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Uticha Marmon | Als Opapi das Denken vergaß 

Magellan
2014
160 Seiten
13,95 €
ISBN 978-3-7348-4004-3
Ab 9 Jahren

von Yvonne Castrup-Joeres | Download

„Und vielleicht war die Wirklichkeit ohnehin eine genauso schwierige Sache wie das Vergessen.“

Doktor Adalbert Abendroth – das ist der so schön wichtig klingende Name von Mias Urgroßvater, den sie, um Verwechslungen mit Opas und Papas auszuschließen, Opapi nennt. Und Opapi zieht nun bei Mias Familie ein, genauer gesagt in die Wohnung nebenan. Eigentlich eine tolle Sache, wie Mia findet, denn Opapi kann ziemlich gut Brotteigschwäne kneten. Aber der Grund für den Einzug scheint den Erwachsenen Sorgen zu bereiten: Opapi vergisst immer wieder Dinge, die man besser nicht vergessen sollte, wie zum Beispiel nach dem Duschen das Wasser abzustellen. Mia findet sowas nicht besonders schlimm. Doch bald schon merkt sie, dass die Sache mit dem Vergessen und der Verwirrtheit durchaus so ihre Tücken hat und dass es ihren Opapi sehr traurig macht, nach und nach immer mehr von seinem eigenen Leben zu verlieren.

Laut eines Berichts des Bundesministeriums für Gesundheit leiden rund 1,6 Millionen Menschen in Deutschland an Demenz. Doch das ist nur die Zahl der Erkrankten. Tatsächlich leiden weit mehr Menschen unter der Erkrankung, denn auch die Angehörigen sind durch die Diagnose betroffen. Wenn ein Familienmitglied erkrankt, ändert sich das ganze Leben – und zwar das der gesamten Familie. Wie bewältigt man so etwas, wie findet man einen Umgang mit dieser Krankheit, die so beängstigend und kräftezehrend ist? Oft kann die Biografie eines Erkrankten einen Zugang zu seinem Verhalten und seinen Gefühlen darstellen, so dass Angehörige versuchen können, auf diesem Weg mit ihm in Verbindung zu bleiben, wenn er selbst sich nicht mehr richtig ausdrücken kann. Es braucht Verständnis und Akzeptanz, aber auch Liebe, Verlässlichkeit und Kreativität, damit die ganze Familie mit einer Erkrankung leben kann, die nicht heilbar ist. Und genau darum geht es in Uticha Marmons Buch.

Mia beschließt, dem Vergessenstroll den Kampf anzusagen: Mit Hilfe alter Fotoalben unternimmt sie zusammen mit ihrem Opapi Zeitreisen in dessen Vergangenheit, so dass sie die wichtigen Stationen im Leben ihres Urgroßvaters selbst besucht und somit vor dem Vergessen bewahrt. Aber wer ist dieser Berti, der zusammen mit Opapis Ankunft plötzlich in ihrem Leben auftaucht? Er ist zwar ziemlich frech, aber er hilft ihr auch gegen blöde Jungs und man kann richtig tolle Dinge mit ihm erleben. Immer, wenn Opapi nicht zu finden ist, taucht der Junge im Matrosenanzug auf und erst langsam dämmert es Mia: „Das konnte nur die Demenz – dass ein Junge und ein Urgroßvater ein und derselbe sein konnten.“ Doch Berti traut sich nur bei ihr zu erscheinen. Und das wiederum ist für Opapi eine anstrengende Sache, denn er weiß ja nie im Voraus, wer gerade vor seiner Tür steht. Als Mia Opapis inneren Zwiespalt begreift, steht ihr Plan fest: Wenn die Vergangenheit in Vergessenheit zu geraten droht, dann muss man ein Stück der Vergangenheit eben in die Gegenwart holen, damit Opapi und Berti sich gleichermaßen zuhause fühlen.

Es ist ein ernstes Thema, dem sich dieses Buch auf vorsichtige und gefühlvolle Weise zu nähern versucht, ohne dabei in einen tragischen Tonfall zu verfallen. Mia und ihre Familie gehen mit Verständnis, Geduld und Liebe an Opapis Problem heran und tun, was sie können, um ihm die Freude am Leben zu erhalten. Auf kindgerechte Art zeigt Uticha Marmon, was Demenz ist und dass man sie nicht aufhalten, aber doch versuchen kann, mit ihr umzugehen. Dabei gelingt es ihr, den unbeirrbaren Willen eines Kindes, das das vergessene Leben seines Urgroßvaters wiederfinden will, in bemerkenswert anschaulichen Bildern darzustellen. Gefühle kriechen über die Seiten, die Vergangenheit dampft durch das Buch und hinterlässt Rußspuren in Mias Gesicht. Mit viel Fantasie und Einfallsreichtum findet Mia den Weg in Opapis Vergangenheit. Auf diese Weise lernt sie die Sorgen ihres Urgroßvaters zu verstehen, seine Sehnsüchte und Ängste zu erkennen.

Letztlich sind Opapi und Berti, der Junge, der er einmal war, kaum mehr voneinander zu unterscheiden. Vielleicht ist dies das Fortschreiten der Demenz, doch das Buch endet, bevor man erfährt, was weiter geschieht. Es ist kein Ratgeber, der Statistiken, Krankheitsverläufe oder gar Lösungsvorschläge liefern möchte. Es ist ein Buch, das seine Hilfe anbietet, um Kindern ein Thema zu vermitteln, das eigentlich kein Kinderthema zu sein scheint, das aber in jeder Familie wichtig werden kann.

Uticha Marmon wurde 1979 in Berlin geboren und ist Lektorin, Dramaturgin und Autorin. Sie studierte Dramaturgie, Vergleichende Literaturwissenschaft und Pädagogik und war als Dramaturgie-Assistentin an den Münchener Kammerspielen sowie als Lektorin beim Hamburger Hörbuchverlag Jumbo tätig.

(Yvonne Castrup-Joeres)


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