HALBINSEL. Kristine Bilkau liest aus ihrem preisgekrönten Roman 

© Hannah Brahm© Hannah Brahm

Mittwoch, 19.11., 19 Uhr 

Aula im Universitäts-Hauptgebäude

Ludwigstr. 23

35390 Gießen

Gästebuch | GAZ | GA

Veranstaltungsbericht 

In der Aula des Universitätshauptgebäudes durfte am Mittwochabend, den 19.11., ein großes Publikum der Lesung von Kristine Bilkau aus ihrem Roman Halbinsel folgen. In gelassener Atmosphäre sprachen die Autorin und Moderatorin Diana Hitzke (LZG) über die Hauptfiguren und deren Beziehung zueinander sowie über aktuelle gesellschaftliche Themen und ein wenig über die norddeutsche Natur.  

Dass Bilkaus Roman Halbinsel den Preis der Leipziger Buchmesse 2025 erhielt, greift auch Hitzke in ihrer Einleitung auf, indem sie die Begründung der Jury zitierte: »Bilkau schreibt mit feinem Einfühlungsvermögen über eine vielfache Entfremdung, über Einsamkeit des Alterns und die Hoffnung auf Versöhnung.«  

Dieses feine Einfühlungsvermögen vermittelt auch die erste Lesestelle des Abends, in der die Ich-Erzählerin Annett mitanschaut, wie ihre Tochter Linn, die noch im Kleinkindalter ist, versucht eine Treppe hinaufzuklettern.  Am liebsten würde Annett ihr Kind einfach auf den Arm nehmen und sie selbst die Treppe hochtragen, weiß aber, dass das nicht zielführend ist. Während Linn schon von früh auf Selbstständig sein möchte, muss Annetts Tochter auch eigenständig einen Weg finden, um Herausforderungen zu meistern. Nur so lernt das Kind. Bilkau bemerkt, dass bereits in dieser »Urszene« das Fundament der Mutter-Tochter Beziehung etabliert wird, welches aus einem Spannungsfeld zwischen Fürsorge und Freiheit bestehe. Einerseits möchte Annett ihre Tochter beschützen, andererseits muss sie aber ihrer Tochter die Freiheit lassen, sich selbst zu auszuprobieren.  

Bilkau macht das Publikum zu Annetts Gefährtin auf dem Weg in die Klinik, um Linn nach ihrem Zusammenbruch zu besuchen. Zusätzlich wird Linn durch ihren beruflichen Erfolg als eine Art »Superperformerin« gezeichnet, die dann mit dem Rückzug ins Elternhaus an einen Nullpunkt oder in eine Regression gerät. Annett befinde sich metaphorisch gesehen wieder an der Treppe: am liebsten würde sie für ihre Tochter Lösungen finden, für Linn geht es jedoch weniger um Lösungen, sondern um ein Innehalten im gegenwärtigen Moment.  

Ein ebenfalls zentrales Thema in Halbinsel ist die Klimakrise, welche laut Bilkau heute wieder an Aufmerksamkeit in der Gesellschaft verliere. In ihrem Roman thematisiert sie auch das Sprechen darüber: »Emissionen, Erderwärmung, Extremwetter, Superreiche, Privatjets, Yachten – jeder Begriff nur noch ein Klischee. Die Leute können es nicht mehr hören, Klima und Krise, es nervt sie. Klimaschutz ist fast ein Unwort, man muss sich gut überlegen, ob man es verwendet – wenn man möchte, dass einem noch irgendjemand zuhört.«  Auf Hitzkes Frage, wie sie beim Schreiben mit dieser negativ-behafteten Sprache umgehe, betont Bilkau, dass dieser Umgang auf die jeweiligen Figuren ankomme. Das abgenutzte Vokabular, die Begriffe, die ihre Wirksamkeit verloren hätten, seien für Linn beispielsweise ein wichtiger Bestandteil ihres Berufs, um über Fakten und Wissenschaft zu sprechen.  

Auch den Erzählton entwickle sie aus den Figuren heraus. Das sorgsame Ausloten dieses Tons sei ein langer Prozess, wie die Autorin berichtet. Während des Schreibens stelle sie sich zum Beispiel die Frage, was für ein Charakter die Ich-Erzählerin ist und wie sich dementsprechend ihre Sprache gestalte. Annett ist eine eher reservierte Figur, deren bildhaftes Erzählen aus ihrem Alltag hervor geht. So zeichnet sie, beispielsweise, aus einer kurzen Beobachtung ein intimes Porträt von Linn: »Das Wundersame war, dass ich in ihrem Ausdruck, den Kleinigkeiten, wie sie die Lippen ein wenig verzog oder sich die Augenlieder rieb, dass ich in dieser erwachsenen Frau das Kleinkind sehen konnte, sogar noch das Neugeborene, das ich in diese Welt gebracht hatte.«  

Bei einer abschließenden Möglichkeit Fragen zu stellen, erzählt eine Stimme aus dem Publikum, dass die Kluft zwischen Annett und Linn für sie keinesfalls spaltend wirkt. Sie empfinde Halbinsel als einen generationenübergreifenden Roman, welcher sie und ihre Tochter sogar ein Stück näher zusammengebracht habe.  

Insgesamt bot der Veranstaltungsabend einen Raum, um sich in verschiedene Perspektiven hinzuversetzen, und die eigenen Perspektiven zu reflektieren. Auch ein näheres Auseinandersetzen mit gesellschaftlich relevanten Themen wurde durch das harmonische Gespräch zwischen Diana Hitzke und Kristine Bilkau ermöglicht.  

In Kooperation mit dem Institut für Germanistik der Justus Liebig-Universität Gießen und mit freundlicher Unterstützung der Justus-Liebig-Universität Gießen

Von Lucia Drewenka


Drucken

TOP

Literarisches Zentrum Gießen e.V.
Südanlage 3a (Kongresshalle)
35390 Gießen

Telefon: 0641 972 825 17
Telefax:  0641 972 825 19
E-Mail:    info@lz-giessen.de

ÖFFNUNGSZEITEN BÜRO:

MO  10.00 - 14.00 Uhr
DI    13.00 - 17.00 Uhr
DO  10.00 - 14.00 Uhr

SOCIAL NETWORKS & KONTAKT

© Copyright 2026 Literarisches Zentrum Gießen e.V. Alle Rechte vorbehalten.