Galiani
304 Seiten
23 Euro
ISBN 978-3-86971-335-9
Von Lothar Schneider
Nichts für Voyeure und Mitleidtouristen: Ein Buch mit fast ganz normalen Leuten – also nicht Leuten ganz unten, sondern aus der etwas gehobenen Bildungsschicht, wie auch die Leser*innen zumeist. Also Leuten ohne besondere Eigenschaften und Schicksalsschläge – außer man zählt die Geschichte der DDR nach dem Prager Frühling bis zu ihrem Untergang und darüber hinaus bis in die Gegenwart dazu. Kein Buch für Sentimentalität, Herablassung oder Besserwisserei, aber ein Buch mit Menschen, wie sie einem bekannt erscheinen und die man kennenlernen möchte. Menschen, die man mögen würde, wie man sich selbst (hoffentlich) auch mag. Ein Buch, aus dem man lernen kann, ohne Rezepte verordnet zu bekommen; das nicht das Leben heilen will, sondern geduldig zuschaut, wie sich die Situation entwickelt. Die Medizin nennt das »watchful waiting« (»abwartendes Beobachten«).
Die Handlung entfaltet sich um eine Gruppe von Leuten, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie sich in eine Datschensiedlung zurückgezogen haben, wie es in den 60er Jahren häufig der Fall war. Hauptsächlich bestehen sie aus zwei Gruppen, die sich begegnen, aber nicht verschmelzen: Die eine sind eine Reihe von Kulturschaffenden aus dem Bereich angewandter Künste, die andere besteht aus Informatikern und Angestellten. Für die erste steht vor allem Mona, eine Grafikerin, für letztere der Informatiker Georg. Beide sind sich sympathisch, ohne dass eine Bindung entstünde.
Gemeinsam ist beiden Gruppen das Lavieren in den politischen Verhältnissen nach der Enttäuschung durch die Niederschlagung des Prager Frühlings und dem folgenden Rückzug ins Private bei gleichzeitigen Versuchen, im System der DDR nicht nur zu überleben, sondern sich einzurichten, ohne sich preiszugeben. Dabei reicht die Skala der einzelnen Strategien von der aktiven Mitarbeit bis zur Republikflucht – nach 1989 wird sich herausstellen, dass manche Urteile falsch waren und manche Strategien untauglich. Aber auch hier verzichtet Mädler auf Dramatisierungen und hält sich mit Schuldzuweisungen zurück. Sie konzentriert sich auf den emotionalen Hintergrund der einzelnen Handlungen, auf die Wünsche und Sehnsüchte ihrer Helden, auf deren Hoffnungen, Enttäuschungen und Verletzungen.
Die zentrale Metapher des Buches ist »Selbstregulierung«, die Vorstellung, dass ein System zwar als Ganzes statisch ist, zugleich aber in der Lage, sich Veränderungen anzupassen, Störungen auszugleichen und so eine Form dynamischer Stabilität zu erreichen, wie es Menschen zumeist gelingt und es Gesellschaften zumeist versuchen. Wie es die Politik auch gegenwärtig versucht, wenn sie den »Reformstau« aufzuheben verspricht. Doch wenn einem dann die Konjunktur von Kleingartensiedlungen und »urban gardening« in den Sinn kommt, beschleicht einem bei der Lektüre leicht ein ungutes Gefühl….