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Dori Pinto | Der Mond über Jerusalem  

Kein & Aber
400 Seiten
25 Euro

ISBN 978-3-0369-5893-4

von Sandra Binnert| Download

In den 1950er Jahren beginnt zwischen der Sowjetunion und den USA der Wettlauf ins All. Welche Partei schafft es, die technische Überlegenheit zu erlangen? Wer schafft den ersten bemannten Flug zum Mond? Am 20. Juli 1969 gelingt das schier unmögliche: die amerikanischen Astronauten Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins landen auf dem Erdtrabanten. Während Armstrong und Aldrin auf dem Mond ihre ersten Schritte gehen, genießt Collins die Aussicht auf die Erde im Mondorbit. Apollo 11 wurde erfolgreich durchgeführt. Die Geschichte der Menschheit ist um ein Großereignis reicher geworden.

In Pintos Geschichte spielt die Mondlandung immer wieder eine Rolle: im Radio, in der Zeitung, in Gesprächen zwischen den Figuren, die ihrem Alltag in Jerusalem nachgehen und unterschiedlicher kaum sein können. Die fünf Hauptfiguren haben jeweils einen eigenen Handlungsstrang, der ihre Vergangenheit und Gegenwart beschreibt. Sie berühren sich an einigen Stellen kurz, um dann wieder lose weiterzulaufen. Dadurch entstehen kleine Alltagsminiaturen, die mit Lebensgeschichten gepaart sind.

Da ist zum Beispiel Hans, der in Deutschland großgeworden ist und dort nach einer missratenen Prüfung im Jahr 1929 nach Israel ausreist und in einem Kibbuz sein Leben als Chaim Zemach weiterlebt, damit dem Holocaust entkommt und seinen Lebensabend schließlich in Jerusalem verbringt. Die jüngste Figur ist Charlie, der sich freut, bald in die Schule gehen zu können und inzwischen sogar schon lesen kann, es aber niemandem verrät. Sein Vater war Soldat im Sechstagekrieg und kam nicht mehr zurück. Eindrucksvoll beschreibt Pinto die Verwirrung des Jungen, der das Verhalten der Mutter nur schwer lesen kann und nicht genau weiß, was eigentlich mit seinem Papa passiert ist.

Das Paar Dschamila und Said gehört zur Volksgruppe der Domari. Ihre Eltern sind Schausteller, sie kommen aus ärmlichen Verhältnissen und waren schon als Kinder unzertrennlich. Nach dem Verschwinden ihrer Väter geben sie sich als Stumm aus und sichern damit ihren Lebensunterhalt. Ihre erste gemeinsame Wohnung mussten sie räumen und das Paar hat sehr unterschiedliche Ansichten bezüglich ihres Umzugs. Baruch ist ein gezeichneter Mann, als Kind ist er aus Mostar geflohen und zog sich in Folge dessen sehr in sich zurück. Später arbeitet er als Schreiner. Der fünfte Handlungsstrang widmet sich der jungen Englischlehrerin Beth, die aus Kanada erst nur für ein Jahr nach Jerusalem kam und sich dort stark politisiert und bleiben möchte.

In Pintos Erzählung wird gezeigt, dass Jerusalem ein Mosaik aus verschiedenen Kulturen ist, wo man zum rumänischen Frisör geht und die griechische Nachbarin freundlich grüßt. Unpolitische Menschen leben neben politischen, die Polizei sucht nach einem Mann, der Frauen auf der Straße umarmt und sich entschuldigt, die Welt ist im Alltag gefestigt. Kontrastiert wird dies mit der Mondlandung und einem symbolisch aufgeladenen Raben.

„Schau, wie wir manchmal etwas anschauen, aber keine Ahnung haben, was dort wirklich abläuft.“ (S.335) sagt ein Kollege von Said zu ihm, während Leuchtraketen am Himmel zu sehen sind. Pintos Erzählung lädt durch gezielte Leerstellen dazu ein, dieses Nichtwissen auszuhalten und schafft es so, den Alltag von Menschen genau zu portraitieren. Dabei gelingt es ihm realistische und greifbare Figuren zu entwickeln.

Sandra Binnert 

 

 

 


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