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Richard M. Meyer | Moral und Methode. Essays, Vorträge und Aphorismen. (Hg. v. Nils Fiebig) 

Wallstein Verlag 2014
320 Seiten
24.90 €
ISBN: 978-3-8353-1545-7

von Lothar Schneider| Download

Meyer für alle!

Es soll Zeiten gegeben haben, in denen Germanisten interessante, informative, allgemeinverständliche und sogar elegante Texte geschrieben haben, könnte man formulieren, doch dies klänge nostalgisch und verdrossen. Noch heute soll dies vorkommen, wenn auch selten, doch es war auch früher schon ausnehmlich. Um die Wende zum 20. Jahrhundert war Richard Moritz Meyer (1860 bis 1914) so ein seltener Fall: Seine Abhandlungen und Essays sind in vielen Fällen Lesevergnügen und dabei meist in doppelter Weise interessant, weil sie nicht nur inhaltlich Wissenswertes mitteilen, sondern auch vieles über die Epoche ihrer Entstehung, die Kultur des Wilhelminismus, verraten.

Als Wilhelminismus bezeichnet man die Zeit zwischen dem Regierungsantritt Wilhelms II. und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs – also zwischen 1888 und 1914. Der Name hat gemeinhin keinen guten Klang, ist geprägt vom Bild eines großspurigen, militär- und medienfixierten Kaisers, der mit politischer Ignoranz und markigen Sprüchen Deutschland in die Katastrophe führte. Doch Wilhelm war darin mehr ein Symptom der Zeit als ein souveräner Akteur. Es ist eine Zeit rasender Modernisierung in Wirtschaft und Wissenschaft, die Zeit umfassender Verstädterung und die Zeit der grundlegenden Medialisierung von Öffentlichkeit und Kultur. Es ist die Zeit des Imperialismus; doch die Eroberung und Aufteilung der Welt ist abgeschlossen, die inneren Widersprüche der Industriegesellschaften werden drängend. In Deutschland, das sich nach dem Sieg über Frankreich 1870/71 stark wähnt und bei der Verteilung der Welt zu kurz gekommen fühlt, werden sie in einem glühenden Nationalismus aufgefangen. Wer ein literarisches Bild des Wilhelminismus in seiner Ambivalenz von Modernismus und Reaktion bekommen möchte, sollte zu Heinrich Manns Der Untertan greifen; wer den ambivalenten Modernismus seiner geistige Verfassung erfahren möchte, sollte Richard Moritz Meyer lesen.
Auch die Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, die sich erstmals disziplinär mit Gegenwartsliteratur beschäftigt, ist ein Produkt dieses späten 19. Jahrhunderts. Meyer gehört zur zweiten Generation der Neu-Germanisten, er ist direkter Schüler des Gründervaters Wilhelm Scherer, der als gebürtiger Österreicher im Deutschen Reich Karriere gemacht und schließlich eine ganze Generation von Berliner Germanisten, Literaten und Kritikern geprägt hatte. Aber die junge Disziplin befindet sich zur Jahrhundertwende bereits in der Krise: Die liberale, methodisch am Positivismus orientierte und kulturwissenschaftlich offene Wissenschaft Scherers steht unter dem doppelten Druck philologischer und nationalistischer Disziplinierung. Politisch teilt Meyer die nationalistischen Impulse seiner Zeit, ist aber ansonsten von urbaner Liberalität. Sein disziplinäres Wissenschaftsverständnis ist breit gefasst; auf der einen Seite methodisch-philologisch gesichert, begreift es andererseits sprachwissen¬schaft¬liche, vor allem semasiologische Arbeiten mit ein und öffnet sich zudem kultur¬wissen-schaftlichen und volkskundlichen Themen.

Dieses fortschrittliche Fachverständnis, vor allem aber die Tatsache, dass Meyer Jude war und es sich leisten konnte, Angebote aus der Provinz abzulehnen, sind daran schuld, dass ihm eine ordentliche Professur verwehrt blieb. Profitiert haben davon seine publizistische Tätigkeit und sicherlich auch sein gesellschaftliches und kulturelles Engagement. Meyer gehört zu den ersten, die sich emphatisch für Nietzsche einsetzten, und er ist der erste Germanist, der in einem Aufsatz auf den aufstrebenden Stefan George hinwies.

Der vorliegende Band versammelt kürzere Texte zu einem Überblick über das Meyersche Schaffen. Dies ist ein Vorzug und ein Problem, ein Vorzug, weil man die verschiedenen Aspekte des Werks kennenlernt, ein Problem, weil die Auswahl gelegentlich diskussionswürdig ist, vor allem aber, weil die verschiedenen Texte unterschiedliche Adressaten ansprechen und in ihrer Gesamtheit nur für Fachgeschichtler durchgängig attraktiv erscheinen, die an Richard Moritz Meyer, an der Zeit des Wilhelminismus und/oder an germanistischer Fachgeschichte interessiert sind.

Doch selbst wenn manche Inhalte ‚historisch‘ bleiben sollten, sind Lesevergnügen und intellektueller Gewinn groß: Vieles, das Meyer beschreibt, bleibt interessant und gültig – und wie er es beschreibt, die stilistische Eleganz seiner Sprache, die Intellektualität der Gedankenführungen und der urbane Witz ihrer Vorstellung fesseln allzumal. Besonders überzeugen zwei Texte zur Logik der Großstadt, ihrer Kultur und Literatur und zu jenem deutschen Unbehagen vor ihr, wie es Goethe in Venedig überfiel (S. 90-106: Goethe in Venedig; vgl. S: 132-154: Großstadtpoesie). Zwar befreit das Großstadtleben – so Meyer – den Einzelnen aus der „Isolierhaft in der Wohnungszelle“ (S. 138), aber es stellt ihn auch vor neue Herausforderungen und Probleme: Die Menschenmenge der Großstadt zerstört traditionelle Lebenszusammenhänge, entkontextualisiert den Einzelnen und nivelliert die Person. Die moderne Individualität wird Thema und Problem – und das Streben nach Individualität zum Signum der Moderne. Meyer reflektiert dies sowohl direkt (S. 74-89: Über den Begriff der Individualität), als auch zeittypisch exemplarisch anhand der Philosophie Nietzsches (S. 191-223: Nietzsches ‚Zarathustra‘). Dazu treten ästhetische (z.B. S. 107-131: Über das Verständnis von Kunstwerken; S. 274-299: Literarische Kunst) sowie wissenschaftshistorische und -methodische Aufsätze wie der titelgebende zu "Moral und Methode" (S. 177-190). Zeitlos in Stil wie Inhalt ist vor allem die kulturgeschichtliche Analyse Struwwelpeter, in der er die Titelfigur des berühmten Kinderbuchs zwischen dem pädagogischen Bemühen um Hygiene und infantiler Verwilderungslust zeigt (S. 161-171). Mit der Aufnahme vergleichbarer Texte wie "Die Wette" (Archiv für Kulturgeschichte 1 [1903], S. 1-17) oder "Zur Entwicklungsgeschichte des Tagebuchs" (In: Richard Moritz Meyer: Gestalten und Probleme. Berlin: Georg Bondi 1904, S. 281-299) hätte man das Lesevergnügen weiter steigern können.

Eine echte Fehlstelle gibt es zu beklagen: Zwar ist der epochemachende George-Aufsatz "Ein neuer Dichterkreis" in einer thematisch orientierten Publikation desselben Herausgebers und Verlags wieder leicht zugänglich geworden (Nils Fiebig/Friedrike Waldmann [Hg.]: Richard M. Meyer – Germanist zwischen Goethe, Nietzsche und George. Göttingen: Wallstein Verlag 2009, S. 161-187), aber er fehlt – gerade weil das informative Vorwort prominent darauf verweist – schmerzlich in einem Band, der Bekanntschaft mit diesem Autor stiften soll. Hätte man ihn abgedruckt, wäre dies als elegante und generöse Geste erschienen, während die Abwesenheit leicht den unangenehmen Eindruck einer Nötigung erweckt. (Störend bleibt auch die nachlässige Lektorierung von Eigennamen.)

Doch man sollte sich davon nicht zu sehr beeindrucken lassen: Die Texte Meyers sind immer interessant und elegant, oft brillant und häufig auch amüsant. Dies gilt gleichfalls für die abgedruckten Philologischen Aphorismen (S. 253-256), wovon ich zum Schluss den fünften zitieren will: „Die Überfüllung der großen Universitäten ist bedenklich. Sie erschwert die Berührung zwischen Lehrer und Schüler, und darunter leidet die Erziehung der Dozenten.“


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