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Sabrina Janesch | Katzenberge 

Roman
Aufbau Verlag 2011
273 Seiten
19.95 Euro
ISBN 978-3351033194

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von Jenny Sprodowsky | Download

„Wenn du es mir erzählst, können wir uns beide daran erinnern.“ Nele Leibert erinnert sich. Sie erinnert sich an all die Geschichten, die ihr Großvater ihr in den letzten Jahren immer wieder erzählt hat. Geschichten über die Flucht aus seiner Heimat Galizien, über das Ankommen im fremden Schlesien sowie über unheimliche Gestalten, die im Verborgenen lauern. Als ihr geliebter Djadjo stirbt, begibt sich die in Berlin lebende junge Journalistin auf den Weg zu seiner Beerdigung nach Polen, die Heimat ihrer Familie mütterlicherseits. Dort angekommen muss Nele jedoch spüren, dass sich mit den Geschichten ihres Großvaters vielleicht doch nicht alle Fragen beantworten lassen. Auf Anraten ihrer Mutter überlegt sie, eine Reise in das vergangene Galizien zu unternehmen.

Galizien: „Niemand ist jemals dorthin zurückgekehrt, du hättest die Chance, zu sehen, wo wir eigentlich herkommen.“ Zunächst zögert Nele noch, glaubt, dass in ihren Erinnerungen und in Schlesien alles zu finden ist, was ihren Großvater betrifft. Wozu die Vergangenheit aufwühlen, wenn alles auch aus der Gegenwart erklärt werden kann? Die Gegenwart besteht jedoch aus einem nicht zur Empathie fähigen Lebenspartner in Berlin, polnischen Verwandten, die sie als Halbpolin nicht ernst nehmen wollen, und vagen Andeutungen, was Djadjos Verhältnis zu seinem Bruder Leszek betrifft. Es ist die Rede von nicht vergehender Schuld, von Sünden, die nach dem Tod bezahlt werden müssten. Worte, die Nele verunsichern. Bisher sind es die Geschichten des Großvaters gewesen, die alles zusammengehalten haben, so die Mutter. Was ist nun aber, wenn es diesen Erzähler nicht mehr gibt, wenn die Gegenwart eine Stimme verloren hat und es immer noch Leerstellen zu füllen gibt? ----- Es muss weitererzählt werden.

Genau dies tut Sabrina Janeschs Debütroman Katzenberge, er erzählt weiter. Nele beschließt, sich nicht mit dem Gegebenen zufrieden zu geben und fährt nach Galizien, um die Erfahrungen ihres Großvaters nachzuerleben. Dieses Nacherleben verschafft dem Roman zwei Erzähler: zum Einen Nele als Ich-Erzählerin der Gegenwart, zum Anderen ihren Großvater Stanislav Janeczko, personal aus der Vergangenheit. Zwei Erzählinstanzen, zwei Wahrnehmungen, eine Geschichte: die Geschichte der aus Galizien vertriebenen Polen. Gekonnt lässt Janesch diese beiden Erzählstränge nebeneinander funktionieren. Eine Figur reist von Schlesien nach Galizien, die andere flieht in die entgegengesetzte Richtung. Die erzählte Erinnerung begleitet das erlebende Ich.

Diese erzählerische Parallelität ist so lückenlos inszeniert, dass sich gelegentlich das Gefühl der Überkonstruktion einstellt. Sabrina Janesch, Hildesheim-Absolventin aus dem Jahre 2009, hat ihre Hausaufgaben gemacht. Es lässt sich beinahe von einer Symbiose sprechen, die die beiden Erzählinstanzen miteinander eingehen. Eine Symbiose, die an einigen Stellen zu affektiert wirken mag. Ein gutes halbes Jahrhundert liegt zwischen den Erfahrungen des Großvaters und denen seiner Enkelin. Sie suchen Schlaf in denselben Räumen, tragen dieselbe Kleidung, spazieren über dieselben Felder, kämpfen mit denselben Flüchen, betreten dieselben Orte und teilen sich die Seiten eines Buches. Ja, diese Parallelität ist so gewollt und auffällig konstruiert, dass man es ihr schon vorwerfen kann, sich derart schamlos aufzudrängen. Sie versucht erst gar nicht, sich zu verstecken oder Angst vor dem Übermaß zu haben, sodass es scheint, die Autorin habe Angst, ihre Leser könnten nicht verstehen, worauf es ihr ankommt. Es scheint, als fehle ihr das Vertrauen in die Wirkungskraft ihrer Wörter und Sätze im Hinblick auf ihr Potential zur Produktion von Bedeutungsebenen.

Gerne darf Sabrina Janesch jedoch eine herausragende Stilsicherheit – denn die hat sie ohne Frage – zugesprochen werden. Ihre Naturbeschreibungen sind präzise und schaurig, ihre Charaktere ausgefeilt, ihre Wörter gut gewählt. Die Spannung, die wiederum sehr raffiniert kreiert wird, relativiert den Vorwurf des Plakativen und lässt uns in eine Geschichte eintauchen, die beachtlich und ungewohnt ist.

Dass der Trend der gegenwärtigen deutschen Literatur weg von dem Place-to-be-Berlin geht, ist mittlerweile nichts Neues mehr. Wir wissen, dass junge Autoren auch jenseits des Drogenrausches und der Selbstfindung schreiben können. Wir kennen auch die mündlichen oder schriftlichen Erzählungen über die Deutschen, die damals aus Schlesien vertrieben wurden. Die Geschichte einer 1985 geborenen Schriftstellerin über die zur Flucht aus ihrer Heimat Galizien gezwungenen Polen ist jedoch eine Innovation in der deutschen Literatur. Die Themen, die Janesch dabei aufgreift, sind so individuell wie allgemein: Es geht um das Zurücklassen des Gewohnten und den Versuch der Annahme des Fremden. Es geht um das Verhältnis von Nationalitäten, die sich einst Länder geteilt und weggenommen haben. Es geht um den Staub, der sich auf den Geschichtsbüchern ansammelt, und um eine junge Frau, die Mut beweist, diesen Staub wegzupusten. Dabei gelingt es ihr sogar, ein altes Familiengeheimnis zu lüften und somit die Geschichte in Teilen neu zu schreiben.

(von Jenny Sprodowsky)

Zur Autorin
Sabrina Janesch wurde 1985 in Gifhorn geboren. Sie studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim (Diplom 2009) sowie Polonistik in Krakau. 2005 gewann sie den 1. Preis beim O-Ton-Literaturwettbewerb des NDR. 2009 wurde ihr ein Stipendium des deutschen Kulturforums östliches Europa verliehen, was Janesch zur Stadtschreiberin in Danzig machte. 2010 wurde sie für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert und erhielt außerdem den Maria-Cassens-Preis für das beste Romandebüt.


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