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Deborah Levy | Heiße Milch 

Aus dem Englischen von Barbara Schaden

Kiepenheuer & Witsch 2018
288 Seiten
20,00 Euro

ISBN 978-3-462-04977-0

von Laura Ruppert | Download

„Es liegt an dir, die alten Kreisläufe zu durchbrechen.“

Deborah Levy stellt ihrem Roman Heiße Milch dieses Zitat aus Hélène Cixous’ „Das Lachen der Medusa“ voran. Der 1975 erschienene Essay betrachtet das Schreiben als politischen Akt der Emanzipation und gilt als feministischer Schlüsseltext, der weibliches Begehren in den Vordergrund rückt. Es ist sodann auch eine „Meduse“, mit der die (Emanzipations-)Geschichte von Levys Romanheldin Sofia ihren Lauf nimmt: Während eines Bades im Mittelmeer kommt es zu einer schmerzhaften Begegnung mit einer Qualle. Sofia und ihre Mutter Rose befinden sich in Südspanien, wo letztere auf die Heilung eines mysteriösen körperlichen Leidens hofft: An manchen Tagen scheinen ihre Beine gelähmt und Sofia muss sie pflegen – an anderen Tagen kann Rose gehen oder ihre Tochter im Mietwagen durch die spanische Landschaft chauffieren. Dr. Gómez, „eine Koryphäe für Muskel-Skelett-Erkrankungen“, den zu treffen die Frauen nach Andalusien gereist sind, bleibt ihre letzte Hoffnung. Schnell wird klar, dass Heiße Milch neben Krankheit auch von Abhängigkeit und von einer Mutter erzählt, die ihre Tochter nicht gehen lassen kann und Sofia durch ihre eigene Hilfsbedürftigkeit an sich bindet.  

Doch im andalusischen Sommer beginnt Sofia, sich freizuschwimmen. Die Protagonistin erkundet das Fleckchen Erde, an dem sie gestrandet ist, und vor allem entdeckt sie sich selbst und ihr Frausein – abseits der bekannten Rolle, die sie in der einengenden Beziehung zu ihrer Mutter jahrelang einstudiert hat. In den Kapiteln, in denen sie sich allein auf Entdeckungsreise begibt, entfaltet sich die ganze Kraft von Levys Prosa: Einfallsreich, konzentriert und präzise werden etwa Sofias Gedankengänge auf dem lokalen Fischmarkt beschrieben, wo sie einen Fisch stehlen will, um „mutiger und zielbewusster“ zu werden und schließlich eine wütende Dorade in ihre Korbtasche gleiten lässt. In diesen Passagen steckt fast noch mehr als in der Liebegeschichte, die sich zwischen Sofia und ihrer Bekanntschaft Ingrid entfaltet. Ingrid ist eine Art Inselhippie, die es aus Deutschland nach Spanien verschlagen hat, wo sie einen Vintage-Shop betreibt. Sie fordert Sofia mit ihrer selbstbewussten Art immer wieder heraus und zählt deswegen zu den wichtigsten Begegnungen auf ihrer Reise in die Freiheit. In der Figur der Ingrid kommt eine Vorliebe der Autorin für exzentrische Figuren zum Ausdruck, die auch Roses Arzt Dr. Gómez auszeichnet: Sowohl die Termine in der luxuriösen Gómez-Klinik als auch die „Tête-à-Têtes“ zwischen den beiden Frauen wirken inmitten dieses ansonsten angenehm unaufgeregten Romans eine Spur zu schillernd.

Heiße Milch erzählt viele Geschichten gleichzeitig, ohne dass der Roman überladen erscheint. Anhand von Sofias abgeschlossenem Anthropologiestudium, das ihr in Großbritannien keine Aussichten auf einen baldigen Berufseinstieg verspricht, der Beschreibung touristischer Bauruinen in Spanien oder der Figur des Vaters, der in Griechenland lebt und Sofia keine (finanzielle) Stütze sein kann oder will, spannt der Roman ein Netz quer durch Europa, in dem gesellschaftliche Fragestellungen immer wieder leise zur Sprache kommen.

Deborah Levy, geboren 1959, verbrachte ihre ersten Lebensjahre in Südafrika, bevor die Familie 1968 nach Großbritannien emigrierte. Seit ihrem Studium der performativen Künste veröffentlicht sie fiktionale sowie non-fiktionale Texte, darunter sieben Romane sowie zahlreiche Theaterstücke. Ihre Romane Swimming Home (2011) sowie Hot Milk (2016) schafften es auf die Shortlist des Man Booker Prize.

 (Laura Ruppert)


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