingt man gebannt all ihre Geschichten. In einer Passage zu Beginn schreibt Becker: „Ich gebe mir zwar Mühe, die Aufteilung der Zimmer und die Farbe der Vorhänge zu rekonstruieren, aber ich sorge mich vor allem darum, wie ich die Seele dieses Ortes und die in der Luft schwebende Zärtlichkeit erklären kann, die die Geschmacklosigkeit so entzückend machte.“

Becker stellt in ihrem Roman zwei Bordelle kontrastiv dar: Die Abneigung gegenüber dem »Coco’s«, in dem sie zuerst arbeitete, und die Liebe zu »La Maison« treten deutlich hervor und gewähren den Leser*innen einen Einblick in die unterschiedlichen Arbeitsbedingungen von Prostituierten. Es ist äußerst interessant, durch ihre Augen oder die ihrer Kolleginnen schauen zu können, sei es auf der Arbeit oder im Privaten. Man bekommt den Eindruck, dass die Protagonistin ihre Arbeit im »La Maison« liebt. Sie genießt es, kommen und gehen zu können, wie sie möchte, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Ihre Freier nach Feierabend in der U-Bahn zu treffen und stillschweigend über das Geheimnis zu lächeln, was sie miteinander verbindet. Und die Freundschaft mit ihren Kolleginnen im Bordell, vor denen sie sich selbst ausgezogen vollends wohlfühlt.

Bei den verschiedenen Geschichten werden allerdings keineswegs die Schattenseiten dieses Berufes außen vorgelassen. Dies wird den Leser*innen oft schmerzlich bewusst, wenn beispielsweise berichtet wird von gewalttätigen Freiern, die selbst im »La Maison«, in welchem sich die Prostituierten eigentlich sicher fühlen, ein und aus gehen. Ein Kapitel, was aus der Perspektive eines Freiers geschrieben ist, hebt besonders hervor, welch Eingriff in das Privatleben der Prostituierten möglich ist und welche Bedrohungen dadurch entstehen können. Anhand dieses Perspektivwechsels gelingt es Emma Becker, darzustellen, was sich wohl in den Köpfen mancher Freier abspielt und dass diese anscheinend nur schlecht zwischen dem Bordell und ihrem Privatleben unterscheiden können.

Emma Beckers Schreibstil ist fesselnd. Bereits nach den ersten Seiten, auf denen beschrieben wird, wie Becker Überbleibsel aus dem geschlossenen Bordell in ihr eigenes Zuhause integriert, möchte man mehr erfahren über das, was sie dort erlebt hat. Dabei sollte nicht zurückgeschreckt werden vor den vielen vulgären Ausdrücken, die bei dieser Thematik einfach unverzichtbar zu sein scheinen. Der Roman ist Autofiktion – die Entscheidung, was von dem Gelesenen der Realität entspricht und was sich die Autorin ausgedacht hat, bleibt den Leser*innen selbst überlassen. Emma Becker deutete bei einer Lesung beispielsweise an, dass die Prostituierten im Roman jeweils eine Mischung aus mehreren Kolleginnen seien, deren Charakterzüge sie vermischt habe. Auch den Schreibprozess ihres Romans thematisiert sie im Roman selbst; auf diese Weise bekommen die Leser*innen mit, wie Emma Becker beim Schreiben vorankommt. So schreibt sie an einer Stelle: »Meine Schwierigkeiten, dieses Buch zu beenden, haben eigentlich nur mit meiner Unlust zu tun, La Maison zu verlassen.« Becker vollführt mit La Maison einen Drahtseilakt zwischen journalistischem und literarischem Schreiben. Dabei gelingt es ihr hervorragend, den Bordellalltag aus der Sicht einer Prostituierten zu schildern – im Gegensatz zu vielen anderen Schriftstellern vor ihr, die Bordelle ausschließlich aus der Sicht von Freiern beleuchteten.

Über die Autorin:

Emma Becker (*1988 im Großraum Paris) lebt heute mit ihrem Kind in Berlin. La Maison ist bereits ihr dritter Roman, für den sie in Frankreich zahlreiche Preise erhielt: den Prix Blù Jean-Marc Roberts, den Prix du Roman News und den Prix du Roman des Étudiants France Culture/Télérama. Des Weiteren stand sie auf der Shortlist für den Prix Renaudot und den Prix de Flore.

                                                                                                                                                                                                         Stella Beimborn


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