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Carsten Gansel|Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand 

Reclam

383 Seiten

28 Euro

ISBN 978-3-15-011566-4

 

Von Lothar Schneider

Der Zeitzeuge, so ist häufig zu hören, ist der Feind des Historikers, denn während der Historiker objektiver Wahrheit verpflichtet ist, trüben dem Zeitzeugen persönliche Eindrücke und Verwundungen den Blick. Carsten Gansel ist beides: Literaturhistoriker und ehemaliger DDR-Bürger, also Zeitzeuge. Doch was meist als Problem oder Widerspruch wahrgenommen wird, erweist sich hier als Glücksfall: Weil die persönlichen Eindrücke und Zitate aus Gesprächen die wissenschaftlichen Recherchen und theoretischen Fundierungen ergänzen und bebildern, entsteht ein zugleich wirklichkeitsgesättigter und angenehm »leichter« Ton, vergleichbar angelsächsischer Essayistik, in der Ich-Sagen keine Insistenz auf die eigene Autorität darstellt, sondern ein Gesprächsangebot, ein Vorschlag, der »in aller Bescheidenheit« dem Hörer zur Prüfung vorgelegt wird. Gansels Vorschlag hat es in sich.

Die These des Buches ist zwiefach. Zum einen, dass die Erfahrung der DDR-Bürger auch in der »neuen« Bundesrepublik ein Gut darstellt, und zum anderen, dass diese Erfahrung exemplarisch im Feld der Literatur formuliert und diskutiert wurde. Das Buch ist damit zugleich ein Beitrag zur Literatur- und Intellektuellengeschichte der DDR und ein »Versuch« über die Funktion von Intellektuellen und Literaten im Kontext gesellschaftlicher Normalitäten und Normen. Gansels Antwort: Sie sollen stören und aufstören, gerade und immer dort, wo eine institutionalisierte »Dienstklasse« jede Irritation abzublocken und in Harmonie zu ersticken versucht.

In acht Kapiteln zeichnet Gansel nach, wie sich Künstler für den jungen Staat engagierten; wie sie in Widerspruch zur »herrschenden Meinung« gerieten, weil sie die Darstellung von Wirklichkeit zu ihrer Aufgabe gemacht hatten; wie sie auf Formen auswichen, die auf der Oberfläche den Kontakt zur Gegenwart mieden oder sich als subjektive Erinnerung maskierten – und dennoch verstanden wurden; wie ihre Vertreter in gesellschaftliche Randbereiche gedrückt wurden und wie schließlich die Bücher des »Leselandes DDR« buchstäblich auf den Müll geworfen und ein Großteil seiner Bibliotheken geschlossen wurden. Das kann man als Geschichte aus einem untergegangenen Land lesen - man kann allerdings daraus auch etwas ganz anders lesen: Eine Erzählung, wie Menschen ihre Hoffnung in eine Gesellschaft und Gesellschaftsform setzten, wie ihre Erfahrungen die Herrschenden aufstörten, wie diese versuchten, das gesellschaftliche »wording« zu kontrollieren, wie Strategien entwickelt wurden, dennoch zu sagen, was man sagen musste – und zu lesen, was unter der Oberfläche versiegelt war, wie man zum Handeln fand, als die Zeit reif war; und schließlich: Warum man die Distanz zu offiziellen und offiziösen Verlautbarungen und Beschwichtigungen auch in der »neuen Zeit‘ behauptet.

Natürlich kann man aus wissenschaftlicher Sicht einwenden, dass ein Fakt übersehen, der eine oder andere Aspekt vernachlässigt und ein dritter zu sehr in den Vordergrund gerückt worden sei – aber Ausradiert ist keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern ein engagierter intellektueller Essay. Davon gibt es heute wenige. Warum eigentlich?


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