Aus dem amerikanischen Englisch von Milena Adam. Mit einem Vorwort von Volker Weidermann.
März Verlag
703 Seiten
38 Euro
ISBN 978-3-7550-0055-6
Von Lothar Schneider
Was für ein Roman! Fast 700 Seiten, auf denen man sich treiben lassen kann wie auf einem Fluss, der sich in flachem Gelände in etliche Arme teilt, und zugleich eine Handlung, die rasch und bestimmt durch die Landschaft zieht. Ein Strom von Ereignissen, ein Kaleidoskop von Perspektiven und Personen in einer Szenerie, die, wie das instruktive Nachwort der Übersetzerin Milena Adam nachweist, zugleich fiktiv ist und beeindruckend realistisch.
Seemannslied ist der letzte der drei Romane Ken Keseys: Berühmt geworden war er 1962 mit seinem Erstling Einer flog übers Kuckucksnest – und mit dessen Verfilmung 1975 war er noch viel berühmter. Als sein ebenfalls viel gerühmter zweiter Roman Manchmal ein großes Verlangen 1964 (1982 in Übersetzung) erschien, war er zumindest ebenso bekannt als Gründer der Merry Pranksters, einer Gruppe von Künstlern, die mit einem Bus übers Land zog und »Happenings« , also Aktionen, bei denen das Publikum aktiv mitspielt, veranstaltete. Dabei kam LSD zum Einsatz, das Kesey als Versuchsperson im geheimen MKUltra- Programm der CIA kennengelernt hatte. 1970 wurde LSD unter Gouverneur Ronald Reagan verboten. Die Pranksters wurden zunehmend kriminalisiert und Kesey zog sich schließlich auf eine Farm in Oregon zurück.
Auch wenn die Erfahrungen dieser Zeit eingeflossen sind, ist Seemannslied weder eine Rückblende noch eine Hippie-Eloge, sondern ein Blick nach vorn, der heute merkwürdig aktuell erscheint: Die Ereignisse spielen nach der Jahrtausendwende; die Szenerie ist ein kleiner Fischerhafen in Alaska mit einer Bevölkerung aus gestrandeten Ankömmlingen, Rückkehrern und Angehörigen indigener Gruppen. Doch der Alltagstrott kommt ins Stolpern, als eine Filmgesellschaft mit großem Aufwand auftaucht, um vor Ort einen Kinderbuchklassiker, der im hohen Norden spielt, zu verfilmen und die Stadt in ein touristisches Ziel zu verwandeln. Es entspinnt sich eine spannende, manchmal auch komische, ebenso realistische wie fantastische Handlung, die in ihrer Komplexität, mit ihren Stills und Twists, unmöglich nacherzählt werden kann. Eine ganze Reihe von Figuren werden mit großer Sympathie und noch mehr Können aus Innen- wie Außenperspektive dargestellt, dabei stechen Alice Carmody, eine selbstbewusste indigene Frau, die auf Kunstschulen Erfahrungen gesammelt hat, und Isaak Sallas, ein gestrandeter Umweltaktivist, heraus. Dass beide Schwierigkeiten mit ihrem »emotionale[n] Immunsystem« (S. 452) bekommen, erscheint logisch.
Während die bunte Handlungsebene permanent einlädt, sich im Genuss des Lesens zu verlieren, verführt ein anderer Aspekt von Keseys Erzählkunst dazu, innezuhalten und dem gerade Gelesenen nachzuspüren: Die Erzählung wechselt mehrfach zwischen einem normalen, ‚rationalen« Blick auf die Natur und das Geschehen und einem indigenen, eher mythischen Deutungs- und Verhaltensmuster. Beiden stellt sie zudem die Mechanismen ihrer kommerziellen Verwendung und Verwertung an die Seite. Damit thematisiert sie nicht nur beiläufig, was heute als »Ethnokitsch« diskutiert wird, sondern stellt den Roman selbst in Frage. Er rechtfertigt sich durch Leichtigkeit und das Vergnügen, das er dennoch und vor allem bereitet.
Zum Schluss noch ein Hinweis: Dem Roman ist ein Vorwort von Volker Weidermann vorangestellt. Lesen Sie dieses auf keinen Fall, bevor sie den Roman gelesen haben! Weidermann beschreibt seine persönliche Begegnung mit Kesey mit der Sentimentalität des zuspätgeborenen Freundes der 60er-Jahre-Kultur. Das verstellt den Blick ins Buch: Der Roman braucht das nicht. Der Roman ist kein Abgesang auf eine Epoche. Dieser Roman ist jetzt!