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Rocko Schamoni | Tag der geschlossenen Tür 

Roman
Piper 2011
261 Seiten
16,95 Euro
ISBN 978-3-492-05421-8

von Lars Meuser | Download

Vernichtete Zeit

Rocko Schamoni kann viel: Musik machen (Punk, Schlager, Jazz), schauspielern (im Amateurfilm und im Schauspielhaus), Leute am Telefon veralbern (mit Studio Braun), Menschen unterhalten (zum Beispiel in Interviews) und Gold zu Scheiße machen (Beweismaterial unter http://modenews.zalando.de/wp-content/uploads/2010/11/jonhson1.jpg). Er kann aber auch Bücher schreiben. Unter anderem den mittlerweile mehr oder doch eher weniger erfolgreich verfilmten Roman Dorfpunks, in dem er seine Jugend semifiktional aufgreift und weiterverarbeitet. Auf Lesungen schafft er es zudem, den kruden Humor seiner Romane auf den Punkt und kurzweilig zu inszenieren, wie diverse Mitschnitte auf Youtube belegen. Bei all dem was Schamoni tut, beschleicht den Rezensenten dann auch ein Verdacht: Rocko Schamoni kann alles – sogar selbst sein größter Fan sein.

Michael Sonntag hingegen kann eigentlich nichts: Er ist der Protagonist in Schamonis aktuellem Roman Tag der geschlossenen Tür und hat sich zwischen Phlegma und Lethargie dem Nichts und der Ablehnung jeglicher Aktivität verschrieben. Er will sich treiben lassen und bestenfalls überhaupt nicht daran denken müssen, dass er Zeit herumbringen muss. Einmal angepackte Aufgaben bringt der Anfang-Vierziger konsequent nicht zu Ende, seine Romane lässt er gleich zu Beginn vom Verlag ablehnen, Jobs kündigt er, ohne jemals angestellt worden zu sein, und Beziehungen zu Frauen beendet er, bevor die ihn überhaupt wahrgenommen haben. Leidtragende sind die Hamburger Kunsthalle, Marion Vossreuther aus dem O2-Handyladen und der Deutsche Taschenbuchverlag – aber nicht Piper, denen gefallen Sonntags Manuskripte angeblich. Ein bisschen Bewegung kommt von Zeit zu Zeit aber doch in das Leben des Alt-St. Paulianers, wenn dessen Freund Nowak ihm mal wieder eine „todsichere“ Geschäftsidee schmackhaft macht oder sich der obskure neue Nachbar Bob bei ihm einnistet. Hierzu gesellen sich Episoden, in denen Sonntag Ego-Tuning betreibt, indem er sich über die Besucher von Motorradgottesdiensten lustig macht oder über die Gentrifizierung von St. Pauli frotzelt.

Das alles wird dem Leser in etwa 60 kurzen Kapiteln präsentiert, in denen Schamoni stilistisch zwischen epischem Erzählen, Kolumnenartigem und E-Mail-Epik wechselt und sich auch thematisch-inhaltlich zwischen dementsprechend weit auseinanderstehenden Stühlen positioniert oder es wenigstens versucht. Was albern und was ernst gemeint sein könnte, mag sich dem Leser dabei nicht unbedingt erschließen. So steht etwa der Entwurf zu einem Kinder- und (!) Jugendroman „E-Mail für Emil“ neben einem Kündigungsschreiben, neben einem Aids-Geständnis, neben einer Liebesbeziehung zur Stubenfliege Totelinchen, neben einer kruden Zeitungskolumne, neben einem Sex-im-Beichtstuhl-Traum, neben einem Besuch bei der Oma im Altersheim. Ideen und Stile geben sich die Klinke in die Hand, aber eine Seite lässt sie immer wieder fallen. Das führt zu einigen sehr starken – soll heißen lustigen – Passagen, die aber leider von zu vielen mittelmäßigen und schwachen flankiert werden. Schamoni opfert mit seinem Ansatz das Roman-Konzept einem Potpourri an Einfällen, inszeniert einen Jahrmarkt obskurer Ideen, brennt ein Feuerwerk literarischer Eingebungen ab. Was das soll, wissen nur er und die Muse, die ihn geküsst hat.

Den Sinn des Ganzen, den roten Faden, das, was der Autor dem Leser damit sagen will, konnte der Rezensent bisher nicht finden. Ein Zitat von Sonntags Nachbar Bob hingegen schon: „Mit zwanzig fragst du nach einem Sinn. Mit dreißig kämpfst du um einen Sinn. Und mit vierzig bist du befreit vom Glauben an den Sinn“. Nun gut, wenn das so ist: In zwölf Jahren lesen wir uns wieder, Schamoni!

Zum Autor
Rocko Schamoni, Jahrgang 1966, ist ein Drittel von „Studio Braun“ und hat den Telefonstreich wieder salonfähig gemacht. Er ist bisher als Musiker, Schauspieler und Entertainer in Erscheinung getreten und arbeitet regelmäßig für Film und Theater. Als Schriftsteller ist er für sein Debüt Risiko des Ruhms, den Bestseller Dorfpunks und Sternstunden der Bedeutungslosigkeit verantwortlich.


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