Dienstag, 2.6., 19 Uhr
Hermann-Levi-Saal (Konzertsaal im Rathaus)
Berliner Platz 1
35390 Gießen
![]()
Eintritt: 8 € | erm. 6 € | LZG-Mitglieder 4 €
Moderation: Sascha Feuchert (LZG)
Veranstaltungsbericht:
Am Dienstag, den 2.5., war der Autor Christoph Peters im Hermann-Levi-Saal zu Gast, um aus seinem autobiographischen Roman Entzug zu lesen, und mit Moderator Prof. Dr. Sascha Feuchert darüber ins Gespräch zu kommen.
Bereits zu Beginn der Lesung wurde deutlich, dass Entzug kein Werk ist, das seine Leser*innen schont. Christoph Peters Stimme ließ die Erzählung lebendig, greifbar und auf eindrucksvolle Weise, wirklich werden. In den beiden Teilen Trinken und Nicht trinken, in die der Roman gegliedert ist, schildert Peters die Erfahrungen eines alkoholkranken Mannes und dessen Weg durch Sucht, körperlichen Verfall und Entzug. Die Sprache bleibt dabei bewusst distanziert und ungeschönt. Peters gewährt Einblicke in die Gedankenwelt eines Abhängigen ebenso wie in die körperlichen und psychischen Belastungen, die mit der Krankheit einhergehen. Auch die Auswirkungen auf das familiäre Umfeld spielen im Roman eine wichtige Rolle und machen deutlich, dass Suchterkrankungen weit über die betroffene Person hinauswirken.
Im Dialog mit Sascha Feuchert sprach Peters über die Entstehung seines Romans und die Erfahrungen, die ihm zugrunde liegen. Äußerst bildhaft waren seine Schilderungen über die Zeit in der Entzugsklinik. Diese sei geprägt gewesen von »Schrecken im Wechsel mit Erleichterung«. Sehr prägnant beschrieb er die Ausweglosigkeit der Sucht als »Ich muss trinken, kann aber nicht mehr trinken.« Ein Zustand, in dem die Abhängigkeit fortbesteht, während der Körper längst an seine Grenzen gelangt ist. Peters erklärte im Gespräch auch, dass Entzug für ihn nicht nur eine Auseinandersetzung mit der Krankheit selbst sei, sondern auch mit dem Menschen, der er während der Sucht gewesen ist. Mit einer Mischung aus Selbstkritik und schonungsloser Ehrlichkeit teilt er, dass ihn beim Schreiben immer wieder ein gewisser Selbstekel auf sein früheres Ich begleitet habe.. Gerade dieser authentische Blick auf das Selbst verleihe dem Werk seine Glaubwürdigkeit, beteuert der Autor.
Im Fokus stand ebenso die Frage, wie sich die Erfahrung der Nüchternheit auf sein Schreiben ausgewirkt habe. Peters berichtete von einer Angst, die sich mit Fragen wie: »Was geschieht, wenn es einem plötzlich gut geht? Wird es dann überhaupt noch Stoff zum Schreiben geben? «,beschäftigte. Als Autor und Künstler habe er befürchtet, dass mit dem Ende der Krise womöglich auch die Grundlage seines Schreibens verschwinden könnte. Rückblickend erscheint diese Sorge zwar unbegründet, war für ihn damals jedoch eine reale Befürchtung.
Außerdem sprach Peters ausführlich über die literarische Form des Buches und gewährte dabei Einsicht in seinen Schreibprozess. So habe ihm das Verfassen des ersten Teils, der die Zeit des Trinkens eine besondere Freude bereitet. Der zweite Teil sei dagegen deutlich schwieriger gewesen. Um die Erfahrung des Entzugs und die innere Zerrissenheit angemessen darzustellen, habe er nach einer passenden Form gesucht. Eine »fragmentierte Persönlichkeit« müsse letztlich auch zu einem fragmentierten Text werden, erklärte er. Die Struktur des Romans, mit ihren Textbausteinen und Brüchen, spiegelt daher gezielt den instabilen Zustand des Erzählers wider.
Trotz der Schwere des Themas war der Abend keineswegs von bedrückender Stimmung geprägt. Immer wieder lockerten humorvolle Momente zwischen Peters und Feuchert die Gemütslage im Publikum auf und sorgten für einige Lacher. Auch Peters selbst betonte die Bedeutung des Humors für seinen persönlichen Weg. So erinnerte er sich an Situationen, in denen ihm das Lachen geholfen habe, mit den eigenen Erfahrungen umzugehen, selbst dann, wenn wenig Anlass zur Heiterkeit bestand.
Im Zuge der Fragerunde zeigte sich das große Interesse der Zuschauer*innen deutlich. Im offenen Austausch mit dem Autor wurden sowohl literarische als auch autobiografische Aspekte wie Fragen zu Sucht, Erinnerung und Schreiben diskutiert. Am Ende stand ein nachhallender literarischer Abend, der die Vielschichtigkeit des Werks sichtbar aufzeigte. Zugleich wurde durch den ehrlichen Diskurs hervorgehoben, dass Entzug weit mehr ist als ein Bericht über eine Krankheit: Es ist ein Roman über Identität, Selbstwahrnehmung und die Frage, wie sich persönliche Krisen in Literatur verwandeln lassen.
Die Veranstaltung fand in Kooperation mit dem Kulturamt der Stadt Gießen statt.
von Charlott Pelger