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Peer Meter und Barbara Yelin | Gift 

Graphic Novel
Reprodukt 2010
200 Seiten
20.00 Euro
ISBN 978-3941099418

von Katja Kel | Download

Gesche Margarethe Gottfried ist eine Mörderin, eine von der Sorte, die böswillig und kaltblütig einem ausgetüftelten System nachgeht. Das ist das Erste, was die Protagonistin in Bremen erfährt, als sie 1831 in der Stadt ankommt, um einen Reisebericht zu verfassen. Mit viel Engagement und Idealismus stürzt sie sich daraufhin in die Entschlüsselung der Motive Gesche Gottfrieds. Schnell stößt sie auf eine morbide Gesellschaft, auf falsche Verdächtigungen und auf eine ständige Reproduktion von Vorurteilen. Und so läuft sie von Panel zu Panel, von Szene zu Szene, mit ihrer Tasche im Gepäck, gehetzt von Verfolgern oder verwirrenden Gedanken, dem Wahn nicht mehr fern. Durch Anteilnahme und tiefe Einblicke in Gesche Gottfrieds Psyche verflechtet sich ihre eigene Erfahrung der Stadt mit der der Mörderin.

Nun, fünfzig Jahre später, wird sie vom Verdrängten eingeholt und verarbeitet im Prozess des Erinnerns. Doch wie funktioniert das Erzählen von Erinnerungen?

Nicht zufällig zitiert Peer Meter eingangs seiner graphic novel Gift Büchners Woyzeck. Das Schicksal eines durch eingerostete gesellschaftliche Verhältnisse und vorsätzliche Missdeutungen völlig zerrütteten Mannes, dessen Irrsinn das einzige Echo auf die Welt, die ihn umgibt, sein kann.

Dieses Motiv wird in Gift neu aufgerollt. Zusammen mit feinen Bleistiftzeichnungen von Barbara Yelin, die mit vielen Schattierungen und skizzenhaften Elementen einen ungewöhnlichen Stil im Comic vertritt, ergibt diese graphic novel eine mitreißende und dynamische Lektüre. Die Tatsache, dass es eine weibliche Hauptfigur trifft, die in der Enge der Bremer Biedermeier Gesellschaft in den Wahnsinn abdriftet, scheint nicht zufällig gewählt. Durch wiederkehrende Bemerkungen der Protagonistin und die aufkommende Empörung über offensichtliche patriarchalische Gesellschaftsstrukturen wird hier ein immer noch relevantes Thema beleuchtet. Die Psyche des weiblichen Pendants zu Woyzeck wird eingehend studiert: Dieses Mal scheint man mithilfe der Protagonistin und ihres scharfsinnigen Blicks dem Kriminalfall auf die Schliche gekommen zu sein. Fast schon wie ein Mantra wird die Krankhaftigkeit der damaligen Bremer Gesellschaft wiederholt. Eine perfekte Analogie dazu ergeben die erkrankten Giftopfer. Leider viel zu direkt wird den Lesenden dadurch eine Deutung vorgegeben. Meter hat sich - das erfährt man im Klappentext – schon seit über 20 Jahren mit diesem Fall beschäftigt und Gift scheint fast schon eine Art Zusammenfassung samt mitgelieferter Deutung zu sein.

Doch dieser schwarz-weiß Comic, ein Geschichtsroman mit schönen Bleistiftzeichnungen, ist mehr als die auf der Oberfläche schwimmende Eindeutigkeit. Durch mehrere ineinander greifende Innenperspektiven, die in die Geschichte sowohl auf textlicher als auch auf bildlicher Ebene dramaturgisch fein eingeflochten sind, offenbart sich eine tiefgreifende Schichtenuntersuchung.In Gift finden wir keine allwissende Erzählstimme. Die Erzählung, die gesamte Handlung kann sich nur durch Mehrstimmigkeit entfalten und wird durch filmisch eingesetzte Panelsetzung unterstützt.

Wenn es auch inhaltlich ein wenig an Originalität mangelt und die Figuren ein wenig zu klischeebeladen sind - was insgesamt an ein Märchenbuch erinnert - so muss man umso mehr die Struktur der graphic novel loben, die durch ihre Durchlässigkeit den gesamten Band stärker wirken lässt. Retrospektive folgt auf Retrospektive, bis ein dichtes Ausmaß an Erinnerungssträngen erzeugt ist: ein mögliches Organisieren des Erzählens, das gekonnt fiktionale Erinnerungen mit realen Elementen verbindet. Durch das Einfügen eines außerhalb stehenden und außerdem fiktiven Blicks in eine geschichtliche Gegebenheit wie sie – davon gehen wir aus – tatsächlich stattgefunden hat, versucht Meter hier einen psychologischen Griff, um eine Analyse zu ermöglichen. Genau wie Meters ambitionierte Protagonistin stößt man im Leseprozess immer wieder auf scheinbare Unmissverständlichkeiten, denen man allzu leicht verfallen kann. In all seinen Grenzen weist der Geschichtscomic dennoch eine runde Handlung mit einer Portion Pathos auf und lädt zu einer spannenden Reise durch die Abgründe einer längst vergessenen Geschichte ein.

(von Katja Kel)


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