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Lucas Auradniczek | Die Götter schweigen 

Selbstverlag
311 Seiten
14,99 Euro

ISBN 9798731798037

von Dirk Wamser | Download

von Robert Lembke| Download

Der Roman spielt etwa in der Bronzezeit. Es gibt verschiedene Stämme, die Naturgottheiten (Ardus - Hirsch, Epoq - Pferd, Vitnur - Wolf und Astam - Speerfisch (Marlin)) in einem strengen Ritus mit strengen Regeln verehren und hierfür jeweils konkrete Unterstützungen ihrer Gottheiten erfahren.

Die Geschichte beginnt mit Rhon aus dem kalten Land, der in seinem Stamm dafür verantwortlich ist, die in der heiligen Lichtung erschienenen Hirsche, die sich bereitwillig schlachten lassen, ins Lager zu führen. Er ist ein Außenseiter und lebt am Rand der Siedlung in seiner Hütte. Aber seit zwei Jahren erscheinen keine Hirsche mehr, was zu großen Problemen führt und das Überleben des Stammes gefährdet. Es gibt weitere Stämme, die vor ähnlichen Problemen stehen. Bei den Weidenmännern spielen die Pferde verrückt, bei den Wolfsmenschen, die bisher bei ihren Beutezügen auf die Unterstützung der Wölfe zählen konnten, richten sich diese gegen sie. Auch im Küstenland richten sich die Marline, die die Fischer bisher immer unterstützt haben und ihnen Fischschwärme zugetrieben haben, gegen die Menschen. Sie stellen die Unterstützung ein und greifen zwei Brüder an, die mit ihrem Boot über das Meer zur (verbotenen) Insel der Marline fahren, um die Ursache der fehlenden Unterstützung herauszufinden, und zerstören ihr Boot und töten Massa, einen der Brüder.

Im Lager im kalten Land erscheint Jennen, ein Weidenmann mit einem wild gewordenen Pferd, das den Priester angreift und daher von Rhon in Nothilfe getötet wird. Der untröstliche Jennen wird im Lager aufgenommen und angesichts der prekären Situation beschließen Rhon und Jennen, der Ursache des Schweigens der Götter auf den Grund zu gehen und machen sich entgegen des rituellen Verbots in die Berge zu Ardus auf, um nach der Ursache des Ausbleibens der Unterstützung der Götter zu suchen. Auf ihrem Weg in die Berge müssen Rhon und Jennen einige Gefahren (unwegsames Gelände, Kälte, Raubvögel, die sie angreifen) überwinden. Auch reiben sich die beiden an ihren unterschiedlichen Charakteren und gehen zeitweise getrennte Wege, freuen sich aber bei ihrer Wiederbegegnung, ihren Weg später wieder gemeinsam gehen zu können.

Sie entdecken ein Höhlensystem, das nicht mehr bewohnt ist, jedoch deutliche Spuren einer erloschenen, aber weiter entwickelteren (u.a. Elektrizität), Zivilisation (die Dyootan) zeigt. Sie finden ein riesiges Abbild von Ardus, irritierend blinkend, und lösen unbeabsichtigt eine heftige Explosion aus. Bei einer späteren Höhlenexkursion kommen sie dem Geheimnis der Dyootan auf die Spur. Aus einem Wandrelief erschließt sich für sie, dass die Dyootan mit einem Schiff über das Meer kamen und durch eine Manipulation der Tiere die Naturgottheiten für die Clans erst erschaffen hatten. Bei dem Versuch, das Herzstück (das Taaqa) der Ardusstatue zu entfernen, lösen sie einen Kurzschluss aus und das noch in Resten vorhandene technische System der Dyootan bricht endgültig zusammen. Desillusioniert, aber mit dem Vorsatz, nun auch ohne die Götter für sich selbst zu sorgen, machen sie sich im endenden Winter auf den Heimweg.

In einem weiteren Erzählstrang wird über Grascha, eine junge Frau und wilde Kriegerin eines Clans der Wolfsmenschen, berichtet. Ein geplanter Raubzug mit Hilfe der Wölfe geht schief, weil die Wölfe sich gegen die Wolfsmenschen richten. Grascha wird von ihrem Wolf gebissen. Schwer verletzt am Bein flüchtet sie alleine, muss sich unterwegs verteidigen und wird von einer alten Frau, Maibe, die alleine und friedlich im Wald lebt, gefunden, gepflegt und vor den Mitgliedern eines anderen Wolfsmenschenclans geschützt. Die so gegensätzlichen Frauen kommen sich näher und Maibe bringt Grascha, die bislang schriftlos gelebt hat, das Lesen bei. Es stellt sich heraus, dass Maibe die letzte Überlebende der Dyootan in diesem Land (ein Großteil des Volkes ist mit dem Schiff wieder in ihre alte Heimat zurückgekehrt) ist. Aus dem gemeinsam gelesenen Schriften der Dyootan, die Maibe in ihrer Hütte aufbewahrt, ergibt sich, dass die Dyootan die Naturgötter erfunden und die Tiere entsprechend manipuliert haben, um sich vor den einheimischen Stämmen, die zwar weniger weit entwickelt waren, aber von den Dyootan als gewalttätig eingeschätzt wurden, auf Distanz zu halten (auch durch das Verbot zu dem Ursprung der Götter, also dem Siedlungsgebiet der Dyootan, zu gelangen) und in ihrer Entwicklung zu hemmen und unter Kontrolle zu bekommen.

Bei einem Überfall des dortigen Wolfsmenschenclans wird Maibe getötet und Grascha macht sich mit einem Teil der Schriftstücke ebenfalls auf den Heimweg.

Auch Zaliki aus dem Küstenland, die Witwe von Massa, bricht aus dem hergebrachten Götterkult aus, nachdem ihre Tochter verhungert ist. Sie lässt den Vertreter des strengen Götterkultes aus ihrem Stamm töten und begibt sich mit einem größeren Boot auf die verbotene Insel und entdeckt dort ebenfalls die falsche Gottheit.

Der Roman, der dem Genre der Fantasy-Literatur zuzurechnen ist, beginnt zunächst recht konventionell, den seit Tolkiens Herr der Ringe bestehenden Regeln entsprechend mit der Schilderung des Problems und dem Aufbruch der Gefährten in ein Abenteuer, um das Problem zu lösen. Auch, dass sich hier mit Rhon und Jennen zwei unterschiedliche Charakter und Temperamente zusammenraufen müssen, entspricht soweit dem Üblichen. Interessanter wird es m.E. erst, als sie die Höhlen der Dyootan erreichen.

Spannender war für mich daher die Schilderung von Grascha, die sich alleine durchschlagen muss.

Auch die Auseinandersetzung mit Maibe und die Annäherung der gegensätzlichen Frauen, mit dem Resultat, dass die aufbrausende Grascha ihre Energie in Bildung investiert und Lesen lernt und so die Geschichte der Dyootan entschlüsselt, ist eine interessant zu lesende Entwicklung.

Geheimnisvoll bleibt die Schilderung der Dyootan, insbesondere ihre Zivilisation, die so gar nicht zu dem ansonsten bronzezeitlichen Zeitalter der Stämme zu passen scheint und was Rhon und Jennen betrifft, zudem aus der Außenperspektive geschildert wird. Hier kam für mich sogar die Frage auf, ob es sich bei dem Schiff vielleicht sogar um ein Raumschiff gehandelt haben könnte.

Gefallen hat mir der Aspekt, dass der falsche Götterglaube zwar, solange er funktionierte, den Stämmen zwar auch Vorteile gebracht hatte, aber der strenge Ritus auch eine Entwicklung verhindert.

Nach der Enttarnung und Desillusionierung sind die Stämme zwar auf sich alleine angewiesen und haben sicherlich etliche Schwierigkeiten zu überwinden, ihre gezwungenermaßen existenzialistische Rückkehr zu sich selbst lässt jedoch auch ein Entwicklungspotential der im besten Sinne Enttäuschten bis dahin naturgöttergläubigen Menschen erkennen.

Sprachlich hat mich das Buch nicht überzeugt. Vieles in der Ausdrucksweise wirkt sehr gegenwärtig und dürfte wohl nicht dem Sprachduktus eines bronzezeitlichen Menschen entsprechen. Auch das Lektorat ist nicht ganz zureichend.                                                                                                               

                                                                                                               Dirk Wamser

 

Der im Selbstverlag erschienene erste Roman des Gießener Jungautors bietet ein ungewöhnliches Leseerlebnis, das sich gängigen Einordnungen entzieht. Dabei lässt sich die Geschichte in wenigen Sätzen umreißen: Fünf Naturvölker leben verteilt über einen großen Kontinent mit unterschiedlichen Klimazonen, und sie sind abhängig von der Gunst ihrer Götter, die ihnen regelmäßig gefügige Tiere zukommen lassen, mit deren Hilfe sie ihr Leben bestreiten und reproduzieren. Da sind der Jäger Rhon aus dem kalten Land, der Reiter Jennen aus dem Weidenland, der Fischer Derek und Grascha, die mit den Wölfen lebt. Vom fünften Volk, den Ziegen anbetenden Bova, erfahren wir nur wenig aus Erzählungen. Als die Zuwendungen der Götter ausbleiben, gerät die Welt aus den Fugen und die ihrer geistigen und physischen Lebensgrundlage zunehmend beraubten Völker beginnen, nach den Ursachen zu suchen.

Was zunächst wie der etwas schematische Plot eines Computerspiels aussieht, entwickelt im Laufe des Romans eine beachtliche literarische Tiefe. Auradniczek gelingen eindrückliche Schilderungen, etwa in den lebendigen und fesselnden – allerdings auch ziemlich brutalen – Kampfszenen oder bei der Exekution des Priesters der Fischer, der von seinem hungernden und aufgebrachten Volk im Meer ertränkt wird und sich dabei noch während des Versinkens mit seinem Schicksal versöhnt. Stellenweise wirkt es beinahe, als hätte Auradniczek authentischen Zugang zu archaischen, vorzivilisatorischen Erfahrungsweisen (möglicherweise ein Grund, der Verlage zur Ablehnung bewog). Die eigentümliche Mischung aus sozialpsychologischen, theologischen und technologischen Motiven kann Leser*innen, die nicht allzu zart besaitet sind, durchaus fesseln.

Auch die Auflösung der Geschichte, in doppelter Weise ausgeführt als Abenteuergeschichte – Rhon und Jennen spüren dem Hirschgott Ardus im Gebirge nach, der sich als hochtechnisierte Konditionierungsmaschine entpuppt – sowie Bildungserzählung durch Sprache und Schrift – die Wolfsfrau Grascha wird von der letzten Überlebenden des technologisch überlegenen Volks der Dyootan geschichtlich unterwiesen und kann bald selbst die alten Schriften lesen – ist spannend und plausibel konstruiert. Auffällige Parallelen bestehen m.E. übrigens zum Pilotfilm „Der Fürsorger“ der Fernsehserie Star Trek Voyager.

Leider weniger überzeugend ist der Roman in sprachlicher Hinsicht. Neben zahlreichen kleinen Fehlern und Ungenauigkeiten, die sich durch ein Korrektorat einfach hätten beheben lassen, fallen unpassende Formulierungen, Ausdrucksschwächen und schiefe Idiome negativ ins Gewicht. Das ist schade, bietet der Roman doch abgesehen davon eine Fülle interessanter Ideen und lebendiger Interaktionen sowie eine staunenswerte Einfühlung in vormoderne Lebens- und Erfahrungsweisen. Das überraschend versöhnliche Ende, wenn Jennen und Rhon nach überstandenem Abenteuer trotzig positiv in die Zukunft blicken – obwohl es dafür objektiv wenig Grund gibt –, mildert den sonst überwiegenden, betrüblich-dystopischen Eindruck der unabwendbaren Vernichtung.

 

                                                                                                               Robert Lembke

 

Anmerkung: Mittlerweile ist eine überarbeitete Version des Romans erschienen. Die neue Edition beinhaltet sprachliche und formale Korrekturen. 


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