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Jon Klassen | Wo ist mein Hut 

Aus dem Englischen von Thomas Bodmer
NordSüd Verlag 2012
40 Seiten
14,95 Euro
ISBN 978-3-314-10117-5

von Christiane Menzel | Download

„Wo ist mein Hut?“, fragt der Bär, aber keiner hat eine Antwort parat. Weder Fuchs noch Frosch, Kaninchen, Schildkröte, Schlange oder Gürteltier, die Bilderbuchautor Jon Klassen ihm auf seiner Suche nach dem geliebten Kleidungsstück begegnen lässt. Verzweifelt wie er ist, legt er sich auf den Boden und resümiert: „Niemand hat meinen Hut gesehen. Und wenn ich ihn nie wiedersehe? Und wenn ihn nie jemand findet? Mein armer Hut. Er fehlt mir so.“ Der Leser ist ergriffen. Er leidet mit dem Bären. Wer – ob Kind, ob Erwachsener – hat nicht schon einmal etwas Geliebtes gesucht? Allerdings dürften sich die Leser gleichzeitig bestimmt auch fragen, wann der etwas trottelige Bär bemerken wird, dass er seinen Hut doch schon längst gesehen hat. Es ist ihm nur nicht aufgefallen. Auf dem Kopf des Kaninchens saß er, und dieses hat ihn unverfroren angelogen. Wortreich antwortete es auf die Frage des Bären, ob es seinen Hut gesehen habe: „Nein. Warum fragst du mich? Ich hab ihn nicht gesehen. Ich habe überhaupt keine Hüte gesehen. Ich stehle doch keinen Hut. Stell mir bloß keine Fragen mehr“, während er von den anderen Tieren eher kurze Antworten bekam, wie etwa: „Ich habe mal einen Hut gesehen“ oder „Was ist ein Hut?“ ... Doch dann, plötzlich, fällt dem Bären ein, wo er seinen Hut schon gesehen hat und er rennt an allen befragten Tieren, Maulwurf, Schlange, Fuchs und Schildkröte vorbei zum Kaninchen. Und so ist der Leser fast am Ende der Geschichte angelangt. Der Bär ist glücklich, seinen Hut wiedergefunden zu haben. Bis ein Eichhörnchen am Bären vorbeigeht und ihn fragt, ob er (seinen Freund) das Kaninchen gesehen habe. „Nein“, antwortet der Bär ebenso ausführlich wie das Kaninchen zuvor, „Warum fragst du mich? Ich hab es nicht gesehen. Ich habe überhaupt keine Kaninchen gesehen. Ich fresse doch kein Kaninchen. Stell mir bloß keine Fragen mehr.“

Was soll ein vierjähriges Kind denken, wenn ihm Mutter, Vater oder Großeltern diese letzte Stelle, die Pointe des Buches, vorlesen? Dass der Bär das Kaninchen gefressen hat, weil es ihm seinen geliebten Hut gestohlen hat? Soll das die gerechte Strafe für das kleine diebische Kaninchen sein? Oder hat der riesige Bär das Kaninchen versteckt? Und was ist mit dem Eichhörnchen? Es hat seinen Freund gesucht und wird ihn wahrscheinlich nicht mehr wiederfinden wie der Bär zuvor seinen Hut. In den schlichten Illustrationen lässt sich die Auflösung dieser Fragen nicht finden. Vieles wird eher durch die Satzstruktur verraten. So muss der Leser von den ähnlich gearteten Antworten der beiden Lügenden davon ausgehen, dass sowohl das Kaninchen den Hut stahl als auch der Bär das Kaninchen fraß. Beide Antworten heben sich in ihrer Struktur von den Antworten der anderen Tiere ab.

Die Dialoge sind klarer aufgeteilt. In farblicher Abwechslung macht Jon Klassen deutlich, wer spricht, wer fragt und antwortet. Sie bilden tiefgründige Fragen über Stärke und Schwäche, Recht und Unrecht ab, geprägt von einem eigenen Humor, der eher erwachsenen Lesern gefallen könnte als der angesprochenen Zielgruppe. Die Darstellung der Bilder und Dialoge scheint Kindern angemessen, wenngleich die Gestaltung etwas bunter sein könnte. Fraglich ist allerdings, ob Kinder sowohl den Humor als auch den Ausgang der Geschichte, der der Imagination des Lesers überlassen wird, richtig enträtseln können.

Über den Autor:
Jon Klassen lebt in Los Angeles. Er ist ein kanadischer Animator, Autor und Illustrator und arbeitete neben anderen Projekten an den Filmen Coraline (2009) und dem Zeichentrickfilm Kung Fu Panda 2 (2011) mit. Das Bilderbuch Wo ist mein Hut erschien zunächst 2011 unter dem Titel I Want My Hat Back. 2012 wurde es von Thomas Bodmer ins Deutsche übersetzt. 2013 gewann der Autor für Wo ist mein Hut den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie Bilderbücher. Im selben Jahr erschien auch die Fortsetzung This Is Not My Hat, das 2014 im NordSüd Verlag unter dem Titel Das ist nicht mein Hut erschienen ist.


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